WM-Aus gegen Schweden

Oliver Bierhoff tröstet die deutschen Frauen

Da war's geschehen: Die Schwedinnen jubeln über ihren Treffer zur gedrehten Partie gegen Deutschland.

Da war's geschehen: Die Schwedinnen jubeln über ihren Treffer zur gedrehten Partie gegen Deutschland.

Foto: Imago/Jan Hübner

Halbfinale und Olympia verpasst: Erste Niederlage gegen Schweden seit 24 Jahren kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt.

Rennes. Rien ne va plus: Die deutschen Fußballerinnen sind auf dem Weg zum dritten Stern in der Hitzeschlacht von Rennes eingebrochen und müssen Olympia im TV gucken. Der zweimalige Weltmeister unterlag trotz einer Führung im WM-Viertelfinale 1:2 (1:1) gegen Ex-Lieblingsgegner Schweden. Damit haben die Deutschen die Vorschlussrunde am Mittwoch in Lyon (21.00 Uhr) gegen den Europameister aus den Niederlanden verpasst.

Sofia Jakobsson sorgte für das erste WM-Gegentor der Deutschen (22.), Stina Blackstenius (48.) legte nach. Der Treffer von Lina Magull (16.) war zu wenig für den Olympiasieger von 2016, der durch das Viertelfinal-Aus nicht bei den Spielen im kommenden Jahr in Tokio dabei ist. Die Spielerinnen müssen sich mit einer Prämie in Höhe von 10.000 Euro pro Kopf für das Erreichen des Viertelfinals begnügen.

"Mann muss einfach sagen, dass Schweden heute die besseren Chancen hatte", sagte Deutschlands Torhüterin Almuth Schult. "Heute hat einfach ein kleines Quäntchen gefehlt, das ist nicht zu erklären", sagte Schult über den mangelnden Siegeswillen. "Wir sind noch nicht so gefestigt", sagte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg nach der ersten Niederlage seit ihrer Amtsübernahme. "Aber die Mannschaft hat bis zum Schluss alles probiert."

DFB-Trost von Bierhoff und Koch

"Wir müssen anerkennen, dass die schwedische Mannschaft über die 90 Minuten hinweg vielleicht das eine Tor besser war", sagte DFB-Interimspräsident Rainer Koch: "Es war nicht unser Tag, aber es werden auch wieder andere Tage kommen."

Oliver Bierhoff sah es ähnlich. "Natürlich sind wir enttäuscht über das Ausscheiden, und wir sind auch traurig, die Olympia-Qualifikation nicht geschafft zu haben", äußerte der DFB-Direktor: "Und dennoch hat uns dieses Team junger Frauen in den letzten Tagen und Wochen nicht enttäuscht, sondern – ganz im Gegenteil – viel Freude bereitet. Unsere Mannschaft wird daran wachsen und sich weiterentwickeln. Ihr gehört die Zukunft."

Trost kam auch von der früheren Welttorhüterin Nadine Angerer. "Kopf hoch @DFB_Frauen !!! Ihr seid eine goldene Generation, habt tollen Charakter und ihr versprüht positive Energie. Ich habe mich auf den jeden Fall in euch verliebt. Gratulation auch an Schweden, ihr habt aufopferungsvoll gekämpft", twitterte die 40 Jahre alte frühere Nationalspielerin.

Marozsan kam nur von der Bank

Voss-Tecklenburg verzichtete zunächst auf Dzsenifer Marozsan. Die Spielmacherin, die im Auftaktspiel gegen China (1:0) vor drei Wochen an gleicher Stelle einen Zehenbruch erlitten hatte, saß zunächst auf der Bank. Zu Beginn der zweiten Hälfte kam die 27-Jährige, Linda Dallmann musste raus. Ansonsten hatte "MVT" ihre Startformation im Vergleich zum Achtelfinale gegen Nigeria (3:0) auf zwei Positionen verändert. Für Melanie Leupolz und Verena Schweers rückten Dallmann und Carolin Simon in die erste Elf.

Die Deutschen gingen mit einem mentalen Vorteil in die Partie. Die Schwedinnen hatten seit 1995 kein Pflichtspiel gegen den Rekord-Europameister gewonnen. Unter anderem zogen die Skandinavierinnen im Olympia-Finale 2016, bei der WM 2015 im Achtelfinale, beim EM-Halbfinale 2013 sowie beim WM-Endspiel 2003 den Kürzeren.

Deutschland bestimmt die Anfangsphase

Für die Partie vor 25.301 Zuschauern hatte Voss-Tecklenburg in die taktische Trickkiste gegriffen. Erstmals seit dem China-Spiel agierte die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in einem 4-2-3-1-System. Spielführerin Alexandra Popp agierte nicht im Sturmzentrum, sondern im defensiven Mittelfeld. Lea Schüller lief ganz vorne auf, Magull sollte als Marozsan-Ersatz das Spiel gestalten.

Die "MVT"-Strategie ging bei Temperaturen weit jenseits der 30 Grad Celsius zunächst auf. Die Deutschen bestimmten das Geschehen in der Anfangsphase. Die erste gute Chance vergaben allerdings die Schwedinnen. Jakobsson scheiterte an Schult (12.).

Erstes WM-Gegentor in Hälfte eins seit 2003

Vier Minuten machte es das DFB-Team viel besser. Nach einem Ballverlust Schwedens im Aufbauspiel schaltete Sara Däbritz am schnellsten. Die 24-Jährige spielte Magull mustergültig frei, die mit einem sehenswerten Abschluss ihr zweites WM-Tor erzielte. Die Deutschen konnten sich aber nicht lange über die Führung freuen. Innenverteidigerin Marina Hegering unterschätze einen langen Pass, Jakobsson bedankte sich. Schult musste zum ersten Mal bei der WM hinter sich greifen. Deutschland kassierte erstmals seit 2003 ein Gegentor im ersten Durchgang einer WM-Endrunde.

Die linke Abwehrseite war spätestens nach dem Gegentor der neuralgische Punkt im deutschen Team. Simon spielte zum wiederholten Mal bei der Endrunde ganz schwach. Stina Blackstenius hätte das fast zum zweiten schwedischen Treffer (36.) genutzt. Kurz darauf musste die offenbar angeschlagene Simon raus (43.). Leonie Maier kam als Rechtsverteidigerin in die Partie, Giulia Gwinn wechselte nach links. Dennoch bekamen die Deutschen ihre Abwehrprobleme nicht in den Griff und waren mit dem 1:1 zur Pause gut bedient.

Voss-Tecklenburg verbreitet Zuversicht

Kaum war Marozsan in der Partie, schlug es hinten ein. Blackstenius staubte ab, nachdem Schult zunächst gut pariert hatte. Nach dem Rückstand versuchte Marozsan erfolglos, das Spiel an sich zu reißen. Die Schwedinnen machten die Räume dicht, Blackstenius und Jakobsson vergaben bei Kontern die Chance zur Vorentscheidung (71./78). Bei Deutschland ging in der Offensive kaum etwas. Kurz vor Schluss vergaben die eingewechselte Lena Oberdorf (88.) und Hegering (90.+3) jeweils per Kopf Ausgleichschancen.

"Wir sind in einem Prozess. Wir sind noch nicht ganz so gefestigt wie wir uns das gewünscht hätten", äußerte Voss-Tecklenburg, die in der ARD trotz des verpassten Minimalziels Zuversicht verbreitete: "Wir werden daran wachsen und uns neue Ziele setzen. Die EM-Qualifikation beginnt schon bald. Einige denken ans Aufhören. Auf der anderen Seite haben wir hungrige Spielerinnen, die nachkommen."