Moskau

Hummels und Boateng fühlten sich allein gelassen

Moskau. Jérôme Boateng war sichtlich sauer. „Die laufen vier-, fünfmal auf uns allein zu, dabei hatten wir das doch im Vorfeld angesprochen“, ärgerte sich der Innenverteidiger. Die 0:1-Auftaktniederlage gegen Mexiko lag da schon eine Stunde zurück. Boateng hatte mittlerweile geduscht. Aber er kochte immer noch innerlich. Denkt man irgendwann an dieses Spiel zurück, dann wird man sich erinnern, wie die quirligen mexikanischen Angreifer Chicharito und Hirving Lozano immer wieder die deutsche Defensive überfielen – und wie Boateng und Hummels dabei keine gute Figur machten. Machen konnten.

Boateng aber wollte diesen Eindruck nicht so stehen lassen. Er und Kollege Mats Hummels sahen viel mehr ein strukturelles Abwehrproblem des Weltmeisters, das sich ja schon bei den Vorbereitungsspielen gegen Österreich (0:1) und Saudi-Arabien (2:1) gezeigt hatte. „Wir haben das in den letzten Tagen oft genug angesprochen. Es kann nicht sein, dass wir so viele Abstimmungsfehler machen“, schimpfte Boateng.

Ähnlich aufgebracht war Hummels: „Wenn sieben oder acht Spieler von uns offensiv spielen, dann ist klar, dass die offensive Wucht größer ist als die defensive Stabilität“, sagte der Münchner: „Unsere Absicherung ist nicht gut, das muss man ganz klar sagen. Jérôme und ich stehen da oft alleine.“ Ob er sich Sorgen mache, dass Deutschland schon nach der Vorrunde wieder nach Hause fahren wird müssen, wurde Hummels gefragt: „Wenn wir so weiterspielen, ja! Wir müssen beide Spiele gewinnen, sonst war es das.“

Auch Nationalelf-Direktor Oliver Bierhoff verstand nicht, was an diesem Abend geschehen war. Auch er hatte gesehen, dass da Räume in der deutschen Defensive geboten wurden, die da nicht hingehören, wenn man Weltmeister werden will. „Wir wollten eigentlich von unserer Kompaktheit leben“, sagte er.

Die Ballverluste in der Offensive aber brachten immer wieder Probleme. „Intern habe ich das oft angesprochen“, klagte Hummels indirekt seine weiter vorne positionierten Kollegen wegen dieser Nachlässigkeiten an und ergänzte: „Für einen Warnschuss war es zu spät. Das Spiel gegen Saudi-Arabien hätte der Warnschuss sein müssen.“

Boateng betonte, keine Diskussion um die Schuldigen lostreten zu wollen: „Es geht nicht um Schuld, sondern darum, die richtigen Schlüsse zu ziehen“, sagte der 30-Jährige. Sonst ist das Abenteuer Russland schneller beendet, als man sich das in Deutschland hätte je vorstellen können.