Hamburg

Ein Boxerleben, härter als jedes Klischee

Der deutsche Meister Denis Krieger aus Hamburg kann mit einem Sieg gegen Toptalent Abass Baraou seine Vergangenheit hinter sich lassen

Hamburg.  Den Brief, den ihm sein Vater schickte, hat Denis Krieger aufbewahrt. Viele greifbare Erinnerungen an den Mann, der ihm so viel Leid brachte und doch so viel bedeutete, sind ihm nicht geblieben, schon deshalb sind ihm die handgeschriebenen Zeilen wichtig. Vor allem aber ist er wegen des Vaters geworden, was er heute ist, und auch wenn Teile der Begründung den Atem stocken lassen, ist er dankbar für die Impulse, die er von ihm bekommen hat.

Denis Krieger, vor 29 Jahren im moldawischen Soroca als Denis Titomir Perdinschii geboren, ist Profiboxer. An diesem Sonnabend (20 Uhr/Sport1) kämpft der Hamburger auf der Gala des Sauerland-Stalls in Hannover um die deutsche Meisterschaft im Superweltergewicht (bis 69,853 kg). Es wird nach 21 Profikämpfen das erste Mal sein, dass er live im TV zu sehen ist – und das nur, weil sein Gegner Abass Baraou ist, Sauerlands 23 Jahre altes Toptalent, das bereits im zweiten Profikampf die erste Titelchance bekommt.

Obwohl Krieger Titelverteidiger ist, geht er als Außenseiter in den Ring. Zur Antwort auf die Frage, ob ihn das stört, erzählt er die Geschichte seines Lebens. Der Vater war ein drogensüchtiger Alkoholiker, der die Mutter und seinen drei Jahre älteren Bruder schlug, wenn er high war. „In meiner Kindheit habe ich vieles gesehen, was ich nicht hätte sehen sollen“, sagt er. Damals sei in ihm der Wille gereift, kämpfen zu lernen, um sich wehren zu können. Er begann mit Karate, aber der Vater wollte, dass er Boxer wird. „Und weil er, wenn er nüchtern war, ein herzensguter Mensch war, habe ich diesen Wunsch befolgt.“

Mit 14 – die Eltern hatten sich getrennt, der Vater, bei dem Denis aus Verbundenheit und Mitleid geblieben war, war nach Moskau gezogen – absolvierte er sein erstes Boxtraining. Als er seinen Vater davon berichtete, schickte ihm dieser eine Sporttasche mit Boxhandschuhen. In einem steckten zehn Dollar, im anderen der Brief, den er bis heute aufbewahrt hat, in dem ihm der Vater alles Gute wünscht. „Das hat mir viel bedeutet. Bis heute gibt mir der Glaube Kraft, dass er mir von irgendwo zuschaut“, sagt er. Seit drei Jahren ist sein Erzeuger spurlos verschwunden.

Weil in Moldawien mit dem Boxen nichts zu verdienen ist, reiste Krieger ohne Geld und Sprachkenntnisse 2011 nach Hamburg. Im Internet hatte er sich Telefonnummern diverser Promoter herausgesucht, die er während der ersten 14 Tage, in denen er in Autos übernachtete und Flaschen sammelte, abtelefonierte. So kam er in Kontakt mit dem EC-Profistall, und da er im Sparring trotz seiner lediglich acht Amateurkämpfe durch Härte überzeugte, erhielt er die Chance, Profi zu werden – und auch seinen Kampfnamen „Krieger“.

Seine Überzeugung, ein richtig guter Boxer werden zu können, teilten die Trainer im EC-Stall allerdings nicht. 2013 wurde er weggeschickt, verfiel aus Frust selbst Alkohol und Drogen. Sein zweiter Anlauf in Deutschland scheiterte im Dezember 2015, als er nach einer durchzechten Nacht in Pinneberg gegen Angelo Frank verlor. „An dem Abend wäre ich am liebsten gestorben“, sagt er.

Einzig seine heutige Frau ermutigte ihn, es noch einmal zu versuchen. Als Sparringspartner beim Stall „Boxen im Norden“ kam er in Kontakt mit seinem heutigen Trainer Khoren Gevor. „Das war der Wendepunkt. Khoren hat mir gezeigt, was es bedeutet, Profi zu sein“, sagt er. Im Januar gewann er gegen den in 21 Kämpfen unbesiegten Berliner Robert Maess überraschend den deutschen Meistertitel, den er nun gegen Baraou verteidigt. Seitdem glaubt Denis Krieger, dass sich sein Leben endgültig zum Positiven gewendet hat. Er ist seit zwei Jahren clean, hat einen Job in der Sicherheitsbranche, eine Wohnung in Eißendorf. Sein Vater, glaubt er, wäre stolz auf ihn. Und das macht ihn glücklich, trotz allem, was war.