Hertha BSC

Jürgen Klinsmann entschuldigt sich für seinen Rücktritt

Jürgen Klinsmann hat seine Ära als Cheftrainer von Hertha BSC nach nur elf Wochen eigenmächtig beendet – nun möchte er in den Aufsichtsrat des Berliner Bundesligisten zurückkehren.

Jürgen Klinsmann hat seine Ära als Cheftrainer von Hertha BSC nach nur elf Wochen eigenmächtig beendet – nun möchte er in den Aufsichtsrat des Berliner Bundesligisten zurückkehren.

Foto: Imago/Jan Hübner

Massive Kritik am Rücktritt des Berliner Trainers. Klinsmann-Intimus Windhorst und Gegenbauer laden zu PK. Labbadia als Nachfolger?

Berlin/Hamburg. Nach gerade einmal 76 Tagen ist Jürgen Klinsmann als Cheftrainer von Hertha BSC zurückgetreten. Mit seiner am Dienstag eigenmächtig auf Facebook verkündeten Entscheidung hat der 55-Jährige den abstiegsbedrohten Fußball-Bundesligisten aus Berlin gehörig durcheinandergeschüttelt. Abendblatt.de hält Sie über Hertha BSC und die Causa Klinsmann auf dem Laufenden.

Verliert Klinsmann Aufsichtsratsposten bei Hertha?

Nach seinem unrühmlichen Abgang als Hertha-Trainer kehrt Klinsmann offenbar nicht in den Aufsichtsrat zurück. Wie der "Spiegel" berichtet, soll der frühere Bundestrainer gar keine Funktion mehr bei den Berlinern bekleiden. Am Donnerstag (11.30 Uhr) wollen sich Investor Lars Windhorst, Manager Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer auf einer gemeinsamen Pressekonferenz äußern.

Klinsmann war im Zuge des Engagements von Windhorst als dessen Vertrauter in das Kontrollgremium gerückt, hatte sein Mandat aber ruhen lassen, als er am 27. November das Traineramt vom entlassenen Ante Covic übernommen hatte

Klinsmann bezeichnet Rücktritt als „fragwürdig“

Jürgen Klinsmann hat die Umstände seines plötzlichen Rücktritts als Hertha-Trainer selbst als „fragwürdig“ bezeichnet. Er wolle sich für die Art und Weise seiner überraschenden Demission bei den Berlinern nach nur elf Wochen im Amt entschuldigen, sagte der 55-Jährige in einem Videochat bei Facebook. Er hätte sich „mehr Zeit lassen sollen, mehr reden sollen mit der Hertha-Führung“, fügte Klinsmann hinzu. Die Entscheidung sei aber bereits seit Wochen in ihm gereift.

Auslöser für seinen Rücktritt seien Meinungsunterschiede über die Aufteilung von Kompetenzen zwischen ihm als Trainer und Sport-Geschäftsführer Michael Preetz gewesen. Dies habe ihm „unglaublich aufgestoßen“. Bis zuletzt habe er sich bei den Berlinern in einem vertragslosen Zustand befunden, sagte Klinsmann.

Trainer-Präsident sauer auf Klinsmann

Jürgen Klinsmann hat der Trainer-Gilde durch seinen plötzlichen Rücktritt nach Ansicht des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL) einen Bärendienst erwiesen.

"Die Art und Weise, von einer Sekunde zu anderen das Handtuch zu werfen, ist sehr bedenklich. Wir können das nicht begrüßen. Vereine werden zu Recht kritisiert, wenn sie einen Trainer vorzeitig entlassen, können jetzt aber wieder einmal auch auf die Trainer zeigen“, sagte BDFL-Präsident Lutz Hangartner dem Sport-Informations-Dienst (SID).

Nach nur 76-tägiger Amtszeit hatte Klinsmann am vergangenen Dienstag seinen Posten in Berlin zur Verfügung gestellt. Der frühere Bundestrainer begründete seine Entscheidung trotz zuvor genehmigter Investitionen von rund 80 Millionen Euro in neue Spieler mit fehlendem Rückhalt in der Vereinsführung und Meinungsverschiedenheiten über die Kompetenzverteilung.

