Neuer Trainer

Wegen Beckers Privatleben: Warum Zverev Lendl vorzog

Legende und Schüler: Ivan Lendl (l.) mit Alexander Zverev (r.).

Legende und Schüler: Ivan Lendl (l.) mit Alexander Zverev (r.).

Foto: imago

Der Hamburger Tennisstar entschied sich bei der Trainersuche gegen den Helden seiner Heimat. Jetzt liefert er die Begründung nach.

New York. Es ist rund ein Jahrzehnt her, da war Ivan Lendl auch oft eine ganze Saison lang in einem Wanderzirkus unterwegs. Mit Tennis hatten die Reisen des ehemaligen Weltranglisten-Ersten allerdings nichts zu tun, Lendl fuhr damals seine golfenden Töchter Marika und Isabelle kreuz und quer durch Amerika. „Ich war der beste Chauffeur, den man sich vorstellen konnte“, sagt der 58-jährige, „aber auch der Berater und Kummerkasten, wenn es Probleme gab.“ Nur einmal im Jahr schaute Lendl in jener Zeit regelmäßig beim Tennis vorbei, zu den US Open reiste er für ein, zwei Tage an, sprach mit ehemaligen Weggefährten wie John McEnroe, Mats Wilander oder auch Jimmy Connors. Danach verschwand Lendl wieder spurlos aus der Tenniswelt, es drängte ihn auch nicht zu einem Job in der Branche: „Ich wollte nie einfach so im Tennis weitermachen. Als Kommentator, Agent oder Trainer. Ich war froh, Abstand zu haben.“ Und sich um seine Kinder kümmern zu können, nicht nur um die beiden Golferinnen, sondern auch um drei weitere Töchter, die als Ruderinnen oder Vielseitigkeitsreiterinnen unterwegs waren.

Lendl hat eine bemerkenswerte Präsenz

Wer sich in diesen Tagen nun allerdings im Billie Jean King Tennis Center umschaut, dem Schauplatz der US Open in Flushing Meadow, wer die Zeitungen und sozialen Medien studiert, der kommt an Lendls bemerkenswerter Präsenz nicht vorbei. Sechseinhalb Jahre nach seinem ersten Comeback im Tennis, seinerzeit als Chefcoach des britischen Stars Andy Murray, hat Lendl die zweite große und spektakuläre Trainermission angetreten – nun als einflussreicher Anweiser für den deutschen Jungstar Alexander Zverev. Der 21-jährige Hamburger steht zwar eigentlich noch nicht unter so großem Druck wie einst Murray, der mit Mitte Zwanzig schwer daran zweifelte, seine Talente nicht gewinnbringend einsetzen zu können.

Doch im Jahr 2018, überhaupt aber in der Tennisszene, dreht sich alles noch viel schneller und rasanter als je zuvor, auch die Ungeduld gegenüber Spielern wie Zverev ist erheblich gewachsen. Zverev ist den bedeutenden Titeln ja noch nicht wirklich nahegekommen, sein bestes Ergebnis soweit war das Erreichen des Viertelfinales bei den French Open in diesem Frühling. Deshalb muss und soll es Lendl bereits jetzt richten und das Ergebnisdefizit des Deutschen bei den Major-Wettbewerben berichtigen. Mit Lendl wolle er den „nächsten Schritt“ gehen und zuschlagen auf den großen Bühnen, sagt Zverev: „Ivans Erfolge mit Andy waren natürlich ein wichtiges Argument.“ Und auch die Tatsache, dass Lendl ein makelloses Image hat, skandal- und affärenlos, anders als der ebenfalls ins Auge gefasste Kandidat Boris Becker.

Zverev sagte Becker ab: "Ivans Leben ist gerade ein wenig leichter"

Zverev hatte die Qual der (Trainer-)Wahl - und entschied sich gegen den Helden seiner Heimat. Also nahm er sein Telefon zur Hand, um Boris Becker den Entschluss persönlich mitzuteilen. "Schau", sagte Zverev, "ich hätte es geliebt, mit dir zusammenzuarbeiten, und vielleicht klappt es ja in Zukunft. Aber ich denke, dass Ivan jetzt gerade besser passt." So erzählte es der gebürtige Hamburger zumindest vor den US Open in New York. Seit Dienstag ist bekannt, dass Ivan Lendl, einst Beckers großer Rivale auf dem Court, den Zuschlag bekommen hat. Aus zwei guten Gründen. "Erstens", sagte Zverev, "haben einige aus meinem Team schon mit Ivan gearbeitet". Und zweitens? "Ich dachte einfach, Ivans Leben ist gerade ein wenig leichter. Ich mag Boris. Ich liebe ihn. Er ist ein klasse Typ. Ich habe ihm geschrieben und mit ihm gesprochen, ehe ich die Sache mit Ivan verkündet habe."

