Watutinki

Keine Frage des Könnens, sondern nur des Wollens

Torhüter und Kapitän Manuel Neuer findet klare Worte und fordert eine bessere Einstellung

Watutinki.  Es kann das Licht gewesen sein, in das Manuel Neuer trat, als die Sitzung des Bundestrainers ein Ende genommen hatte. Eine mittägliche Krisensitzung mit Überlänge. Neuer eilte danach – mit 50 Minuten Verzug – zu seinem nächsten Termin, zog die Augenbrauen zusammen, was die Augen verkleinerte. Der Torwart und Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft sah fast bedrohlich aus, mindestens aber entschlossen. Dann sagte er: „Da hat es geknallt.“ Bezogen war dieser Satz auf seine Eindrücke vom Training der Reservisten am Vortag. Da sei der Wille erkennbar gewesen. Jener Teil der Mannschaft wittert nun die Chance, in die Startelf zu rutschen, weil es die Arrivierten gegen Mexiko (0:1) zum Start in die WM so schlimm vergeigt hatten.

Aber es besteht kein Zweifel daran, dass es auch bei der internen Aufarbeitung ordentlich geknallt hat. „Jetzt muss von uns Spielern was kommen“, sagte der 32-Jährige. Es klang nicht wie eine freundliche Empfehlung. „Wir müssen zeigen, was uns stark gemacht hat in der Vergangenheit.“ Was das ist? „Wir hatten sehr erfahrene und sehr gute Spieler auf dem Platz. Jeder von ihnen kann in wichtigen Spielen seine Leistung abrufen“, meinte Neuer und kritisierte Einstellung und Mentalität seiner Vorderleute: „Für mich geht es darum: Habe ich die Bereitschaft, dieses Turnier mit 100 Prozent Einstellung anzugehen? Bin ich bereit, alles fürs Team zu geben? Von der Qualität her sehe ich keinen Grund, Spieler auszutauschen.“ Keine Frage des Könnens also, sondern des Wollens.

Dass das Ausscheiden schon am zweiten Spieltag gegen Schweden am Sonnabend (20 Uhr/ARD) in Sotschi eine mögliche Variante ist, war offenbar so nicht für möglich gehalten worden. „Wir sind unsere schärfsten Kritiker, wir sind enttäuscht und sauer auf uns“, sagte Neuer. Nie sei bei einem Turnier so viel gesprochen worden. Alle redeten ständig: bei jedem Essen, jeder Fahrt im Bus, vermutlich auch bei der gestrigen Reise nach Sotschi. „Es wird kein Blatt vor den Mund genommen“, sagte Neuer.

Doch es erstaunt schon, was der Kopf der Mannschaft öffentlich preisgab. Er bemängelte defizitäre Körpersprache und fehlende Lust, in der Defensive die nötige Arbeitsmoral an den Tag zu legen. Einen Fehler im Spielstil kann Neuer nicht entdecken. „Das hätte alles noch geregelt werden können im Umschaltspiel.“ Die Bereitschaft dazu sei aber „nicht vorhanden gewesen“. Wichtig sei nun, „dass wir nach einem Muster spielen, dass es keine zwei Meinungen gibt, wenn wir auf dem Platz stehen.“ Richtungsstreit in der Nationalmannschaft? Spaltung in Lager gar? „Diese Spaltung gibt es nicht. Wir sind ein Team.“ Eines, das sich gegen Schweden nun beweisen muss.