"Wir fordern immer, dass Verträge mit Trainer eingehalten gehören. Da kann man als Trainer eine Mannschaft und einen Verein nicht einfach so stehen lassen. Da können wir nicht für Jürgen Klinsmann sprechen", sagte Hangartner.

Klinsmanns Unmut über mangelnde Bereitschaft bei der Hertha zur Installierung eines Teammanager-Modells in Berlin nach englischem Vorbild teilt Hangartner ebenfalls nicht: "Ich kann die Skepsis von Hertha-Präsident Werner Gegenbauer und Sportdirektor Michael Preetz nachvollziehen, dass sie Klinsmanns Entscheidungen in wichtigen Fragen, bei denen es um den Verein und ja auch um viel Geld geht, nicht als das Nonplusultra gelten lassen wollten.“

Hertha kündigt Windhorst-PK an

Nach dem Rücktritt von Jürgen Klinsmann lädt Hertha BSC zu einer Pressekonferenz mit Investor Lars Windhorst. Am Donnerstag werden um 11.30 Uhr neben dem Geldgeber auch Vereinspräsident Werner Gegenbauer, der sich selten öffentlich äußert, und Geschäftsführer Michael Preetz Fragen beantworten. Das teilte der Club am Mittwoch mit.

Vor der Partie beim SC Paderborn am Sonnabend (15.30 Uhr/Sky) werden der frühere Klinsmann-Assistenztrainer Alexander Nouri und Manager Preetz bei der Pressekonferenz am Freitag sein.

Torwarttrainer wäscht keine schmutzige Wäsche

Der zurückgekehrte Torwarttrainer Zsolt Petry sieht jetzt die Spieler von Hertha BSC in der Pflicht. "Die Profis dürfen sich nicht davon abhängig machen, wer da vorne steht“, sagte der Ungar nach dem Training am Mittwoch. "Es war keine Katerstimmung, aber auch keine Euphorie. Sie wissen, dass sie selber die Arbeit leisten müssen – unabhängig davon, wer da vorne steht.“

Petry war nur einen Tag nach dem überraschenden Abschied von Klinsmann bereits wieder zur Profimannschaft zurückgekehrt. Der frühere Bundestrainer hatte bei seinem Amtsantritt Ende November übergangsweise bis Jahresende Bundestorwarttrainer Andreas Köpke nach Berlin geholt und Petry aus seinem Trainerteam gestrichen. Auch nach dem Ende von Köpkes Zeit bei Hertha hatte der 53-Jährige zunächst nicht wieder die Profitorhüter trainiert.

"Es ist sehr, sehr gut, die Jungs wieder zu sehen und wieder mit ihnen zu trainieren“, sagte Petry. "Es passiert mal in einer Trainerkarriere. Solange du Vorgesetzte hast, muss man damit rechnen, dass du von deinem Job entfernt wirst. Er hat sich für andere Kollegen entschieden, das muss man akzeptieren und respektieren.“

Klinsmann in Aufsichtsrat? Windhorst braucht Zeit

Über die Zukunft von Jürgen Klinsmann als Hertha-Aufsichtsratsmitglied ist noch keine Entscheidung gefallen. Die offene Frage der Rückkehr des früheren Bundestrainers nach seinem Rücktritt als Coach der Berliner in das Gremium soll geklärt werden, wenn sich die Wogen geglättet haben. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus dem Umfeld von Investor Lars Windhorst am Mittwoch.

Klinsmann war Anfang November durch die Tennor Holding von Geldgeber Windhorst für einen Platz im Aufsichtsrat der GmbH & Co. KGaA benannt worden, nachdem diese ihre Anteile für insgesamt 224 Millionen Euro auf 49,9 Prozent aufgestockt hatte. Dieses Amt ließ Klinsmann ruhen, als er knapp drei Wochen später den Cheftrainerposten übernahm. Von diesem war er am Dienstag zurückgetreten.

