Super Bowl 2020

Patrick Esume: „San Francisco ist das komplettere Team“

| Lesedauer: 7 Minuten
Björn Jensen
Der Hamburger Trainer und Moderator Patrick Esume, einst selbst Football-Spieler

Der Hamburger Trainer und Moderator Patrick Esume, einst selbst Football-Spieler

Foto: Michael Rauhe

Der Hamburger Football-Experte analysiert den Super Bowl und sagt, warum er die 49ers gegen die Kansas City Chiefs vorn sieht.

Hamburg. Patrick Esume wird ganz nah dran sein, wenn in der Nacht zu Montag (Kick-off 0.30 Uhr MEZ, Sendebeginn 20.45 Uhr) der 54. Super Bowl in Nordamerikas Football-Topliga NFL ansteht. Für den live übertragenden Privatsender ProSieben berichtet Deutschlands bekanntester Footballcoach aus dem Hard Rock Stadium in Miami vom Duell der San Francisco 49ers mit den Kansas City Chiefs.

Für das Abendblatt analysiert der Hamburger, der am Tag nach dem Super Bowl 46 Jahre alt wird, die Partie und ihre Schlüsselspieler.

Ausgangslage: Die Überraschung in diesem Finale sind die 49ers, auch wenn sie vor der Saison mein Geheimtipp waren. Dass die Chiefs wieder weit kommen würden, war nach ihrer 31:37-Niederlage im Halbfinale der Saison 2018/19 gegen den späteren Super-Bowl-Sieger New England Patriots zu erwarten.

Aber San Francisco hat in der regulären Saison mit 13:3 Siegen genug getan, um sich als bestes Team der NFC zu behaupten, und sie sind kontinuierlich besser geworden. Ihr Weg durch die Play-offs war mit dem 27:10 gegen die Minnesota Vikings und dem 37:20 gegen die Green Bay Packers dominanter als der der Chiefs, die beim 51:31 gegen die Houston Texans schon 0:24 und beim 35:24 gegen die Tennessee Titans mit 7:17 zurücklagen, dann aber eindrucksvoll zurückkamen.

Die Quarterbacks: Viel wurde in dieser Saison über Lamar Jackson geredet, den 23 Jahre jungen Spielmacher der Baltimore Ravens und seine atemberaubende Regular Season, die die Ravens zum besten Team der Liga machte. Aber als es im Viertelfinale zählte, da zeigte sich beim 12:28 gegen die Titans, dass es ihm noch an Reife als Passer fehlt.

Patrick Ma­homes ist zwar nur ein Jahr älter, aber der Quarterback der Chiefs hat bewiesen, dass er aktuell der beste Mann auf dieser Position in der NFL ist. Mahomes kann eine Defensive mit seinem Arm filetieren, er wirft Pässe, die man zwar trainieren, aber nicht erlernen kann. Er antizipiert die Laufwege seiner Receiver mit einer unglaublichen Präzision. Dazu kommt, dass er sehr beweglich ist, selbst Touchdowns erläuft. Er hat ein bestechendes Auge für die Lücken in der Defensive des Gegners und nutzt diese immer wieder für eigene Läufe.

Aufseiten der 49ers steht mit Jimmy Garoppolo (28) ein Mann, über den vergleichsweise wenig geredet wurde. Das ist ungerecht. Er ist zwar kein spektakulärer Spieler, ist auch nicht so beweglich wie die junge Garde um Mahomes und Jackson.

Aber zwischen 2014 und 2017 hat er als Back-up von Superstar Tom Brady (42) bei den New England Patriots nicht nur viel gelernt, sondern Brady auch nahtlos ersetzt, wenn der mal ausfiel. Trainer Bill Belichick wollte ihn unbedingt halten, aber weil Brady sich in seiner Alleinherrschaft bedroht fühlte, entschied Teameigner Robert Kraft, ihn abzugeben. Das haben sie nun davon. Dennoch ist Mahomes im direkten Vergleich der klare Sieger.


