HSV – FC St. Pauli

Letschert zu Veerman: "Dein Geheimnis ist der Aal"

HSV-Profi Timo Letschert (l.) und Henk Veerman vom FC St. Pauli wuchsen nur zehn Kilometer voneinander entfernt in den Niederlanden auf.

HSV-Profi Timo Letschert (l.) und Henk Veerman vom FC St. Pauli wuchsen nur zehn Kilometer voneinander entfernt in den Niederlanden auf.

Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

St. Paulis Henk Veerman und Timo Letschert vom HSV wuchsen zehn Kilometer voneinander entfernt auf. Jetzt treffen sie sich im Derby.

Hamburg.  Der erste Derbysieg ging drei Tage vor dem Spiel der Spiele an Timo Letschert. Der HSV-Profi erwischte den letzten Platz in der Abendblatt-Tiefgarage, St. Paulis Henk Veerman blieb nur ein kostenpflichtiger Parkplatz. Veerman ist zwar nicht nachtragend, will sich aber am Sonnabend (13 Uhr) revanchieren. Bevor es auf den Platz geht, bat das Abendblatt die beiden Niederländer zum amüsanten Vorgeplänkel an einen Tisch – im Raum Uwe Seeler.

Hamburger Abendblatt: Herr Veerman, wissen Sie, wo Timo Letschert hier in Hamburg wohnt?

Henk Veerman: Keine Ahnung. Wir wollten uns zwar schon häufiger treffen, aber irgendwie hat es nie geklappt. Wo wohnst du denn?

Timo Letschert: In Rissen. Ich wohne in einem Doppelhaus neben Tim Leibold. Auch Lukas Hinterseer wohnt bei uns in der Nachbarschaft. Und du?

Veerman: Ich wohne in Langenhorn. Da ist es entspannt – so wie in meiner Heimat Volendam. Das gefällt mir.

In Hamburg wohnen Sie knapp 20 Kilometer voneinander entfernt. Wussten Sie, dass Ihre Elternhäuser nicht einmal zehn Kilometer voneinander entfernt liegen?

Veerman: Klar. Ich komme aus Volendam. Und Timo aus Purmerend, oder?

Letschert: Stimmt. Ich bin auch in Purmerend geboren. Und du?

Veerman: Tatsächlich in Volendam.

Letschert: In Volendam gibt es gar kein Krankenhaus.

Veerman: Es war eine Hausgeburt.

Letschert: Volendam ist wirklich eine ganz andere Welt.

Na ja, so anders kann die Welt zehn Kilometer entfernt ja nicht sein.

Letschert: Doch. Volendam ist ein kleiner Fischerort, der ganz anders ist als der Rest der Gegend. Die Bewohner haben sogar ihren eigenen Dialekt. Wenn Henk schnell redet, dann verstehe ich ihn nicht. Es klingt eher wie Friesisch.

Veerman: Wohnen denn deine Eltern noch in Purmerend?

Letschert: Nein. Sie wohnen jetzt in einem Vorort Amsterdams, aber auf der anderen Seite der Stadt. Ich selbst habe mir auch gerade ein Haus in Amsterdam gekauft, was wirklich nicht einfach ist. Der Immobilienmarkt in Hamburg ist ja schon schwierig. Aber Amsterdam ist richtig hart. Trotzdem ist Amsterdam für mich der schönste Ort überhaupt.

Veerman: Es ist der schönste Ort – nach Volendam.

Amsterdam ist nur ein Katzensprung entfernt von Ihrer Heimat. Waren Sie beide als Kinder Ajax-Fans?

Veerman: Ich war Volendam-Fan.

Letschert: Ich sage es ja: Volendam ist anders (lacht). Ich war tatsächlich großer Ajax-Fan. Ich habe früher ja auch in der Ajax-Jugend gespielt. Und bei uns war es so, dass die Jugendspieler bei den Profispielen immer Balljungen waren. Ein Balljunge durfte vor den Spielen immer im Stadion den Ball so lange wie möglich hochhalten. Ich habe damals den Rekord gebrochen: 890-mal am Stück.

Gab es eine Belohnung?

Letschert: Ich durfte mir einen Ajax-Spieler aussuchen, mit dem ich ein Foto machen konnte. Ich habe mir Rafael van der Vaart ausgesucht. Er war ein Held für mich. Und letztens habe ich ihn tatsächlich nach einem HSV-Spiel getroffen. Wir haben uns dann einen schönen Abend gemacht.

Veerman: Mich hat keiner eingeladen. Aber ich war ja auch kein Ajax-Fan.

