New York

Serena Williams verliert Nerven und Endspiel

US-Tennisstar legt sich im Finale der US Open mit Schiedsrichter Carlos Ramos an. Schuld an der Pleite gegen Naomi Osaka war sie selbst

New York. Im ohrenbetäubenden Pfeifkonzert zog Naomi Osaka ihre Schirmmütze ganz tief ins Gesicht. Aber ihre Tränen bei der Siegerfeier konnte die emotional schwer berührte US-Open-Königin auch so nicht verbergen. Der erste Grand-Slam-Sieg des 20 Jahre alten Ausnahmetalents, der erste japanische Triumph bei einem der Tennismajors überhaupt, verlief jenseits aller Norm und Ordnung. Osakas 6:2, 6:4-Sieg gegen Serena Williams ging beinahe unter in den Tumulten um die Schiedsrichterbeleidigungen des US-amerikanischen Superstars. „Es war kein schönes Ende“, sagte Osaka später, „ich habe gelitten mit Serena. Sie ist schließlich mein großes Idol, und sie wird es auch bleiben.“

Es gehört zum guten Brauch, dass auch der Schiedsrichter eines großen Tennisfinales während der Siegeszeremonie ein paar lobende Worte und ein kleines Erinnerungsgeschenk erhält. Doch als am Sonnabendabend die offizielle Pokalfeier des denkwürdigsten Damenendspiels der jüngeren US-Open-Geschichte ihren Lauf nahm, da hatte Spielleiter Carlos Ramos längst das Arthur-Ashe-Stadion verlassen müssen. Wie ein gerade erwischter Halunke war der portugiesische Referee von breitschultrigen Bodyguards vom Centre-Court eskortiert worden.

Ramos, einer der strengsten und korrektesten Schiedsrichter im Tenniscircuit, hatte bloß seine amtliche Pflicht getan – und war doch unversehens zum Hauptdarsteller eines teils wunderlichen, teils bizarren Dramas geworden. Statt eines hollywoodreifen Happy Ends für Mutter Williams, mit dem 24. Grand-Slam-Sieg nur ein Jahr nach der komplizierten Geburt von Töchterchen Olympia, versank das Drehbuch im Chaos – mit Superheldin Serena im Zentrum der Aufmerksamkeit, aus den komplett falschen Gründen. Verwarnung, Punktabzug, Spielabzug: Aus dieser Trilogie der Bestrafungen gegen Williams war der Stoff einer veritablen Skandalnummer gemacht, die das sportlich komplett verdiente Scheitern der 36 Jahre alten Amerikanerin an den Rand drängte. „Serena hat Grenzen überschritten und musste dafür büßen. So einfach ist es“, sagte der sechsmalige Grand-Slam-Champion Boris Becker zu dem Aufreger in New York.

Wegen eines Fingerzeigs ihres Trainers Patrick Mouratoglou erhielt Williams zunächst eine Verwarnung wegen „unerlaubten Coachings“. Sie beklagte sich darüber bei Ramos, erklärte lautstark, lieber würde sie verlieren, als zu betrügen, gewann aber schnell die Fassung zurück. Als sie im zweiten Satz – nach einem Aufschlagverlust zum 3:2 – wegen eines im Zorn zerschmetterten Rackets eine zweite Verwarnung und damit einen Punktabzug erhielt, schoss ihr offenbar das erste geahndete Vergehen wieder in den Kopf. „Du nennst mich eine Betrügerin. Ich betrüge nicht, das ist nicht mein Charakter. Ich habe eine Tochter, vor der ich geradestehen muss“, brüllte die in ihrer Ehre Gekränkte den Referee an, „du schuldest mir eine Entschuldigung. Du wirst nie wieder auf einem Court mit mir sein.“

Die wütende Tirade ging wenig später weiter, bis zur Anklage mit ausgestrecktem Zeigefinger in Richtung Ramos: „Du bist nicht nur ein Lügner, sondern auch ein Dieb, weil du mir einen Punkt gestohlen hast.“ Das konnte sich der Portugiese nicht gefallen lassen, verhängte eine Spielstrafe, aus einem 3:4- wurde ein 3:5-Rückstand. Es war alles völlig regelkonform, aber es war auch zu viel für Williams und die aufgepeitschten Fans: Minutenlang diskutierte die erfolgreichste Spielerin der Gegenwart mit den auf den Centre-Court aufmarschierten Supervisoren Donna Kelso und Brian Earley, beteuerte immer wieder, es sei „nicht fair“, was passiert sei. Und außerdem: „Die Männer können sich solche Dinge leisten, ohne dass sie ähnlich dafür bestraft werden.“ Damit war dann auch der Ton vorgegeben für eine Klagemelodie, die Williams nach dem Eklat anstimmte: „Ich werde weiterkämpfen für Frauenrechte und für Gleichbehandlung“, sagte sie in ihrer späteren Pressekonferenz, die eher einem großen Monolog glich.

Im Stadion hatte die Verliererin immerhin noch kurz Fassung und Vernunft zurückgewonnen – bei der Kür der Siegerin. Als die 24.000 Zuschauer bei der Zeremonie nicht mit einem gellenden Pfeifkonzert aufhören wollten und Osaka zu einem Tränenausbruch trieben, ergriff Williams das Mikrofon und forderte die aufgebrachte Masse auf, die Unmutsäußerungen einzustellen. Osaka habe das „nicht verdient“, so Williams, „so soll sich ein Grand-Slam-Sieg nicht anfühlen. Lasst uns das jetzt anständig zu Ende bringen.“ Osaka hatte sich die uneingeschränkte Aufmerksamkeit nach diesem Endspiel mehr als verdient.

Denn wie die abseits der Courts scheue und schüchterne Asiatin in diesem ultimativen Zweikampf mit ihrem Idol auftrat, war schlicht bemerkenswert und eines Grand-Slam-Titels würdig. Osaka spielte mutig, couragiert, konzentriert in der Startphase des Endspiels. Und sie blieb auch ruhig, als das Chaos um und mit Williams seinen Lauf nahm. „Ich war so auf mich selbst fokussiert, dass mich das alles gar nicht so berührt hat“, sagte die Tochter einer Japanerin und eines Haitianers später.

Das Herrenfinale zwischen dem Serben Novak Djokovic und dem Argentinier Juan Martin Del Potro war am Sonntagabend bei Redaktionsschluss nicht beendet. Der Spanier Rafael Nadal, der im Halbfinale gegen Del Potro wegen einer Knieverletzung aufgeben musste, sagte aufgrund der Blessur seine Teilnahme am Daviscup-Halbfinale bei Titelverteidiger Frankreich (14. bis 16. September) ab.

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