Tennis

Halep erfüllt sich in Wimbledon einen Kindheitstraum

Simona Halep gewann zum ersten Mal das traditionsreiche Tennisturnier in Wimbledon. Der Weg zu diesem Triumph war für die Rumänin steinig.

Simona Halep gewann zum ersten Mal das traditionsreiche Tennisturnier in Wimbledon. Der Weg zu diesem Triumph war für die Rumänin steinig.

Foto: witters

Die Rumänin war lange zu verbissen, verärgerte ihren Trainer und krönte sich nun mit neuer Lockerheit zur Tenniskönigin von London.

London. Für liebevolle Gefühlsausbrüche ist Ion Tiriac nicht gerade bekannt. Der Mann, der Boris Becker in dessen größter Zeit als Manager durch den Dschungel des Tennis-Business führte, hat sich in erster Linie als mit allen Wassern gewaschener, notfalls auch rücksichtsloser Geschäftsmann einen Namen gemacht. Am Sonnabend jedoch ließ der 80-Jährige seinen Emotionen freien Lauf. „Er hat mich umarmt und mich gelobt, und das passiert wirklich nicht oft“, sagte Simona Halep, und ihr überraschter Gesichtsausdruck ließ darauf schließen, dass sie damit tatsächlich nicht gerechnet hatte.

Williams verpasst Redkord von Margaret Court einzustellen

Der Anlass allerdings, den die rumänische Weltranglistensiebte ihrem Landsmann und Förderer geboten hatte, war einer Umarmung mehr als würdig gewesen. Mit 6:2 und 6:2 hatte die 27-Jährige innerhalb von nur 55 Minuten das Endspiel der All England Championships in Wimbledon gewonnen. Und das nicht gegen irgendwen, sondern gegen Serena Williams. Die 37 Jahre alte US-Amerikanerin, die als größte Tennisspielerin aller Zeiten gilt, auch wenn sie von Simona Halep daran gehindert wurde, den Grand-Slam-Rekord der Australierin Margaret Court (76) einzustellen, die zwischen 1960 und 1973 24 Major-Titel gesammelt hatte.

Genauso beeindruckend wie ihre Performance auf dem Rasen war zu beobachten, wie gefasst und strukturiert Halep den größten Tag ihrer Karriere einzuordnen verstand. Mit ihrer Mutter, die ihr im Alter von zwölf Jahren ihren Traum offenbart hatte, die eigene Tochter in Wimbledon vor der Königlichen Box siegen zu sehen, habe sie nach dem Triumph noch kein Wort wechseln können. „Sie hat nur geweint, da habe ich sie umarmt und ihr gesagt, dass wir später reden“, erzählte sie. Auch Trainer Daniel Dobre, Vater und Bruder seien in Tränen der Freude aufgelöst gewesen.

In Rumänien gibt es nicht einen einzigen Rasenplatz

Und sie selbst? Wie hatte sie es geschafft, in ihrem ersten Wimbledon-Finale so cool zu bleiben? Auf einem Belag, den sie bis zu diesem Turnier eher gefürchtet hatte, weil es in Rumänien keinen einzigen Rasenplatz gibt und sie, wie die vielen anderen Talente des Landes, auf Sand groß geworden war? „Ich habe am Morgen vor dem Finale genau gewusst, wie ich spielen müsste. Am Freitag hatte ich Returns und Aufschläge trainiert, weil mir klar war, wie wichtig sie sein würden. Und dann habe ich einfach versucht, Serena keine Zeit zu geben und sie in keiner Phase des Matches zurückkommen zu lassen, denn wenn man das tut, ist sie stark“, sagte sie.

Ihr Antrieb sei zudem gewesen, sich mit dem Titel die lebenslange Mitgliedschaft im legendären All England Club zu sichern. „Als ich vor zwei Wochen hier ankam, habe ich zu den Angestellten in der Umkleide gesagt, wie toll es wäre, hier Mitglied zu sein. Und jetzt habe ich es geschafft, das fühlt sich unglaublich an“, sagte sie – und deutete lächelnd auf den Anstecker auf ihrer rechten Brust, der sie als „Honorary Member“ auswies.

