Kolumne

Darts-WM: Die Pfeile der Frauen

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Bei der Darts-WM dürfen erstmals Werferinnen auf die große Bühne – und das ist auch gut so.

Ein lang gezogenes „Onehundred­aaandeightyyyy!“ schallt durch das „Ally Pally“, und die als Comic-Figuren oder pinkfarbene Einhörner verkleideten Fans flippen aus. Ekstase pur. „180 Zähler“ – die 3000 im Saal feiern den perfekten Wurf, ihre Helden auf der Bühne und vor allem auch sich selbst. Und vor den TV-Schirmen fiebert ein Millionenpublikum mit. Es ist angerichtet: Die Darts-WM hat begonnen.

Seit Donnerstagabend verwandelt sich die West Hall des Londoner Alexandra Palace („Ally Pally“) für die kommenden drei Wochen in eine Mischung aus bierseliger Ballermann-Party und freudetrunkenem Kölner Karneval. Noch lauter, schriller, größer und lukrativer als bisherige Weltmeisterschaften kommt die Endrunde anno 2018 daher. Das erfolgreich hochvermarktete Massenevent ist zu einer festen Größe in der sport- und nachrichtenarmen Zeit rund um Weihnachten und den Jahreswechsel geworden. Den Höhepunkt erreicht das bunte Treiben mit dem WM-Finale am 1. Januar. Guten Rutsch.

Statt wie bisher 72 treten erstmals 96 Profis vor die Dartscheiben, darunter mit vier Deutschen so viele wie nie zuvor, und – das ist die eigentliche Neuerung – erstmals auch Pfeilewerferinnen. Zwei der zusätzlichen 24 Startplätze hat die Professional Darts Corporation (PDC) um ihren findigen Promoter Barry Hearn (70) für Frauen ausgelobt.

Er wolle den Männern „nichts Schlechtes, aber durch die Kommerzbrille betrachtet wäre es natürlich ein tolles Ergebnis, einer Frau dabei zuzusehen, wie sie einen Mann auf der Bühne des ,Ally Pally‘ schlägt“, sagt Hearn. Die vormals elitäre Männerwelt zittert, die Fallhöhe steigt. Niemand möchte der Erste sein, dem Spott und Häme bei einer Niederlage gewiss wären. Größte Herausforderin ist die Russin Anastasia Dobromyslova (34). Ihr Kampfname passt: „From Russia with Love“ – angelehnt an den James-Bond-Klassiker „Liebesgrüße aus Moskau“. Sie ist die Spionin in der Männerdomäne.

Für PDC-Chef Hearn ist die Frauenquote light der Versuch, die aufkommende Sexismus-Debatte zu seinen Gunsten zu lenken. Zumal die Spielerinnen auf die Einführung einer eigenen Profitour hoffen. Sie wollen mit ihren Auftritten in den Wohnzimmern dieser Welt – die WM ist mehr als 100 Stunden live bei Sport1 zu sehen, 2,73 Millionen Deutsche sahen das vergangene WM-Finale – Vorbild für Nachnahmerinnen sein.

Auf 100 Darter kommen in Hamburg gerade einmal acht Darterinnen. Im Ligabetrieb wird (ohne anschließende Häme) gemischt gespielt, bei Ranglistenturnieren jeweils für sich. Die PDC-Tour der Preisgeldmillionäre – umgerechnet 2,78 Millionen Euro werden bei der WM ausgeschüttet – steht prinzipiell allen Teilnehmerinnen offen. Sie können es sich nur nicht erlauben (wie übri-
gens auch die meisten männlichen Kollegen), alles auf die Karte Profi-Karriere zu setzen. Wie in vielen anderen Lebensbereichen haben Frauen beim Darts nicht die gleichen Karrierechancen wie Männer – spürbar etwa bei der Sponsorensuche.

Das überrascht, weil in einer Sportart mit Minimalbeweglichkeit Chancengleichheit zu vermuten wäre. Beim Wurf mit den bis zu 26 Gramm schweren Pfeilen aus 2,73 Metern Entfernung sollten Kräfteverhältnisse zwischen dem starken und dem schwachen Geschlecht keine Rolle spielen. Der perfekte Wurf kommt aus dem Handgelenk – je weniger Muskeln daran beteiligt sind und feinmotorisch koordiniert werden müssen, desto präziser der Treffer.

Hypothesen gibt es viele. Eine lautet, Frauen sähen „breiter“ als Männer, die sich evolutionsbiologisch als Jäger und Sammler besser fokussieren könnten. Motto: Früher mit dem Speer beim Wurf aufs Wild, heute mit dem Pfeil beim Treffen der Triple 20, der höchsten Punktzahl an der Scheibe. Zudem sei die Konzentrationsfähigkeit der Männer wie beim Schach in Abhängigkeit von der körperlichen Belastbarkeit sowie der Ausdauerfähigkeit höher. Die Darts-Szene hebt vor allem die nötige mentale Stärke hervor, die Würfe auch unter Druck konstant gut abzurufen.

Wenn den Dartern nun Gedanken an eine Blamage durch den Kopf schießen, ist es für die Frauen die große Chance, WM-Geschichte zu schreiben.