Liverpool-Wunder

Zufall oder einstudiert? Klopp erklärt famosen Ecken-Trick

Kniefall vor der eigenen Leistung: Joker und Doppeltorschütze Georginio Wijnaldum bejubelt Liverpools magische Nacht.

Kniefall vor der eigenen Leistung: Joker und Doppeltorschütze Georginio Wijnaldum bejubelt Liverpools magische Nacht.

Foto: Imago/PA Images

Selbst für Klopp ging das Ecken-Tor in der Champions League zu schnell. Spanische Presse rechnet mit Barça ab. Die Reaktionen.

Liverpool. Welch ein Spektakel, welch eine Aufholjagd! Jürgen Klopp ist nach dem 4:0 (1:0) des FC Liverpool gegen den FC Barcelona noch lange nach dem Spiel elektrisiert. Die Reds haben das Fußball-Wunder geschafft und stehen wie im Vorjahr im Champions-League-Endspiel.

Klopp war ach der magischen Nacht von Anfield hin und weg. "Ich hoffe, dass ich mich in 50 Jahren daran noch erinnern kann", schwärmte der deutsche Erfolgscoach des FC Liverpool nach dem spektakulären Erfolg.

Für Klopp sind seine Spieler "Mentalitäts-Giganten", nachdem das Hinspiel noch mit 0:3 verloren gegangen war und kaum einer mehr mit einem Comeback gerechnet hatte.

Im Finale trifft der Premier-League-Zweite am 1. Juni in Madrid entweder auf Ajax Amsterdam oder Tottenham Hotspur (Hinspiel: 1:0) und darf dort vom ersten Königsklassen-Titel seit 2005 träumen.

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Presse: „Zitterndes Barça plattgemacht wie eine Kakerlake“

Auch die Presse in Großbritannien scheint vom Fußball-Wunder an der Anfield Road überrascht worden zu sein. "The Daily Mail" vergleicht die Aufholjagd mit dem Finalsieg 2005 in Istanbul, als Liverpool nach einem 0:3-Rückstand den AC Mailand noch in die Knie zwang, und findet das jüngste Comeback sogar noch imposanter. Ansonsten wirkte die sonst so kreative Medienlandschaft auf der Insel, die häufig nur schwarz und weiß kennt, erstaunlich nüchtern in ihrem Urteil. Ganz anders reagierten die Spanier, die schonungslos mit dem FC Barcelona abrechneten.

Barça- und Liverpool-Fans tauschen Trikots

Auch nach dem Abpfiff spielten sich noch emotionale an der Anfield Road ab. Barça-Fans erwiesen sich als faire Verlierer, die Engländer dankten es den Gästen mit aufmunterndem Applaus. In einem Video ist zu sehen, wie Anhänger beider Fanlager Trikots austauschen und sich gegenseitig zuwerfen. Eine magische Fußball-Nacht liefert eben auch solche Bildern.

Eckball-Tor überraschte auch Klopp

Das entscheidende 4:0 hatte Klopp nicht einmal gesehen. Bei der schnell ausgeführten Ecke von Trent Alexander-Arnold war der Coach genauso überrascht wie die Spieler von Barcelona. Nur Origi war hellwach und sorgte für die Entscheidung.

So eine Szene hatten selbst Fußball-Veteranen noch nicht gesehen. Millionen Fans weltweit kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus und fragten sich: War das einstudiert oder "nur" ein genialer Geistesblitz? "Es war nur instinktiv", klärte Alexander-Arnold hinterher im TV-Interview auf: "Es war einer dieser Momente, in denen du die Gelegenheit erkennst und dann wahrnimmst." Englands früherer Nationalspieler Gary Lineker schwärmte auf Twitter von einem "der cleversten, frechsten und brillantesten Fußballkunststücke, die ich je gesehen habe."

Der 20-jährige Alexander-Arnold tat beim Eckball in der 79. Minute so, als würde er für Xherdan Shaqiri Platz machen. Nach vier Schritten drehte sich der Nationalspieler aber blitzschnell um und flankte den Ball in den Strafraum, wo einzig Torschütze Origi reagierte und zum 4:0 traf. Barcas deutscher Torhüter Marc-Andre ter Stegen klatschte noch für seine Vorderleute motivierend in die Hände, da flog der Ball bereits in seinen Strafraum.

Selbst für Teammanager Jürgen Klopp ging alles zu schnell. "Ich habe draußen noch gequatscht und sehe einen Ball ins Tor fliegen. Ich musste fragen, wer das Tor gemacht hat", verriet Klopp bei Sky. Der Trick sei keine Anweisung von ihm gewesen: "Das war eine in dem Moment entstandene Idee von Trent Alexander-Arnold, 20 Jahre alt, in Liverpool geboren – was für ein Kerl!" Aber Klopp bestätigte, dass er im Training "viel Zeit" auf "schnelle Standardsituationen" verwende.

Klopp erwartet eine Strafe

Im Überschwang der Gefühle hat sich Klopp zu einem verbalen Aussetzer im britischen Fernsehen hinreißen lassen. "Es ist zehn nach zehn. Die meisten Kinder sind wahrscheinlich im Bett", sagte er beim TV-Sender BT Sport mit Blick auf die Uhr, um dann sein Team zu loben: "Diese Jungs sind fucking Mentalitätsgiganten."

