PotAS

Kein Potenzial? Ruderer laufen gegen Sportartenranking Sturm

DRV-Präsident Siegfried Kaidel (r.) bei der Ruder-EM 2016 in Brandenburg mit dem damaligen Schirmherrn und heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier.

DRV-Präsident Siegfried Kaidel (r.) bei der Ruder-EM 2016 in Brandenburg mit dem damaligen Schirmherrn und heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier.

Foto: imago/Camera 4

Das Innenministerium hat alle Olympia-Disziplinen evaluieren lassen, um Fördermittel besser zu verteilen. Das Resultat überrascht.

Herzstück der Reform oder Papiertiger? Die überraschenden Ergebnisse der Potenzialanalyse PotAS haben im deutschen Sport hohe Wellen geschlagen. Die Evaluierung der 26 deutschen Sommersportarten hat die Diskussion um die Sinnhaftigkeit der Spitzensportreform wieder angeheizt.

„Ich habe den Eindruck, dass PotAS vorrangig das Produzieren von Papier und Formalismen positiv bewertet“, sagte Ruderpräsident Siegfried Kaidel verärgert. Seinen DRV traf es besonders hart, der Verband landete bei der Beurteilung der Struktur (PotAS-Wert: 61,69) auf dem letzten Platz und bei der Frage nach dem Kaderpotenzial (67,09) auf dem viertletzten.

Auch bei der Evaluierung der 103 Disziplinen in den Verbänden schnitt der Ruderverband auffallend schlecht ab, lag mit seinen fünf Disziplinen am Ende des Feldes. Kaidel hat dafür kein Verständnis: „Im U-19-Bereich ist der DRV der weltweit erfolgreichste Ruderverband, und PotAS wirft ein fehlendes Nachwuchskonzept vor.“

Badminton am besten bewertet

Angeführt werden beide PotAS-Kategorien überraschend vom Deutschen Badminton-Verband, der noch nie eine Olympia-Medaille gewonnen hat. „Eine Flasche haben wir nicht geöffnet“, sagte Sportdirektor Martin Kranitz: „Das machen wir erst, wenn wir nach den Olympischen Spielen 2020 in Tokio noch immer zum ersten Drittel gehören – oder unsere erste Medaille gewonnen haben.“

Der Badminton-Verband habe „sehr gute Strukturen“, lobte PotAS-Chef Urs Granacher. Das betreffe den Nachwuchs, das Führungspersonal, die Traineraus- und -fortbildung, das Athleten- und Gesundheitsmanagement. „Aber sie haben auch ein Problem“, sagte Granacher: „China beherrscht über Jahre hinweg die Szene und gewinnt die Medaillen.“

Das Kriterium „Erfolg“ wurde bei der Analyse noch nicht berücksichtigt. Die bisherige Evaluation betraf nur die Aspekte „Struktur“ und „Kaderpotenzial“, die Erfolge sollen erst nach Tokio eingepflegt werden. Dann sind alle Daten vorhanden, die über die zukünftige Förderung der Sportarten von 2021 an in Deutschland entscheiden.

PotAS: Verbände mussten 132 Fragen beantworten

Das Potenzialanalysesystem PotAS startete im Mai 2017 und hat bereits alle olympischen Wintersportverbände und -disziplinen unter die Lupe genommen. Es ist Kernelement der Förderreform im Leistungssport, an deren Ende ein effizienterer Einsatz der Mittel stehen soll. Vor allem wegen der Reform hat der deutsche Sport vom Bund in den letzten drei Jahren rund 100 Millionen Euro mehr erhalten.

Für die Verbände war die Beantwortung der 132 Fragen viel Arbeit. Der Aufwand sei sehr hoch gewesen, bestätigte Dirk Schimmelpfennig, im Deutschen Olympischen Sportbund Vorstand für den Bereich Leistungssport. „Es ist auch der Wunsch da, dass wir die Ergebnisse jetzt in Qualität umsetzen“, meinte Schimmelpfennig.

Das PotAS-Ranking

Platz Sportart Struktur
1. Badminton 97,12
2. Schießen 95,70
3. Leichtathletik 94,62
4. Tischtennis 90,83
5. Triathlon 87,95
6. Segeln 87,87
7. Schwimmen 86,97
8. Volleyball 84,67
9. Gewichtheben 83,98
10. Hockey 83,19
11. Handball 82,47
12. Reiten 82,15
13. Turnen 80,85
14. Kanu 78,27
15. Moderner Fünfkampf 74,57
16. Golf 74,56
17. Radsport 74,08
18. Basketball 73,59
19. Fechten 71,75
20. Judo 69,93
21. Ringen 69,32
22. Rugby 67,57
23. Boxen 67,23
24. Tennis 62,71
25. Taekwondo 62,41
26. Rudern 61,69

Trotz anhaltender Kritik will das Bundesinnenministerium als Auftraggeber an PotAS festhalten. Eine systematische Untersuchung der Verbände nach allgemeingültigen Kriterien ist laut Staatssekretär Markus Kerber auf dem Weg zu einem erfolgreichen Fördersystem unverzichtbar.

Kerber will möglichst wenig dem Zufall überlassen und führte zur Erklärung den Carlo-Thränhardt-Effekt an. Der Hochspringer und Lebemann habe in den 80er-Jahren vor einem Wettkampf schon mal eine Zigarette geraucht und gewonnen. Kerber: „Aber das war eine Ausnahme. Man kann nicht immer auf den Thränhardt-Effekt setzen.“