St. Petersburg

Europas Signal der Stärke bleibt wirkungslos

Analyse Bei den kommenden Weltmeisterschaften profitieren andere Kontinente von der Aufstockung

St. Petersburg. Sie sind weiterhin zahlreich bei der WM vor Ort, die südamerikanischen Fans. Auch wenn ihre Trikots, Musikinstrumente und Lieder nicht mehr zum Turnier passen wollen, bleiben sie hartnäckige Elemente. Dabei müssen sich ein bisschen wie im falschen Film vorkommen: Ihre energetische Unterstützung konnte weder Neymar noch Lionel Messi und erst recht nicht James Rodriguez bis zum Halbfinale im Turnier halten. Europa ist bei den letzten vier wie bei der WM 2006 in Deutschland oder 1982 in Spanien unter sich. Obwohl einige Aushängeschilder versagten, – Italien und Niederlande waren nicht mal qualifiziert, Deutschland in der Vorrunde blamiert, Spanien im Achtelfinale düpiert – führten eben andere ihren Fortschritt vor, um Brasilien, Argentinien oder Kolumbien den Zahn zu ziehen.

Belgien hat eine seit Jahren befähigte Generation beisammen, Frankreich erntet die Früchte eines auf Nachhaltigkeit angelegten Neuaufbaus, England weckt mit seinen Talenten und Erfolgen in der Nachwuchsarbeit Erwartungen. Kroatien wiederum bringt eine besondere Kraft ein. Der Rest der Welt schaut bei der Vergabe des Pokals in die Röhre. Gerade Brasilien, das alle Zutaten für den großen Wurf hätte, muss sich grämen. Ihr Trainer Tite hatte keine Erklärung dafür, warum seine Seleção zwar Testspiele gegen Russland, England oder auch Deutschland gewann, dann trotzdem vorzeitig ausschied, zugegebenermaßen etwas unglücklich. Vielleicht, weil europäische Profis noch energischer ihre Ziele verfolgen.

Mit der europäischen Ausbeute, zehn der 16 Achtel- und sechs der acht Viertelfinalisten, sind auch 2018 alle Argumente aufgeführt, warum Europa die meisten Startplätze erhält. In der Verteilung des Teilnehmerkontingents bei 48 Teams spätestens zur Giganten-WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko spiegelt sich diese Leistungsstärke aber bald nicht mehr wider. Die europäische Quote wird gerade einmal von 13 auf 16 aufgestockt. Am kräftigsten legen Afrika (neun statt fünf) und Asien (acht statt 4,5) zu.

Fifa-Präsident Gianni Infantino weiß, wo sein Stimmvieh herkommt. Grotesk wirkt nun, dass die sportlich abgehängte südamerikanische Konföderation den Antrag bei Infantino einreicht, bereits die WM 2022 in Katar mit 48 Teams zu spielen. Mal abgesehen von den Terminschwierigkeiten dieses in den Winter gepflanzten Turniers: Wem ist damit geholfen? Das Niveau wird verwässert, die Gruppenphase mit den Dreier-Konstellationen undurchschaubar, weil am letzten Spieltag statt Spannung oft Chaos herrschen wird. Weil ein Team A unbeteiligt darauf setzen muss, dass Team B sich noch anstrengt, das zuvor gegen Team C gewonnen hatte. Es gab gute Gründe, dass die Dreier-Gruppen aus der zweiten Finalrunde bei der WM 1982 sofort wieder abgeschafft wurden. Aber vielleicht stecken hinter dem Antrag andere Ziele: Bei einer 48er WM sind aus Südamerika sechs der zehn Mitgliedsverbände dabei. Vielleicht soll 2022 einfach die Reisefreude der Gefolgschaft belohnt werden. (thel)

WM-Viertelfinale: Frankreich – Uruguay 2:0, Belgien – Brasilien 2:1, England – Schweden 2:0, Kroatien – Russland 2:2 n.V. (i. E. 4:3).
Halbfinale: Dienstag, 20 Uhr/ARD: Frankreich – Belgien. Mittwoch, 20 Uhr/ZDF: England – Kroatien. Platz drei: Sonnabend, 16 Uhr (ARD). Finale: Sonntag, 17 Uhr (ZDF).
Torjäger: 6 Tore:
Harry Kane (England); 4 Tore: Denis Tscheryschew (Russland), Romelu Lukaku (Belgien), Cristiano Ronaldo (Portugal); 3 Tore: Kylian Mbappé, Antoine Griezmann (beide Frankreich), Edinson Cavani (Uruguay), Diego Costa (Spanien), Artem Dschjuba (Russland), Yerry Mina (Kolumbien).