Dass das F-Wort im britischen Fernsehen verpönt ist, war für Klopp im Anschluss an die spektakuläre Aufholjagd der Reds nach der 0:3-Hinspielniederlage zweitrangig. "Bestraft mich, wenn ihr wollt. Ich bin kein Muttersprachler, mir fallen dafür keine besseren Worte ein", sagte 51-Jährige grinsend.

Sogleich erhielt Klopp aber prominente Unterstützung. Das Produktionsteam des Senders forderte Moderator Gary Lineker auf, sich beim Publikum für die Wortwahl Klopps zu entschuldigen. Der englische Ex-Nationalspieler lehnte aber ab. "Ich wurde gebeten, mich dafür zu entschuldigen, aber das werde ich nicht tun. Ich denke, nach diesem Spiel hat er alles Recht dazu", sagte Lineker: "Er kommt heute damit durch, es ist schon nach zehn. Gut gemacht, Jürgen!" Experte Rio Ferdinand meinte hingegen, dass Klopp "sicherlich bestraft" werde.

Ex-Wolfsburger Origi hat das Matchwinner-Gen

Er ist der Mann für die besonderen Momente. Divock Origi avancierte mit seinen zwei Toren zum Matchwinner. Mal wieder Origi – der Ex-Wolfsburger war in dieser Saison nicht das erste Mal der Held des Abends. Beim 1:0 gegen den Stadtnachbarn FC Everton traf der Stürmer in der sechsten Minute der Nachspielzeit und sorgte für einen Jubellauf von Klopp. Und erst am vergangenen Samstag erzielte Origi den 3:2-Siegtreffer bei Newcastle United, wodurch die Reds weiter vom Titel in der Premier League träumen dürfen.

Klopp gewann nur eines von sieben Endspielen

Es ist das achte große Endspiel für Jürgen Klopp, seine Bilanz ist bislang ernüchternd. Die letzten sechs Finals verlor der Erfolgscoach allesamt – jeweils dreimal mit Borussia Dortmund und Liverpool. Darunter sind auch drei Europacup-Endspiele: 2013 verlor der BVB im deutschen Königsklassen-Finale gegen den FC Bayern München (1:2), 2016 zog Klopp im Europa-League-Endspiel mit Liverpool gegen den FC Sevilla (1:3) den Kürzeren. Und im vergangenen Jahr endete in der Champions League gegen Real Madrid (1:3) der Traum vom Titel.

Fieses Déjà-vu für Barcelona

Wieder hat der FC Barcelona eine Drei-Tore-Führung in der Champions League verspielt. Im Vorjahr kassierten die Katalanen nach einem 4:1 im Viertelfinal-Hinspiel gegen den italienischen Club AS Rom noch eine 0:3-Pleite im Auswärtsspiel. Im gegnerischen Tor stand damals wie am Dienstag der Brasilianer Alisson. Damit wartet Barça weiter auf den ersten Endspiel-Einzug seit dem Titelgewinn 2015.

Campino und Nowitzki jubeln mit

Ob Edel-Fan Campino oder Basketball-Legende Dirk Nowitzki – schon wenige Minuten nach dem Ende der denkwürdigen Partie gab es in den sozialen Netzwerken die ersten Glückwünsche. "Kloppo!!!!", twitterte der vor kurzem zurückgetretene Nowitzki. Tote-Hosen-Sänger Campino veröffentlichte mit Liverpool-Schal über dem Kopf ein Foto aus dem Stadion mit der Unterzeile: "I'm a believer!....".

Mourinho: "Comeback hat einen Namen: Jürgen"

Seltenes Lob für Jürgen Klopp: Selbst José Mourinho, einer seiner größten Widersacher, zieht den Hut vor Liverpools Coach. "Für mich hat dieses Comeback einen Namen: Jürgen", sagte der Portugiese als TV-Experte. "Das ist die Spiegelung seiner Persönlichkeit: niemals aufgeben, sein Kampfgeist. Hier ging es nicht um Taktik oder Spielphilosophie, hier ging es um Herz und Seele."

Für Mourinho, der selbst mit dem FC Porto (2004) und Inter Mailand (2010) zweimal die Königsklasse gewinnen konnte, sollte nun auch Klopp den Henkelpokal in die Höhe stemmen: "Jürgen verdient es." Klopps Arbeit in Liverpool nannte Mourinho zudem "fantastisch".

Nach der 0:3-Niederlage im Hinspiel vor einer Woche in Barcelona klang Mourinho aber noch ganz anders. "Jürgen ist seit dreieinhalb Jahren in dem Verein und gewinnt absolut nichts", hatte der jüngst bei Manchester United entlassene Mourinho beim TV-Sender beIN Sports gesagt.

Nicht die erste historische Nacht der Reds

Kaum ein Fußball-Club auf der Welt hat eine derart ruhmreiche Europacup-Geschichte wie der FC Liverpool. Fünfmal gewannen die Reds die Königsklasse, dreimal den Uefa-Pokal. Am Dienstag kam mit dem 4:0 gegen Barcelona um den fünfmaligen Weltfußballer Lionel Messi ein weiterer historischer Abend hinzu.