Klinsmann kündigte in dem Rücktritts-Statement via Facebook an, sich auf seine "ursprüngliche langfristig angelegte Aufgabe als Aufsichtsratsmitglied zurückzuziehen“. Der Aufsichtsrat der KGaA hat vergleichsweise geringe Befugnisse und ist beispielsweise nicht dafür zuständig, Transfers abzusegnen oder über die Geschäftsführung um Manager Michael Preetz zu entscheiden.

Nach den aktuellen Ereignissen gab es bereits Gespräche zwischen Club-Präsident Werner Gegenbauer und Windhorst. Telefonisch wurden die Aufarbeitung nach dem Rücktritt Klinsmanns begonnen und Fragen mit Blick auf die Zukunft erörtert. Unternehmer Windhorst hatte sein Engagement beim Hauptstadtclub Ende Juni des vergangenen Jahres begonnen.

Kruse und Neururer kritisieren Klinsmann

Die Kritik an Jürgen Klinsmann nach dem überraschenden Rücktritt reißt nicht ab. Frühere Hertha-Akteure werfen dem früheren Bundestrainer charakterliche Schwächen und Unglaubwürdigkeit vor.

"Jürgen Klinsmann wollte zu viel zu schnell. Ich glaube, er hat auch ein bisschen die Hierarchie in der Mannschaft zerhackt“, sagte der frühere Stürmer Axel Kruse dem rbb.

Dass Klinsmann "charakterlich so daneben liegt, einfach die Flinte ins Korn schmeißt und sagt 'Ich geh jetzt mal nach Kalifornien, das war‘s jetzt für mich'", habe Manager Michael Preetz nicht wissen können.

"Der Trainer hat natürlich für ein Chaos gesorgt, was es im deutschen Fußball in der Bundesliga noch nie gegeben hat“, sagte der frühere Hertha-Coach Peter Neururer bei RTL/ntv.

"Er hat auf dem Transfermarkt zugeschlagen wie kein anderer in ganz Deutschland und hat dann zwei Wochen später gesagt 'ich spüre das Vertrauen nicht'. Unglaubwürdiger in der Auftrittsweise eines Trainers kann man nicht sein."

Von Klinsmann aussortierter Torwarttrainer zurück

Nach dem Klinsmann-Rücktritt ist Torwarttrainer Zsolt Petry zu den Hertha-Profis zurückgekehrt. Der 53-Jährige wird "ab sofort" wieder diese Position im Trainerteam einnehmen, wie die Berliner am Mittwoch mitteilten. Der bisherige Torwarttrainer Max Steinborn werde zur U23 zurückkehren, die Profis aber weiterhin unterstützen.

Klinsmann hatte bei seinem Amtsantritt Ende November übergangsweise bis Jahresende Bundestorwarttrainer Andreas Köpke nach Berlin geholt und Petry aus seinem Trainerteam gestrichen. Auch nach dem Ende von Köpkes Zeit bei Hertha war Petry nicht zu den Profis zurückgekehrt.

Es wird erwartet, dass Klinsmanns bisheriger Assistent Alexander Nouri gemeinsam mit dem weiteren Co-Trainer Markus Feldhoff die Mannschaft auch am Sonnabend (15.30 Uhr/Sky) im Spiel beim Tabellenletzten SC Paderborn betreut.

Klinsmann wollte größere Transfer-Macht

Eigentlich war Klinsmann Ende November zunächst nur als Nothelfer für diese Saison von seinem Aufsichtsratsposten zurück auf die Trainerbank gewechselt. Der Ex-Bundestrainer wollte diesen Job aber langfristig – und mehr Macht. Im Club gab es einen Streit, wer die Hoheit über Transferentscheidungen besitzt, offenbarte Klinsmann.

"Wir haben mal über eine mittelfristige Zusammenarbeit gesprochen und über die Kompetenzen diskutiert“, sagte der 55-Jährige der Bild-Zeitung. "Nach meinem Verständnis sollte ein Trainer – nach dem englischen Modell – die gesamte sportliche Verantwortung tragen. Also auch über Transfers. Das gibt der Position wesentlich mehr Power." Bei Hertha ist Geschäftsführer Michael Preetz für Transfers verantwortlich.

