Wassersport

Das Meer als Kraftquelle: Hamburgerin mit 51 zur WM

Bettina Kohl,
geboren in Kassel,
wuchs in Rellingen
auf. Das Wasser ist
ihr Element, seit sie
denken kann.

Bettina Kohl, geboren in Kassel, wuchs in Rellingen auf. Das Wasser ist ihr Element, seit sie denken kann.

Foto: Bettina Kohl

Bettina Kohl reist zum Worldcup im Stand-up-Paddling nach China – Dokumentarfilm mit Crowdfunding finanziert und in Arbeit.

Hamburg.  Wenn draußen die Blätter rascheln, genügt das schon, um Bettina Kohl auf ihrem Bürostuhl unruhig hin- und herrutschen zu lassen. Wind! Von der einen auf die andere Sekunde meldet sich die Sehnsucht nach dem Wasser, nach dem Ritt auf den Wellen. Mit Segeln fing es an, mit 16 Jahren schenkten ihr die Eltern ein Windsurfbrett. Da war es endgültig um sie geschehen. Windsurfprofi wollte sie werden. Unbedingt! Doch irgendwann verlor die Hamburgerin den Kompass für ihr Lebensziel. Gründe dafür gab es viele: Im Marketingbereich hatte man ihr einen attraktiven Job angeboten, sie gründete mit ihrem Lebenspartner Martin Oeser­, den sie im angesagtesten Surfshop der Stadt kennengelernt hatte (wo auch sonst), eine Familie, 2005 brachte sie Benjamin zur Welt. Schwere Schicksalsschläge kamen dazu wie der Freitod ihrer Mutter.

Heute ist Bettina Kohl 51 Jahre jung. Sie ist kein mit Millionen gepamperter Star, aber immer noch leidenschaftliche und ehrgeizige Amateursportlerin. Mit ihren 1,51 Metern Körpergröße könnte man sie leicht auf der Straße übersehen. Wer ihr jedoch gegenübersitzt, bemerkt sofort ihr Strahlen, die Vorfreude auf den größten Sieg, den sie bald erringen wird.

Mit 30 Jahren Verspätung soll sich ihr Traum erfüllen. In einer anderen Wassersportdisziplin und gegen viele Widerstände. Im Südchinesischen Meer nimmt Kohl vor der Insel Hainan vom 23. November an beim Worldcup im Stand-up-Paddling (SUP) teil. Messen muss sie sich dort mit den weltbesten, größtenteils sehr viel jüngeren Profigegnerinnen. „Viele von denen leben dicht am Meer und können täglich trainieren“, sagt sie und meint damit: auf dem Board stehend mit dem Paddel in der Hand Wellen zu reiten.

Auch logistisch ist die Reise kompliziert

Zwar gehört sie als „deutsche Vizemeisterin SUP Wave“ zur nationalen Spitze, hat mit der WM-Titelvergabe aber nichts zu tun. Dennoch lässt sie sich ihr Abenteuer einige Tausend Euro kosten. Auch logistisch ist die Reise kompliziert. Die Waveboards sind seit Ende September im Seefrachtcontainer unterwegs. Das Equipment muss erst im- und später wieder exportiert werden. Um sich den Trip leisten zu können, startete Bettina Kohl eine Crowdfunding-Aktion bei „gofundme.com“ und sammelte bereits 3120 Euro ein.

Nach China begleitet wird sie von ihrem Partner Martin und Sohn Benni, der im Team Germany als Ersatzmann für die Juniorenklasse (unter 18 Jahre) dabei ist. Bei den deutschen Meisterschaften SUP Wave in Portugal hatte der 13-Jährige, der 2017 bereits deutscher Juniormeister SUP Wave geworden war, im Oktober Platz sechs bei den Männern belegt. Vater Martin gewann in der Master Class (über 45).

Die große SUP-Welle schwappte vor acht Jahren über Deutschland und erfasste auch Bettina Kohl und ihre Familie. Und zwar heftig. Windsurfen war passé. „Wenn uns Leute beobachten würden, fänden sie uns sicher etwas seltsam“, sagt sie. „Bei uns dreht sich viel um Wetteranalysen. In unserem Sport können wir nicht wie beim Tennis sagen, dass wir uns um 15 Uhr auf dem Platz treffen. Du musst total spontan reagieren. Die Surfspots funktionieren nur bei bestimmten Windrichtungen.“ Fast jedes Wochenende und in jedem Urlaub geht es auf Reisen. Trainiert wird auf der Alster, auf Fehmarn, wo ein Wohnwagen steht, oder im dänischen Klitmöller. Stehen die Winde gut, lohnt sich ein Trip für einen Nachmittag nach Timmendorf. „Das Meer ist meine Kraftquelle“, beschreibt Bettina Kohl ihre Verbindung zur Natur.

