Fußballkultur

Für Ultras ein Graus: Wie 5G das Stadionerlebnis verändert

Beim Bundesligaspiel gegen Hoffenheim konnten Zuschauer in Wolfsburg bereits die neue DFL-App testen.

Beim Bundesligaspiel gegen Hoffenheim konnten Zuschauer in Wolfsburg bereits die neue DFL-App testen.

Foto: dpa

Die DFL treibt die Technisierung auf den Rängen an, bewegt sich damit aber auf einem schmalen Grat zwischen Tradition und Innovation.

Hannover. Der Blick geht aufs Handy statt direkt aufs Spielfeld. Mit welcher Schussgeschwindigkeit hat Robert Lewandowski da gerade den Ball ins Tor gejagt? Wie schnell war Shootingstar Erling Haaland vor seinem Treffer? Die Antworten auf diese und andere Fragen können sich Fußballfans zukünftig im Stadion wohl auf ihrem Telefon oder sogar auf ihrer Brille einblenden lassen.

Der neue und superschnelle 5G-Mobilfunk macht's möglich. Die Technik wird das Stadionerlebnis in vielerlei Hinsicht verändern – wahrscheinlich schon auf dem Weg zum Spiel. Ob sie es auch verbessert, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten.

VfL Wolfsburg ist Vorreiter mit neuer App

"Nach unseren Marktforschungserkenntnissen wird der Bedarf nach weiteren Services und nach zusätzlichen Informationen ständig größer“, sagt Michael Meeske, Geschäftsführer beim VfL Wolfsburg. Die Niedersachsen sehen sich als Innovationstreiber, haben in Teilen ihres Stadions bereits 5G-Empfang und in dieser Saison eine neue Stadion-App getestet.

Beim 1:1 gegen die TSG 1899 Hoffenheim gab es für ausgewählte Zuschauer Live-Daten von den Torschützen Admir Mehmedi und Sebastian Rudy sowie den anderen Spielern in Echtzeit aufs Handy. "Augmented Reality" nennt sich das Ganze – erweiterte Realität. Um in diese einzutauchen, mussten die Besucher nicht viel mehr tun, als die Kamera ihres Mobiltelefons auf das Spielfeld zu richten. Noch ist die App nicht für alle Besucher verfügbar, das könnte aber bald anders sein.

DFL-Projektleiter rechnet mit weiteren Apps

"Ich gehe schon davon aus, dass wir in zwei Jahren neue Applikationen haben werden“, sagt Andreas Heyden, der sich bei der Deutschen Fußball Liga als "Executive Vice President Digital Innovation DFL Group“ mit digitalen Innovationen beschäftigt. Ob es speziell diese App sein wird, könne er nicht sagen.

Heyden meint aber: "Wir werden die technischen Möglichkeiten haben, die solche und auch andere Applikationen ermöglichen.“ Die Zuschauer müssen die Entwicklung dann nur noch mitgehen. Noch hätten zu wenige Zuschauer 5G-fähige Geräte, sagt Meeske.

Er rechnet damit, "Anfang/Mitte nächsten Jahres“ die ganze Volkswagen Arena mit Empfang für die fünfte Mobilfunkgeneration ausgestattet zu haben. Andere Bundesligastandorte planen ebenfalls mit der Technik.

Fans mit Brille erhalten weitere Informationen

Schon jetzt gehört modernes technisches Equipment für viele Zuschauer genauso zum Stadionerlebnis wie Bratwurst, Bier und Torjubel. Wo früher die Durchsagen des Stadionsprechers, das Stadionheft und das in der entscheidenden Saisonphase mitgebrachte Radio für 90 Minuten die einzigen Informationsquellen waren, prägen Videoleinwände und Handys das Erlebnis in den Arenen mit.

Mit 5G kämen weitere Entertainment-Möglichkeiten hinzu, nicht nur auf dem Handy. "Menschen, die eine Brille tragen, haben ein Augmented-Reality-Gerät auf der Nase“, sagt Heyden, dem der Enthusiasmus um die neue Technik deutlich anzumerken ist. "Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Menschen in fünf oder zehn Jahren auf ihrer Brille auch Informationen eingeblendet bekommen – auch im Stadion.“

Für Ultras sind Handys während des Spiels tabu

Einige Fußball-Puristen und aktive Fans hören solche Aussagen überhaupt nicht gerne. "Wir haben den Eindruck, dass sich der Fußball immer mehr vom eigentlichen Sport entfernt und von dem, was diesen Sport prägt und ausmacht“, sagt Sig Zelt vom Fan-Bündnis ProFans. "Für uns machen Emotionen und Teamgeist den Fußball aus. Nicht die Statistik oder der Videobeweis.“

Zelts Sorge: Wenn immer mehr Menschen lieber aufs Handy statt aufs Spielfeld schauen, feuern sie die Mannschaften weniger an. "Im Ultra-Block ist es völlig verpönt, während des laufenden Spiels das Telefon in die Hand zu nehmen“, sagt er. "Der Support soll der Mannschaft gehören.“

Fantexte und die kürzeste Schlange zum Bier

Auch Meeske sieht die Gefahr der Ablenkung. Der 48-Jährige kann sich aber auch einen gegenteiligen Effekt vorstellen: Mit einer entsprechenden App könnten sich Zuschauer beispielsweise Fanlied-Texte anzeigen lassen und dann mitsingen.

Die moderne Technik kann den Stadionbesucher zudem bei viel grundlegenderen Bedürfnissen unterstützen. "Wenn ich als Stadiongänger zwei Wünsche an die Technik habe, sind es diese: Meine App soll mir sagen, wo die kürzeste Schlange zum Bier und zur Bratwurst ist und wo die kürzeste Schlange zur Toilette ist“, sagt Heyden und lacht.

Handy soll den Weg zum Klo weisen

Denkbar ist auch folgendes Szenario: Schon auf dem Weg zur Arena sagt eine App dem Fan, welchen Parkplatz er beim aktuellen Verkehrsaufkommen am besten erreichen kann. Die App kennt die Entfernungen der unterschiedlichen Parkmöglichkeiten zum Stadion, den Füllstand der Parkplätze und errechnet genau, wie lange man bis zu seinem Sitzplatz braucht.

Die Bratwurst, Pizza oder das Bier für die Halbzeit vorbestellen und sich das Fan-Menü sogar an den Platz bringen lassen? Kein Problem. Und auch die Idee, den Fans den aktuell schnellsten Weg zum WC anzuzeigen, ist nicht realitätsfern. Entsprechende Planspiele gibt es bereits.

DFL möchte die Fans nicht verprellen

"Wir müssen die Tradition respektieren, wir müssen aber auch den Mut haben, Dinge auszuprobieren“, sagt Heyden. "Dafür muss man dann auch mal Kritik einstecken können.“ Man müsse "eine Brücke bauen zwischen den nachwachsenden Zielgruppen und den jetzigen Fans, für die das Stadionerlebnis weiter das beinhalten soll, was sie so daran lieben“.

Heyden weiß um das hohe Gut der Stimmung in der Bundesliga und um die lautstark ausgedrückte Leidenschaft, mit der vor allem die Fans in den Kurven einen großen Teil zur Faszination Stadion beitragen. Vor dem Hintergrund der Fan-Skepsis wird es auch darauf ankommen, niemanden zu verprellen.