Klinsmann verbesserte Hertha nur unwesentlich

Als Klinsmann nach dem 12. Spieltag auf Ante Covic folgte, war Hertha Tabellen-15. und punktgleich mit Fortuna Düsseldorf auf dem Relegationsrang. Nun stecken die Berliner immer noch tief im Abstiegskampf, haben aber zumindest sechs Punkte Vorsprung auf die gefährdete Zone.

Fußballerisch hatte Hertha zwar defensiv in einigen Partien seine Sicherheit wieder gewonnen, war aber mit sieben Toren aus den vergangenen acht Partien erschreckend angriffsschwach.

Klinsmann will zurück in den Aufsichtsrat

Durch die Aufstockung der Anteile an der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA auf nun insgesamt 49,9 Prozent für 224 Millionen Euro erhielt Investor Lars Windhorst im November 2019 zwei weitere Sitze im neunköpfigen Aufsichtsrat. Für einen dieser Plätze berief der Geldgeber seinen Vertrauten Klinsmann.

Dieses Amt ließ der einstige Nationalspieler während der Zeit als Chefcoach ruhen. Nun kündigte er an, sich auf seine „ursprüngliche langfristig angelegte Aufgabe als Aufsichtsratsmitglied zurückzuziehen“. Vorerst geht es für ihn aber zurück in die USA.

Klinsmanns Hertha-Befugnisse sind gering

Die Kompetenzen des Aufsichtsrats der KGaA sind vergleichsweise gering. Er ist unter anderem dafür zuständig, die Prüfung wirtschaftlicher Zahlen zu veranlassen.

Als Aufsichtsrat segnet Klinsmann keine Transfers ab, dafür ist der Beirat zuständig – in diesem sitzen die Präsidiumsmitglieder sowie Investor Windhorst.

Auch über den Posten von Manager Michael Preetz bestimmt Klinsmann nicht mit, die Geschäftsführung wird vom Präsidium berufen. In der Öffentlichkeit präsenter ist der Aufsichtsrat des eingetragenen Vereins, dieser wird von der Mitgliederversammlung gewählt.

Labbadia Favorit auf die Klinsmann-Nachfolge?

Der Rücktritt traf auch den Club völlig unvorbereitet, sodass sich die Verantwortlichen sortieren müssen. Eine weitere öffentliche Stellungnahme von Preetz wurde zunächst nicht erwartet.

Bei der Suche nach einem neuen Trainer hatte sich der Club schon in der Vergangenheit beispielsweise mit dem ehemaligen HSV-Retter Bruno Labbadia und Roger Schmidt beschäftigt, war aber aufgrund der Strahlkraft dann bei Klinsmann gelandet.

Für den Wettanbieter bwin gilt Labbadia bereits als Favorit auf den Hertha-Posten. Sollte der 54-Jährige auf dem Berliner Trainerstuhl landen, zahlt der Buchmacher das 2,00-Fache des Einsatzes zurück. Dahinter folgen Schmidt mit einer Quote von 3,50 sowie Nouri (5,00).

Auch Niko Kovac (13,00) taucht in der Liste der Spezialwette auf – allerdings hatte der gebürtige Berliner und ehemalige Hertha-Profi bereits über seinen Berater seine Ablehnung kommuniziert.

Die Wettquoten auf den neuen Hertha-Trainer:

  1. Bruno Labbadia (2.00)
  2. Roger Schmidt (3.50)
  3. Alexander Nouri (5.00)
  4. Andreas „Zecke“ Neuendorf (6.00)
  5. Niko Kovac (13.00)
  6. Markus Weinzierl (17.00)
  7. Sandro Schwarz (26.00)
  8. Alexander Zorniger (26.00)
  9. Friedhelm Funkel (26.00)
  10. Torsten Frings (34.00)
  11. .Stefan Effenberg (41.00)