Moskau

Brasilien mit Kunst und Gewalt

Das Team von Superstar Neymar wird dank eines 2:0 gegen Serbien Gruppensieger und trifft auf Mexiko

Moskau. Die Hände zum Himmel, ein kurzes Stoßgebet und ein großes Dankeschön an den lieben Gott. So zelebrierte der diesmal tränenlose Neymar den verdienten 2:0-Sieg seiner Brasilianer gegen die tapfer kämpfenden, aber letztendlich glücklosen Serben. „Brasil, Brasil“ hallte es durch die Moskauer Nacht, die möglicherweise nicht in die brasilianische Fußballgeschichte eingehen wird, aber doch ein kleiner Schritt in Richtung „Hexa“, dem sechsten WM-Titel, sein könnte.

Die wirkliche Nachricht des Tages hatte sich aber natürlich schon weit vor den 90 Minuten im Lager der Brasilianer herumgesprochen: Die 0:2-Niederlage Deutschlands gegen Südkorea und damit das Aus des Weltmeisters. Des Turnier-Mitfavoriten. Und vor allem des größten Angstgegner Brasiliens. „Adeus Alemanha“, stand auf einem Plakat im brasilianischen Fanblock.

Entsprechend gut eingestimmt starteten die Südamerikaner, denen aber bereits nach nicht einmal zehn Minuten der Gute-Laune-Stecker gezogen wurde. Linksverteidiger Marcelo signalisierte der Bank, dass er raus müsse. Das rechte Bein, der Kopf, so ganz klar schien sich der Real-Madrid-Profi nicht zu sein, warum es für ihn nicht weiter gehen könnte und er durch Felipe Luis ersetzt werden müsste.

Doch der Schreck über das Aus des derzeit wahrscheinlich besten Linksverteidigers der Welt schockte die Brasilianer nur kurz. Gerade in der Phase, als Serbien ernsthafte Anstalten machte, sich mit besten Absichten dem brasilianischen Tor zu nähern, übernahm kein Geringer als Superstar Neymar das Kommando auf dem Platz. Und anders als in den vergangenen Spielen zeigte der Star von Paris Saint-Germain, dass er nicht nur ein 222-Millionen-Euro-Ego hat, sondern auch sehr mannschaftsdienlich sein kann. Gleich zweimal bediente der 26-Jährige mustergültig Offensivkollege Garbiel Jesus (25. und 29.), der allerdings an diesem Abend keinen Bund mit dem Fußballgott geschlossen hatte.

Gerade als sich Brasilien anfing, darüber Sorgen zu machen, dass im Parallelspiel die Schweiz gegen Costa Rica in Führung gegangen war, lieh sich Philippe Coutinho Neymars Zauberstab aus und beendete aufkommende Rechnereien. Seinen herrlichen Pass in den Lauf von Paulinho musste der Profi vom FC Barcelona nur noch mit der Fußspitze über den herausgeeilten Vladimir Stojkovic spitzeln. 1:0 nach 36 Minuten und Deutschland bereits auf dem Heimweg – viel besser könnte es für Neymar und Co an diesem Abend kaum werden.

Mit seiner Eckel leitet Neymar die Vorentscheidung ein

Doch wer nun ein brasilianisches Feuerwerk der Zugaben, ein bisschen grün-gelbes Hacke, Spitze, eins, zwei, drei und noch eine Neymar-Schaumkrone auf dem Ganzen erwartete, der wurde zunächst enttäuscht. Angefeuert von ihren (wenigen, aber dafür umso lauteren) Anhängern aus der Heimat bestimmte plötzlich Serbien die Partie. Es brauchte sogar einen durch den eigenen Fünfer fliegenden Kapitän Miranda (56.) und einen auf der eigenen Torlinie klärenden Casemiro (61.), die aus brasilianischer Sicht Schlimmeres verhindern mussten. Doch je näher die Mannschaft des Ex-Schalkers Mladen Krstajic dem verriegelten Tor von Keeper Alisson kam, desto lauter wurden die frenetischen Anhänger Serbiens.

Als wenig später auch noch Kleiderschrankstürmer Aleksandar Mitrovic die Flugkünste Alissons prüfte, hatte Trainer Tite genug gesehen. Torschütze Paulinho raus, Ersatzmann Fernandinho rein (66.). Die beiden reimen sich nicht nur, sondern sollten auch schnell Wirkung zeigen. So dauerte es nur wenige Sekunden, ehe Neymar einen gefühlvollen Eckball punktgenau auf Thiago Silvas Kopf streichelte. Der Rest war die pure Gewalt und die Vorentscheidung zum 2:0 (68.) – und ein erstes Mal streckte Neymar seine Hände in Richtung Himmel.

Brasilien trifft am kommenden Montag (16 Uhr) in Samara auf Mexiko, im zweiten Achtelfinale stehen sich die Schweiz und Schweden gegenüber. Ein klitzekleiner Trost für Alemanha: Immerhin der Rasen in Samaras Kosmos-Arena ist deutsch, kommt aus dem rheinländischen Willich.

Serbien: Stojkovic – Rukavina, Milenko, Veljkovic, Kolarov – Matic, Milinkovic-Savic – Tadic, Ljajic (75. Zivkovic), Kostic (82. Radonjic) – Mitrovic (90. Jovic) Brasilien: Alisson – Fagner, Thiago Silva, Miranda, Marcelo (10. Filipe Luis) – Casemiro – Paulinho (66. Fernandinho), Coutinho (80. Renato Augusto) – Willian, Neymar – Gabriel Jesus. Tore: 0:1 Paulinho (36.), 0:2 Thiago Silva (68.). Zuschauer: 44.190 (ausverkauft). Schiedsrichter: Faghani (Iran). Gelbe Karten: Ljajic, Matic (2), Mitrovic (2) –