Lendl hat keine Angst vor schweren Herausforderungen. Weder als Spieler noch als Trainer. In seiner aktiven Zeit begründete er eine neue Professionalität im Welttennis, ein neues Arbeitsethos im Nomadenbetrieb der Berufsspieler. Lendl war so fit, so zäh, so hartnäckig wie kein zweiter in der Szene, er gewann acht Grand Slam-Titel, stand 270 Wochen an der Spitze der Weltrangliste, erwarb sich den halb spöttischen, halb respektvollen Spitznamen „Ivan, der Schreckliche.“ Nur Wimbledon blieb ein ewiges Rätsel für ihn, dort siegte er nie, nach einem seiner zahllosen Fehlversuche im All England Club sagte er den berühmten Satz: „Gras ist etwas für Kühe.“ Sonst aber siegte er überall, auf allen Kontinenten, auf allen Belägen, er machte, anders als viele talentiertere Spieler, fast immer das Maximum möglich. Lendl war auch ein Meister des Taktierens, der Gegnerbeobachtung, einer, der die Schwächen seiner Rivalen messerscharf sezierte. Der stoische Charakter des eingebürgerten Amerikaners trieb manchen zur Weißglut, man muss da nur einen gewissen John McEnroe fragen.

Lendl-Schützling Murray beendete britische Titel-Dürre in Wimbledon

Von Lendls Expertise profitierte Großbritanniens langjähriger Hoffnungsträger Andy Murray gleich zwei Mal. Erst vom Januar 2012 bis zum März 2014, in einer Zeit, in der Murray Olympiasieger in London wurde und dann auch die schier ewige Titel-Dürre der heimischen Stars in Wimbledon beendete. Und dann noch einmal im Jahr 2016, als Lendl in der Not von Murray als Trainer zurückgerufen wurde und das Kunststück fertigbrachte, mit dem Schotten Wimbledon, die US Open und die ATP-Weltmeisterschaft zu gewinnen und so auch Platz 1 der Weltrangliste er erobern. Lendls größtes Verdienst, in beiden Arbeitsintervallen: Murrays Spiel strukturierter zu machen, seine Hitzköpfigkeit und seinen Jähzorn einzudämmen. „Er hat mich beruhigt als Spieler. Er war eine feste Autorität“, sagt Murray über den ehemaligen Begleiter, der reglos wie ein Buddha und mit meist grimmigem Blick auf der Tribüne wachte.

Das wird nun auch bei Zverev die Aufgabe des passionierten Kunstsammlers Lendl sein – als anerkannter, akzeptierter Dirigent dafür zu sorgen, dass das Spiel des jungen Deutschen noch stimmiger, konsistenter und auch zwingender wird in entscheidenden Tennis-Lebenslagen, also bei den Grand Slams. Und auch, ganz ähnlich wie einst bei Murray, mit aller gebotenen Strenge die gelegentlichen Undiszipliniertheiten seines Arbeitgebers auszuschalten. Zverev soll sich ganz aufs Tennis fixieren und sich von Nebenkriegsschauplätzen fernhalten, etwa von unergiebigen Diskussionen mit Schieds- oder Linienrichtern oder Scharmützeln mit seinen Gegnern.

Als Lendl ehedem von Murray verpflichtet worden war, gab er auch ein nicht unwichtiges Versprechen ab: „Er weiß, dass er jetzt noch mehr im Rampenlicht steht, dass das ein großes Ding ist – Murray und Lendl. Ich versuche, so viel wie möglich von ihm fernzuhalten. Ich lenke die Aufmerksamkeit ab.“ Nichts anderes wird Pokerface Lendl nun auch bei Zverev tun, als großes, übergroßes Schutzschild. „Ich wünsche mir, dass ich ihm helfen kann, die höchsten Ziel zu erreichen“, sagt Lendl, „Sascha hat das Potenzial dafür.“