Die Rumänin legte ihre Verbissenheit ab und wurde ein neuer Mensch auf dem Court

Noch vor drei Jahren wäre eine solch lockere Fragerunde mit Simona Halep kaum denkbar gewesen. Verbissen und angespannt, das waren die Adjektive, mit denen ihre Grundhaltung dem Beruf gegenüber perfekt beschrieben werden konnte. Ein Vorfall beim Turnier in Miami im März 2017 veränderte schließlich alles. In ihrem Halbfinalmatch gegen die Britin Johanna Konta lag sie klar in Führung, verlor dennoch in drei Sätzen – und verärgerte mit ihrer Selbstdestruktivität ihren Coach Darren Cahill derart nachhaltig, dass dieser bis kurz vor den French Open desselben Jahres eine Auszeit nahm.

„Dieses Erlebnis hat mich geprägt. Seitdem bin ich ein positiv denkender Mensch geworden. Ich bin jetzt auf dem Court so positiv, wie ich es im normalen Leben auch bin“, sagte Halep, die nach ihrem dritten verlorenen Grand-Slam-Endspiel 2018 in Australien auch Hilfe von Alexis Castorri in Anspruch genommen hatte. Die Psychologin hatte auch den britischen Volkshelden Andy Murray (32) mental stabilisiert, nachdem dieser seine ersten drei Grand-Slam-Finals verloren hatte.

Für zusätzliche Entspannung habe der erste Grand-Slam-Titel bei den French Open 2018 gesorgt. „Ich wollte immer einen großen Titel gewinnen. Seitdem ich das geschafft habe, sehe ich das, was noch kommt, als Bonus“, sagte sie. 2019 habe sie für sich als „Chill-Jahr“ ausgerufen, was sich allerdings nur auf ihre Persönlichkeit beziehe. „Auf dem Platz arbeite ich professionell und hart.“ Keine Frage, das tut sie. In Wimbledon schaffte es nur ihre Landsfrau Mihaela Buzarnescu in Runde zwei, ihr einen Satz abzunehmen.

Serena Williams lobt Halep und äußert Kampfansage

„Sie hat wie von Sinnen gespielt“, sagte Serena Williams, die ihre Niederlage guten Gewissens akzeptierte, „weil es heute niemanden gegeben hätte, der Simona hätte stoppen können“. Sie selbst glaube, nachdem sie trotz vieler Verletzungen und Krankheiten im ersten Halbjahr 2019 ihr elftes Wimbledon-Finale hatte erreichen können, weiterhin wettbewerbsfähig zu sein. Und sie wolle den Court-Rekord weiterhin angreifen. „Der Tag, an dem ich aufhöre zu kämpfen, ist der Tag, an dem ich im Grab liege“, sagte sie.

Dass in Simona Halep eine Konkurrentin erwachsen ist, mit der auch in Zukunft gerechnet werden muss, bezweifelt die Weltranglistenzehnte nicht. „Ich hoffe für sie, dass sie diese Leistung von heute konstant bringen kann“, sagte sie. Das will Halep versuchen, auch wenn sie zugab, „dass das heute das beste Match meiner Karriere war“. Aber seit dem Titelgewinn in Paris glaube sie fest daran, weitere große Erfolge schaffen zu können. „Es gibt noch einiges zu verbessern“, sagte sie, „und ich freue mich, daran zu arbeiten und neue Herausforderungen anzunehmen.“

Zunächst jedoch standen das „Champions Dinner“ am Sonntagabend und der triumphale Empfang in der Heimat am Montag an. Simona Halep wird sich auf viele weitere Umarmungen einstellen müssen, auch wenn diese nicht so speziell sein werden wie die direkt nach dem besten Match ihres Lebens.