Box-WM

Die bewegende Geschichte einer Hamburger Kämpfernatur

Ammar Abbas Abduljabar (23) kam 2010 aus dem Irak.

Ammar Abbas Abduljabar (23) kam 2010 aus dem Irak.

Foto: Thorsten Ahlf / HA

Ammar Abbas Abduljabar will in Russland für Deutschland siegen. Es wäre die vorläufige Krönung eines steinigen Lebenswegs.

Hamburg. Was auch immer sie bereithält für ihn, seine erste WM im olympischen Boxen, die an diesem Dienstag im russischen Jekaterinburg gegen den Koreaner Kim Hyeong Kyu beginnt: Der härteste Gegner ist nicht mehr am Start. Es war der Kampf gegen den eigenen Körper, der Ammar Abbas Abduljabar am meisten forderte. Um im Halbschwergewicht (Klasse bis 81 Kilogramm) antreten zu können, musste der Kapitän des Zweitligateams der Hamburg Giants regelmäßig sieben bis acht Kilogramm seines natürlichen Körpergewichts abtrainieren. „Das Abschwitzen war eine Qual, ich bin selten mit voller Kraft in den Ring gestiegen“, sagt der 23-Jährige.

Abduljabar wechselte die Gewichtsklasse

Angesichts seiner Körperlänge von 179 Zentimetern war das Halbschwergewicht seine angestammte Gewichtsklasse. Doch seit er bei den deutschen Meisterschaften 2018 den Titel im Schwergewicht (bis 91 kg) gewann, glauben der Kämpfer und sein Trainer Christian Morales daran, im nächsthöheren Limit die Bestimmung gefunden zu haben.

„Es war genau die richtige Entscheidung, Ammar hat sich körperlich und boxerisch enorm entwickelt“, sagt Morales. Vor allem im taktischen Bereich hat Abduljabar zugelegt. Wo er früher die Konkurrenz mit der Wucht seiner Physis zermürbte, boxt er heute, gegen die größeren, schlagstärkeren Gegner, cleverer. Er wartet auf seine Konterchancen, dringt in die Nahdistanz vor und überrumpelt die Rivalen mit seiner Schnelligkeit.

Abduljabar lebte zehn Jahre ohne seinen Vater

Dass er sein Leben dem Boxen widmen wollte, das wusste Ammar Abbas Abduljabar erst recht spät. Bis 2010 lebte er im Irak, in den Kriegswirren dort gab es keine Möglichkeit für ihn, organisiert Sport zu treiben. „Aber Kämpfen war schon immer meine Leidenschaft, was wahrscheinlich daran liegt, dass mein ganzes Leben bislang ein Kampf war“, sagt er. Zehn Jahre lang musste er ohne seinen Vater auskommen, der bereits im Jahr 2000 nach Deutschland geflohen war.

Mittlerweile lebt die ganze Familie – Mutter, Schwester (25) und Bruder (20) – gemeinsam auf der Veddel. Und die enge Bindung zu seinen Lieben gibt dem Boxer die Rückendeckung, um seinen Traum von einer Karriere im Sport zu verfolgen. Kurz nach seiner Ankunft in Hamburg war er dem HBC Heros beigetreten, weil ihn der boxverrückte Vater davon überzeugt hatte. Er wechselte mehrfach, lernte vor allem beim TH Eilbeck unter Cheftrainer André Walther („Ihm bin ich sehr dankbar für seine Unterstützung“) viel, fand aber seine Heimat erst, als er im August 2018 den deutschen Pass erhielt und für die Nationalmannschaft startberechtigt war.

"Ich glaube nur an die Kraft aller guten Menschen"

In den Nationalkader schlug er sich mit dem dritten Platz beim Cologne-Cup im April durch, mit der er die Bundestrainer überraschte. „Ich habe es zwischendurch mal im Irak probiert, aber ich bin dort nicht mehr klargekommen. Meine Heimat ist Deutschland. Hier ist alles geregelt, hier kann jeder in Frieden leben, dafür bin ich sehr dankbar und will zurückzahlen, was Deutschland mir gegeben hat“, sagt er. Ein Grund für die Abnabelung von seiner Geburtsheimat sei, dass er mit Religion nichts am Hut habe. „Ich habe keine Konfession, ich glaube nur an die Kraft meiner Familie und aller guten Menschen“, sagt er.

Weil er seine Karriere im Einzelhandel, die ihn von der Supermarktkasse zuletzt bis zu einem eigenen Imbisswagen geführt hatte, zugunsten des Sports unterbrochen hat, mit dem Boxen aktuell aber kaum Geld verdienen kann, unterstützt ihn vor allem die große Schwester finanziell. „Mir ist das nicht peinlich. Irgendwann kann ich ihr es hoffentlich hundertfach zurückzahlen“, sagt er. Dann nämlich, wenn er es bis ins Profilager geschafft hat. Die Überlegungen zum Wechsel gab es schon vor zwei Jahren, als aufgrund des fehlenden Passes die Option Olympia noch keine war. „Jetzt aber ist alles offen. Ich werde den richtigen Zeitpunkt für den Wechsel finden. Aber zunächst konzentriere ich mich nur auf die WM“, sagt er.

Eine WM-Medaille wäre eine Sensation

Ein Medaillengewinn in Russland käme zwar einer Sensation gleich, aber Ammar Abbas Abduljabar wäre nicht den ganzen harten Weg gegangen, wenn er nicht trotzdem daran glauben würde. „Ich habe auf vieles verzichtet und alles auf Boxen gesetzt“, sagt er, „jetzt muss mich erst einmal jemand stoppen.“