Letschert: Ajax gehörte zu meiner Familie. Martijn Reuser ist zum Beispiel mein Onkel. Er wurde eingewechselt, als Ajax 1995 den Weltpokal gewonnen hat. Das Talent habe ich wahrscheinlich von ihm und von meinem Vater. Aber meine Mutter ist auch Ajax-Fan. Meine Eltern haben beide Dauerkarten. Und ich war dann ja im Ajax-Internat.

Später wechselten Sie nach Utrecht, wo Sie beide fast Kollegen wurden.

Letschert: Erik ten Hag, der heute Cheftrainer von Ajax Amsterdam ist und damals mein Trainer in Utrecht war, wollte Henk als Nachfolger von Sébastien Haller (heute bei West Ham United, die Red.) holen.

Und? Waren Sie zu teuer?

Veerman: Ich denke nicht. Aber das Thema ist für mich abgeschlossen.

Immerhin hat dann später Ihr Wechsel aus Heerenveen zum FC St. Pauli geklappt. Können Sie uns mal erklären, wie man mit 2,01 Metern Länge so beweglich sein kann?

Veerman: Kann ich nicht. Ich habe kein Erfolgsgeheimnis.

Letschert: Dein Geheimnis ist der Aal.

Der Aal?!?

Letschert: In Volendam isst man unglaublich viel Aal. Stimmt doch, oder?

Veerman: Das stimmt wirklich (lacht).

Henk Veerman ist nicht nur beweglich, sondern vor allem sehr groß. Freuen Sie sich schon auf die Kopfballduelle gegen ihn?

Letschert: Alles eine Frage des Timings. Wenn ich im richtigen Moment abspringe, dann kann ich das Kopfballduell auch gewinnen. Aber unsere Videoanalyse von unseren Gegenspielern kommt ja noch.

Können Sie sich an Ihre Duelle erinnern?

Letschert: Das eine war ein Freundschaftsspiel im Sommer 2014.

Veerman: Da hat Volendam 5:0 gegen Kerkrade gewonnen.

Letschert: Echt?

Veerman: Nein, nein, das war ein Spaß.

Ziemlich ernst war es, als Utrecht 4:0 gegen Heerenveen gewonnen hat ...

Letschert: Da habe ich einen richtig harten Ellenbogenschlag ins Gesicht bekommen und musste raus. Das war eine klare Rote Karte, aber der Schiedsrichter war nicht wach.

Sie mussten beide schon sehr viel schlimmere Verletzungen als einen Schlag ins Gesicht verkraften, zum Beispiel Ihre Kreuzbandrisse. Wer hat Sie in den Monaten danach besonders unterstützt?

Letschert: Ich war in der Zeit in Italien. In meiner ersten Saison dort habe ich mir meine Schulter gebrochen, in der zweiten Saison das Kreuzband abgerissen. Erst war ich vier Monate verletzt, dann neun Monate. Es war eine schwere Zeit für mich. Ich hatte damals richtig hohe Ambitionen. Aber dann plagten mich die Zweifel, ob ich wieder so stark wie vorher werden kann. Ich habe in der Zeit viel mit meiner Frau und meinen Eltern gesprochen. Das hat mir geholfen.

Und wie war das bei Ihnen, Herr Veerman?

Veerman: Natürlich hat mir meine Familie auch sehr geholfen. Ich denke, dass ich heute derselbe wie vor dem Kreuzbandriss bin. Die Ärzte und Physiotherapeuten haben das richtig gut gemacht.

Derby-Podcast mit HSV-Boss Hoffmann und St.-Pauli-Präsident Göttlich:

Sie haben beide jeweils einen Sohn. Werden die Jungs hier zweisprachig aufwachsen?

Letschert: Mein Junge ist vier Jahre alt. Wir planen jetzt, dass er in den Kindergarten kommt, aber das ist hier gar nicht so leicht, einen Platz zu bekommen. Wir sprechen zu Hause Niederländisch, aber ich glaube, er braucht nur drei bis vier Monate im Kindergarten, um Deutsch zu sprechen. Er ist ein cleverer Junge.

Veerman: Mein Sohn ist knapp eineinhalb Jahre alt und ist jetzt in die Kita gekommen. Aber noch spricht er weder deutsche noch niederländische Wörter. Irgendwas müssen wir da vielleicht besser machen. (lacht)

Letschert: Sprecht ihr zu Hause Niederländisch oder euren Volendam-Dialekt?

Veerman: Natürlich unseren Dialekt.

Ihre Frau kommt auch aus Volendam?

Veerman: Selbstverständlich.

Letschert: Sie müssen sich auch mal Volendam anschauen. Dahin fahren auch viele Touristen, sogar aus China.

Veerman: Ja, es ist das Monaco der Niederlande.

Letzte Frage: Gibt es ein Wort für Derby auf Niederländisch?

Letschert: Derby.

Und im Volendam-Dialekt?

Veerman: Derby ist Derby. Sogar in Volendam.