Hamburg

Das HSV-Drama aus dem Volkspark

Das historische 0:5 gegen Regensburg offenbart die Probleme des Systems. Höchste Niederlage in einem Heimspiel seit 1974. Wie reagiert Trainer Titz?

Hamburg.  Um 20 Uhr öffnen an diesem Montag die Tore, der Vorhang geht auf. „Heiß auf 2. Liga“ heißt die Komödie, die der preisgekrönte Regisseur Gil Mehmert (u. a. „Das Wunder von Bern“) in den Hamburger Kammerspielen auf die Bühne bringt. Die Uraufführung zeigt das „turbulent bunte Fußballkarussell“ des HSV. So beschreiben die Macher ihr Theaterstück, das sich mit den Dramen der vergangenen Jahre aus dem Volkspark beschäftigt.

Dass der echte HSV nur einen Tag vor der Premiere die Tore öffnete für einen neuen Akt in der langen Geschichte der Hamburger Fußballdramen, war nach dieser Woche nicht zu erwarten. Vier Erfolge in Folge hatte der HSV zuletzt gefeiert und damit die Tabellenführung in der Zweiten Liga übernommen. Fünf Siege in Serie hatte es zuletzt vor 30 Jahren gegeben. Und tatsächlich sollte dieser Sonntagnachmittag für den HSV ein historischer werden. Doch statt eines Lustspiels sorgten die Hamburger gegen Jahn Regensburg für grotesk-peinliche Comedy. Statt des fünften Sieges gab es ein 0:5. In Worten: null zu fünf. Es war die höchste Heimniederlage seit 44 Jahren.

Damals, am 4. Mai 1974, verlor der HSV 0:5 gegen den deutschen Meister FC Bayern München. Diesmal, am 23. September 2018, kam der Gegner ebenfalls aus Bayern. Doch es war nicht der große FCB, sondern der kleine Jahn aus Regensburg, vor zweieinhalb Jahren noch Viertligist, der den HSV im Volkspark mit 5:0 besiegen sollte. „Für uns ist das heute eine absolute Sternstunde“, sagte Trainer Achim Beierlorzer.

Es dauerte am Sonntag nur elf Minuten, bis die Tore beim HSV erstmals geöffnet waren. Torhüter Julian Pollersbeck ließ sich nach einem Rückpass von Gotoku Sakai viel Zeit und versuchte dann Regensburgs Sargis Adamyan auszudribbeln. Ein fatales Vorhaben. Pollersbeck verlor den Ball und konnte den Stürmer dann nicht mehr stoppen. 0:1. Der erste Akt. Erstmals führte das System des hoch stehenden Torwarts zu einem Gegentor. „Er wird seine Lehren daraus ziehen. Das wird ihm so schnell nicht mehr passieren“, sagte Trainer Christian Titz über den Aussetzer des zuletzt sicheren Torhüters.

Dass der HSV nach Akt zwei und drei durch zwei weitere Treffer von Adamyan bereits zur Pause des Dramas mit 0:3 zurücklag, hatte aber weniger mit Torwart Pollersbeck als vielmehr mit dem gesamten Defensivverbund zu tun. Matti Steinmann verlor als Sechser viele Bälle, die Verteidiger Sakai sowie Léo Lacroix und Rick van Drongelen ihre Gegenspieler mehrfach aus den Augen. Jeder Regensburger Angriff wurde gefährlich, die Unsicherheiten in der HSV-Abwehr dürften selbst die Tauben unter dem Stadiondach gespürt haben. „Die Zweite Liga ist kein Zuckerschlecken“, sagte Regisseur und Stadiongast Gil Mehmert zur Pause bei „Sky“.

Trainer Titz gestand hinterher große Probleme in der Defensive. „Beängstigend war, wie wir heute verteidigt haben.“ Kapitän Aaron Hunt, der kurz vor der Halbzeit einen fragwürdigen Elfmeter in peinlicher Art verschoss, legte anschließend den Finger in die Wunde. „Wir haben weder gegen Heidenheim noch gegen Dresden oder heute eine Kompaktheit hinbekommen. Wir lassen einfach zu viele Großchancen gegen uns zu“, sagte Hunt (siehe Bericht unten).

Zehn Gegentore hat der HSV in den Heimspielen gegen Kiel (0:3), Heidenheim (3:2) und nun gegen Regensburg bereits bekommen. Es hätten noch mehr sein können. Sowohl bei Kontern als auch bei Standardsituationen ist die Hamburger Hintermannschaft äußerst anfällig. Das hat auch Trainer Titz mittlerweile erkannt. Ob er an seinem System etwas verändert? „Wir werden jetzt erst einmal in Ruhe darüber schlafen. Ja, wir bekommen zu viele Gegentore. Das wird ein großer Themenschwerpunkt in unserer Analyse sein.“

Titz streicht das geplante Aquajogging am Montag

Viel Zeit zur Analyse bleibt dem HSV nicht. Am Donnerstag geht es zu Greu­ther Fürth, am Sonntag steht das Stadtderby gegen den FC St. Pauli an. Titz strich nach der Pleite das für Montagmorgen angedachte Aquajogging, setzte stattdessen ein Mannschaftstraining an. „Die Spieler haben jetzt durch die englische Woche die Chance, das schnell wieder geradezurücken“, sagte der Chefcoach, der nun ebenfalls gefragt ist, die richtigen Lehren zu ziehen.

Was die HSV-Anhänger von dem Auftritt ihrer Mannschaft hielten, zeigten sie nach dem 0:4. Erneut hatte die Abwehr bei einem Standard geschlafen, Marcel Correia drückte den Ball über die Linie (53.). In Scharen verließen die Zuschauer den Volkspark. Umso erstaunlicher, dass die Fans auf der Nordtribüne die Mannschaft nach dem Spiel mit Applaus verabschiedeten, obwohl Jann George sogar noch das 5:0 für den Jahn nachlegte (75.). Wichtiger war es den Fans, ihre Schmähgesänge gegen St. Pauli zu zelebrieren.

Trainer Titz vergrub dagegen bereits nach dem 0:4 sein Gesicht in den Händen. Dass der 47-Jährige sein System nun überdenkt, ist unwahrscheinlich. Auch die Rotation – im Vergleich zum Dresden-Spiel tauschte er sechs Spieler aus – wollte Titz nicht als Ursache ausmachen. Die „individuellen Böcke“ gelte es jetzt abzustellen. Ein weiteres Drama in diesem Ausmaß wird sich der Coach kaum leisten können.

Der Spott war dem HSV in jedem Fall mal wieder sicher. Und nun kommt die Volkspark-Komödie auch noch ins Theater. „Auf der Grundlage der Geschichten, die der HSV uns in den vergangenen Jahren geliefert hat, hat sich die Komödie angeboten“, sagte Ann-Cathrin Sudhoff, Hauptdarstellerin des Stücks „Heiß auf 2. Liga“. Seit Sonntag ist klar, dass die Zeit der Dramen im Volkspark noch nicht vorbei ist.

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