Frauenfußball-WM

"Pferdeschwänze" statt "Eier": DFB-Frauen provozieren

Die seit November amtierende Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg (M.) bereitet die Fußball-Nationalmannschaft der Frauen auf die WM vor.

Die seit November amtierende Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg (M.) bereitet die Fußball-Nationalmannschaft der Frauen auf die WM vor.

Foto: Guido Kirchner / dpa

Bundestrainerin Voss-Tecklenburg und das deutsche Team fahren zur "Tour de France" – mit frechem Spot und dem Halbfinale als Ziel.

Frankfurt/Main.  In England war die Inszenierung eine königliche. Prinz William war einer der Prominenten, die vergangene Woche in einem Video die Namen der Spielerinnen verkündeten, die das Land bei der Fußball-WM der Frauen ab 7. Juni in Frankreich vertreten werden. David Beckham war ein anderer, auch Schauspielerin Emma Watson nannte eine der 23 Spielerinnen. In Deutschland war die Inszenierung des WM-Kaders am Dienstag ein wenig zurückhaltender. Kein royaler Glanz, keine Hilfe aus Hollywood, keine Worte.

Stattdessen saß Martina Voss-Tecklenburg lächelnd vor den Reportern in Frankfurt, als die von ihr ausgesuchten Namen in einem kurzen Video zu lesen waren. Sagen musste die Bundestrainerin in diesen knapp zwei Minuten ohnehin nicht viel, denn große Überraschungen blieben aus. Deutschland startet am 8. Juni gegen China mit einer Mischung aus erfahrenen und jungen Spielerinnen in das Turnier der Weltbesten. Mit jener Mischung, auf die die Bundestrainerin seit ihrem Amtsantritt im vergangenen November setzt.

DFB-Frauen provozieren in Werbeclip

Mehr Symbolkraft hatte dagegen der Ort der Inszenierung. Der Firmensitz des Hauptsponsors steht im Frankfurter Bankenviertel, im mit 259 Metern höchsten Hochhaus Deutschlands. Hoch wie die Erwartungen an das deutsche Team. Zwar vermied Voss-Tecklenburg das Wort „Weltmeister“, aber um die von der Bundestrainerin anvisierte direkte Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio zu erreichen, muss ihr Team das Turnier als eine der drei besten europäischen Mannschaften beenden. „Wir müssen also das Viertelfinale, möglicherweise sogar das Halbfinale erreichen“, sagte die 51-Jährige.

Doch Schritt für Schritt: „Erst einmal zählt der Gruppensieg. Dann beschäftigen wir uns mit der K.-o.-Phase.“ Genug Selbstvertrauen strahlte das Team schon mal in einem vorab gezeigten Werbeclip des Sponsors aus. „Seit es uns gibt, treten wir nicht nur gegen Gegner an, sondern auch gegen Vorurteile: Frauen sind zum Kinderkriegen da! Gehören in die Waschküche! Wie Amateurfußball – nur in Zeitlupe. Aber weißt du was?: Wir brauchen keine Eier – wir haben Pferdeschwänze“ hieß es da rotzfrech. Auch Voss-Tecklenburg war zu sehen. Sie nippte an einer Kaffeetasse – eine Anspielung auf die Prämie des DFB für den ersten EM-Titel der deutschen Fußballerinnen 1989: ein Kaffeeservice.

Lena Goeßling ist die Erfahrenste

Das Grundgerüst von 19 Spielerinnen hatte Voss-Tecklenburg schon im April nach den Testpartien in Schweden (2:1) und gegen Japan (2:2) im Kopf. Darunter die Wolfsburgerin Lena Goeßling, mit 104 Länderspielen die erfahrenste Spielerin im Kader. Auch Spielführerin Alexandra Popp und Dzsenifer Marozsan, jüngst zum zweiten Mal in Folge zu Frankreichs Fußballerin des Jahres gekürt. Sie wurden mit dem deutschen Team in Brasilien Olympiasiegerinnen wie auch Leonie Maier, Melanie Leupolz, Sara Däbritz, Svenja Huth und die Torhüterinnen Almuth Schult und Laura Benkarth. Das sind die Erfahrenen. Für insgesamt 15 Spielerinnen ist es allerdings die erste WM, da auch Huth noch nie bei einer Endrunde dabei war.

Jüngste Spielerin ist die 17-jährige Lena Oberdorf von der SGS Essen. Der Club aus dem Ruhrgebiet stellt mit fünf Akteurinnen nach dem FC Bayern München (7) den zweitgrößten Block eines Vereins, noch vor Double-Sieger VfL Wolfsburg (4). Nicht nominiert wurde Mittelfeldspielerin Simone Laudehr, die wenige Stunden nach der WM-Kader­nominierung ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt. „Es waren schwierige Entscheidungen“, sagte Martina Voss-Tecklenburg. Wir mussten überlegen, wie viele Junge wir zu ihrer ersten WM mitnehmen. Und wir mussten überlegen, wie viele erfahrene Spielerinnen wir mitnehmen, die auch Widerstände im Turnier überwinden können.“

Ein großes Fragezeichen steht hinter der Fitness von Torhüterin Almuth Schult (Schulterverletzung). „Wir werden erst im Trainingslager entscheiden, ob es geht oder nicht. Die Verletzung muss so in Ordnung sein, dass sie 100 Prozent leisten kann“, sagte Voss-Tecklenburg. Sollte Schult ausfallen, würde wohl die Freiburgerin Merle Frohms zur Nummer eins aufsteigen und Lisa Schmitz in den Kader nachrücken.