Inspirierender Dokumentarfilm

Lebenslustig, voller Tatendrang, so wirkt die Feng-Shui-Beraterin, die für Unternehmen und Privatpersonen europaweit arbeitet, wenn beim Erzählen die Worte nur so aus ihr heraussprudeln. Dabei kennt sie auch die dunkle Seite des Lebens. Mehrfach hatte sie in jungen Jahren mit Depressionen zu kämpfen. In diesen Phasen spürte sie eine totale innere Leere, obwohl sie für die Umwelt normal funktionierte. „Ich war wie eine gespaltene Persönlichkeit.“

Eine Tragödie musste sie Anfang 2017 verarbeiten, als sich ihre Mutter das Leben nahm. Ausgerechnet im Wasser, ihrem Element. „Noch heute ist es für mich nicht vorstellbar, dass sie diesen Weg gegangen ist“, sagt Bettina Kohl, die den Schicksalsschlag als Weckruf empfand und sich schwor: „Für mich geht das Leben weiter, jetzt erst recht!“ Wenige Monate später gelang ihr bei den deutschen Meisterschaften tatsächlich die Qualifikation für die WM, doch es war ein mentaler Kraftakt: „Ich war ziemlich fertig, mein Energiespeicher war leer.“

Genau in dieser Phase jedoch entwickelte sie mit der Hamburger Filmemacherin Andrea Hausstätter – mit an Bord ist auch Susanne Stampf-Sed­litzky als Creative Concultant“ – die Idee, einen inspirierenden Dokumentarfilm zu drehen, in dem ihr Leben mit den vielen Höhen und Tiefen im Zentrum steht. Der Film mit dem Titel „Betty Would Go“ soll ein Mutmacher und Motivationsgeber sein, getreu ihrem Motto: „Surft mit allen Herausforderungen. Aufgeben ist keine Option.“ Er soll aber auch das Bewusstsein schärfen für den Meeresschutz.

Um das Projekt anzuschieben, startete sie ein zweites Crowdfunding bei der Plattform „Kickstarter“ und produzierte einen professionellen Teaser, also Werbefilm, für ihre gewagte Kampagne. Denn die Regeln sind dort härter als bei „gofundme“: Nur wenn die angepeilte Summe – in diesem Fall 10.000 Euro – erreicht wird, kommt es zur Auszahlung.

„Jetzt realisieren wir den Film auf jeden Fall“

Trotz aller Anstrengungen ihres kleinen Teams fehlten am 17. Oktober, einen Tag vor Ablauf der Frist, noch 3500 Euro, obwohl 87 Unterstützer an Bord waren. „Ich weiß noch, wie ich nachts mit Benni vor dem Rechner saß und es pling machte: Glückwunsch, Sie haben es geschafft. Ein irres Erlebnis.“ Ein privater Spender, selbst ein Wassersportler, war so überzeugt von dem Projekt, dass er die noch fehlende Summe aufstockte. Ein Wahnsinns­erfolg angesichts der Kürze der Planungsphase.

„Jetzt realisieren wir den Film auf jeden Fall“, sagt Bettina Kohl in dem Wissen, dass sie mindestens 30.000 Euro, besser 60.000 Euro benötigt, um dem selbst gesetzten hohen Qualitätsanspruch gerecht zu werden. „Die Produktion kann mit höherem Budget einfach viel mehr Ideen und Themen verwirklichen. Deshalb suchen wir noch größere, engagierte Sponsoren und Unternehmen.“

Und da blitzt es wieder auf, dieses Strahlen. Bettina Kohl ist überzeugt, dass der mindestens einstündige Film im Mai 2019 fertig sein wird. Ob er im Kino läuft oder bei Vorträgen? So weit denkt sie nicht. „Ich habe selten etwas so stark gefühlt. Ich weiß, es wird passieren, und es wird toll. Vielleicht nicht auf dem linearen Weg, es wird sicher noch Überraschungen geben.“ Alles andere wäre ja auch verwunderlich.

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