Die Taktik für den Sieg:
Für die Chiefs gibt es nur einen Weg. Sie müssen das Laufspiel der 49ers stoppen. Gegen die Packers hat Garoppolo nur acht Bälle geworfen, was zeigt, wie dominant San Franciscos Laufspiel ist. Wenn die Chiefs das nicht in den Griff bekommen, wird es ein langweiliger Super Bowl. Außerdem dürfen sie nicht wieder hoch in Rückstand geraten.

Gegen eine defensiv so starke Mannschaft wie die 49ers, die kompakt steht und bei einer Führung mit langen Laufspiel-Drives Zeit von der Uhr nimmt, wäre das Gift.

Die 49ers müssen – abgesehen davon, dass ihr Laufspiel funktionieren muss – Mahomes unter Druck setzen. Ihre starken Passrusher, und davon haben sie vier oder fünf in ihren Reihen, dürfen ihn nicht aus der Pocket (der Zone hinter der eigenen Verteidigungslinie) entkommen lassen und müssen gleichzeitig versuchen, sein geniales Passspiel zu unterbinden. Die Offensive der Chiefs ist schwer zu packen. Aber wenn es gelingt, sie im ersten und zweiten Versuch auf langer Distanz zu halten und beim dritten zum Passen zu zwingen, haben sie eine gute Chance.

Die Schlüsselspieler: Bei den 49ers gibt es da nur einen – Raheem Mostert (27). Der Runningback war beim 37:20 gegen die Packers mit vier Touchdowns der Mann des Spiels. Er ist in Topform, absolut heiß und der Mann, der sein Team trägt. Bei den Chiefs würden die meisten wohl Travis Kelce (30) nennen, der Tight End ist Mahomes’ bevorzugte Anspielstation.

Aber weil das die 49ers auch wissen, werden sie ihn in Doppeldeckung nehmen. Deshalb kommt es vor allem auf Widereceiver Tyreek Hill (25) an. Er muss seine 1:1-Duelle gewinnen, um sein Team auf Kurs zu halten.

Der deutsche Faktor: Mark Nzeocha könnte als dritter Deutscher nach Markus Koch (1988 mit den Washington Redskins) und Sebastian Vollmer (2014 mit den New England Patriots) den Super Bowl gewinnen. Bei den 49ers spielt der 30-Jährige, der bei den Franken Knights mit Football begann, eine wichtige Rolle in den Special Teams. Er hat in dieser Saison gezeigt, was er kann, hat einen Punt geblockt, eine Interception gefangen. Dass er sich in so einem Team behauptet, verdient Respekt.

Die Trainer: Viel wurde geredet über Chiefs-Headcoach Andy Reid und seinen Makel, noch nie den Super Bowl gewonnen zu haben. Viele seiner Spieler haben gesagt, dass sie das Gerede satthätten und nun alles dafür geben würden, für ihren Coach den Titel zu holen. Für manche mag das tatsächlich eine Zusatzmotivation sein. Aber was ich sicher weiß: Andy Reid juckt das Ganze gar nicht. Als 2012 sein Sohn Garrett (29) an einer Überdosis Heroin starb, war er wenige Tage später wieder im Training und konzentrierte sich auf seinen Job.

Solche Menschen machen sich wenig aus dummem Gerede. Und dass er ein großartiger Coach ist, steht außer Frage.

Aufseiten der 49ers steht mit Kyle Shanahan (40) ein junger, hungriger Headcoach, der mit Robert Saleh (41) einen genauso heißen Defensive Coordinator an seiner Seite hat. Die Energie, die diese beiden einbringen, spiegelt sich in den Auftritten des Teams wider. Sie sind das vielleicht interessanteste Gespann der Liga.

Mein Tipp: Es wird ein hochinteressantes Spiel, das definitiv punktereicher wird als das 2019er-Finale der Patriots gegen die Los Angeles Rams (13:3). San Francisco ist das komplettere Team, weil sie eine extrem starke Verteidigung und das beste Laufspiel haben. Aber die Chiefs sind mit ihrer offensiven Power und der Fähigkeit, in kürzester Zeit Punkte auf die Anzeigetafel zu bringen, brandgefährlich. Wenn ich Geld setzen würde, dann würde ich es auf einen Sieg der 49ers platzieren.

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