Hamburg

Wie lange traben sie noch?

Am Sonntag startet in Bahrenfeld der wichtigste Renntag für die Traber. Wie lange es dort noch Pferdesport geben wird, weiß niemand

Hamburg.  Er kann und will es nicht lassen. Zwar hat Heinz Wewering (68) in seinem Berufsleben schon alles gewonnen, was es zu gewinnen gab, doch die Lust am Trabrennen liegt ihm wie eine Sucht im Blut. Wenn am kommenden Sonntag der wichtigste Renntag in Deutschland auf der Sandbahn in Bahrenfeld beginnt und der Starter um 13.35 Uhr das Zeichen gibt, dann wird der Altmeister – selbstverständlich – gleich im ersten Rennen mit der Stute Opalis versuchen, die 5000 Euro für den Sieg einzufahren. Insgesamt tritt er sogar siebenmal an, wenn die Pferde gesund bleiben. Als Trainer hat sich Wewering im vergangenen November offiziell zur Ruhe gesetzt. „Ich fahre nur noch aus Spaß“, sagt er. So geht Rentnerdasein bei den Trabern.

Und weil einer, dem sein Sport quasi ins Herz gewachsen ist, etwas zurückgeben will, engagiert er sich im Präsidium des Hamburger Trab-Zentrums (HTZ) „Ich mag diese Stadt“, sagt Wewering. Mit seiner Familie lebt er in Recklinghausen im Ruhrgebiet. Für die Rennen pendelt er weiter zwischen den Bahnen in Berlin, Nordrhein-Westfalen, München und Hamburg. „Als man mich in Hamburg um Mithilfe bat, habe ich zugesagt“, erklärt er. Dabei ist Funktionärsarbeit gar nicht sein Ding.

Seit drei Jahren heißt der Präsident des Hamburger Traber-Zentrums Jörg Verstl, ein 52 Jahre alter Steuerberater der Kanzlei ASG. „Ich liebe Pferde und Ehrenämter“, sagt er. Und weil er das HTZ beraten hat und ihm auch Günter Herz (78), Mäzen und Motor der Traber, gewogen war, nahm er das Amt des Vorsitzenden an. Die Kaffee-Dynastie Herz unterstützt diesen Pferdesport seit Jahrzehnten. Zwar ist Gründersohn Günter Herz längst aus der Familienholding ausgestiegen, doch ohne das finanzielle Engagement des Milliardärs und Gestütsbesitzers könnten die Traber genauso wenig überleben wie in Horn die Galopper ohne die Unterstützung von Kaffeeunternehmer Albert Darboven (82). Zwei Sportarten am Rande des Abgrunds. Weniger Zuschauer, Wettrückgänge, das Internet, Züchter, die frustriert aufgeben, und dadurch weniger Pferde – die Liste der Gründe, warum es existenziell kriselt, ist lang.

Beim Überleben helfen soll eine Doppelrennbahn. Die Geschichte hat inzwischen einen Bart, so alt ist sie. Der Plan: Die Traber verlassen Bahrenfeld, weil die Stadt auf dem ihr gehörenden Gelände Wohnungen bauen will, und wechseln zu den Galoppern in den Osten der Stadt. Deren extrem sanierungsbedürftige Anlage wird neu gestaltet, sodass die Rennen sowohl auf grünem Geläuf als auch Sandbahnen ausgetragen werden können. Drum herum, so das Kalkül, könnte zusätzlicher Wohnraum entstehen. Doch weil die Finanzierung schwierig ist, soll die Stadt mitbezahlen. Und ab hier wird es kompliziert. Stichwort: Machbarkeitsstudie.

Für deren Erstellung bewilligte der Senat 200.000 Euro. Wichtigste Bedingung: mindestens zehn Jahre rentabler Betrieb und keine weiteren Zuzahlungen durch die Stadt. Eine von Galoppern und Trabern gemeinsam gegründete Gesellschaft soll den dafür nötigen Businessplan liefern. Damit beauftragt wurde Drees & Sommer, ein international tätiges Beratungsunternehmen. Die Hamburger Bau- und Immobilienfachleute hatten schon die Fertigstellung der Elbphilharmonie in der Endphase erfolgreich begleitet.

Noch Anfang Juli beim traditionellen Galopp-Derby war sich Sportsenator Andy Grote sicher, dass die Planungen auf einem guten Weg sind. „Im Laufe des Sommers soll die Machbarkeitsstudie vorgelegt werden“, kündigte er an. „Das liegt in der Verantwortung der beiden Trägerclubs. Dann werden wir uns diese anschauen. Die Federführung liegt bei der Senatskanzlei, und wenn die Ergebnisse entsprechend sind, dann geht das Verfahren in die nächste Stufe.“

Doch das Prozedere stockt. Während man aus Galopperkreisen hört, dass es noch Bedingungen gebe, die zu erfüllen seien, und deshalb die Unterlagen noch gar nicht hätten eingereicht werden können, sind die Traber voller Optimismus. „Wir haben uns zwei Jahre gegeben, um unsere Bilanzen in Ordnung zu bringen“, sagt Präsident Verstl. Das sei gelungen. Zahlen könne er zwar erst auf der nächsten Mitgliederversammlung nennen, doch so viel dürfe er jetzt schon sagen: „Wir stehen finanziell sehr viel besser da.“

Das ist auch wichtig, denn in der Gemengelage von Eitelkeiten, Streitigkeiten und Machtkämpfen zwischen den beiden darbenden Pferdesportarten gilt das Traber-Zentrum als der schwindsüchtigere Partner. Bundesweit schließen immer mehr Rennbahnen, weil sie sich nicht mehr lohnen. Das Image des Sports ist in Hamburg zudem nachhaltig beschädigt, seit 2005 eine Insolvenz nicht abgewendet werden konnte. Nur dank finanzieller Spritzen durch Günter Herz gelang der Neuanfang.

Nach vielen zwischenzeitlichen Volten wurden die Renntage 2017 auf 26 im Jahr reduziert, doch durch die Kooperation mit der schwedischen Wettgesellschaft ATG hat sich der Umsatz der Rennbahn signifikant erhöht. Die bisher aufgelaufenen Verluste im hohen sechsstelligen Bereich sollen weiter abgebaut werden. Herz, Verstl und Co. machen die Braut hübsch, dennoch liegt der Termin für die Hochzeit in weiter Ferne. Noch hat die Senatskanzlei kein grünes Licht gegeben. Tatsächlich fehle weiter das gemeinsame Konzept von Trabern und Galoppern, bestätigt Senatssprecher Jörg Schmoll. Deshalb gibt es auch noch keine Machbarkeitsstudie. Ende weiter offen.

Am Sonntag, beim Großen Preis von Deutschland, dem mit 150.000 Euro lukrativsten Rennen, wird das Gezerre um die Zukunft keine Rolle spielen. Dann ist Pferdesport pur angesagt. Heinz Wewering wird nicht im Sulky sitzen. Gemeldet haben Europas beste Gespanne aus Schweden, Frankreich und den Niederlanden. Ein Landsmann allerdings sitzt ihm im Nacken: Profi-Champion Michael Nimczyk plant nicht nur elf Starts, sondern kämpft mit seinem Pferd McArthur um die Siegprämie von 75.000 Euro. Auch hier: Ende offen.