Hamburg

Die Stehaufmännchen aus Hamburg

Der abgeschriebene HSV macht den Abstiegskampf mit dem 1:0 gegen Freiburg wieder spannend. Torschütze Lewis Holtby als Symbolfigur

Hamburg. Die Kameras waren bereits aus, die Aufnahmegeräte abgeschaltet, da plauderte HSV-Trainer Christian Titz am Sonntag noch ein wenig über die Welt des Fußballs. Über Traditionsvereine und darüber, wie die Wege eines Clubs verlaufen können. Darüber, wie Alemannia Aachen, die erste Trainerstation von Titz, einst von der Bundesliga in die Regionalliga abstürzte. „Es ist verrückt, wie schnell es im Fußball gehen kann“, sagte Titz, ehe er den Volkspark verließ und den Rest des Tages mit seiner Familie verbrachte.

Titz hätte mit seinen Worten genauso gut den HSV meinen können. Wie schnell es im Fußball gehen kann, hat sich in der vergangenen Woche einmal mehr im Volkspark gezeigt. „Irrer Elfer lässt HSV absteigen“ schrieb die „Bild“-Zeitung erst am Dienstag nach dem Sieg von Mainz gegen Freiburg, der den Rückstand auf den Relegationsrang auf acht Punkte anwachsen ließ. „HSV – der Untote der Liga“, stand im selben Medium nur fünf Tage später. Dazwischen lag ein mühsam erkämpfter 1:0 (0:0)-Sieg des HSV am Sonnabend gegen den SC Freiburg, der die Lage der Liga plötzlich wieder völlig verändert.

Mit einem Sieg am kommenden Sonnabend beim VfL Wolfsburg (siehe Seite 23) könnte der HSV bis auf zwei Punkte an den direkten Konkurrenten heranrücken. Eine Chance, an die in Hamburg vor Wochen selbst kaum noch jemand geglaubt hatte. „Wir waren abgeschlagen. Dann ist es nicht leicht, sich Woche für Woche zurückzukämpfen“, sagte Titz nach dem 1:0 gegen Freiburg, dem zweiten Heimsieg in Folge.

Doch der HSV hat sich zurückgekämpft. Und das vor allem dank eines Spielers, der sich zurückgekämpft hat: Lewis Holtby. Kaum jemand symbolisiert das ständige Auf und Ab der vergangenen Jahre und die Kehrtwende der vergangenen Wochen besser als der 27-jährige Rheinländer. „Es ist einfach schön zu zeigen, dass man doch ein ganz guter Kicker ist“, sagte Holtby am Sonnabend. Zuvor hatte der Mittelfeldspieler mit seinem Tor des Tages in der 56. Minute den HSV am Leben gehalten. Es war bereits sein dritter Treffer im fünften Spiel unter Trainer Christian Titz, der dem zuvor monatelang nicht berücksichtigten Holtby wieder das Vertrauen geschenkt hat.

„Wenn man mir das Vertrauen gibt, dann zahle ich das mit Leistung zurück“, sagte der Torschütze in einem Gefühl großer Genugtuung. Bereits nach seinem Treffer, bei dem er mit drei schnellen Ballkontakten drei Gegenspieler narrte, feierte Holtby in einer Pose, die ausdrücken sollte: Mich sollte niemand abschreiben.

Und auch den HSV sollte noch niemand abschreiben – trotz eines weitestgehend schwachen Auftritts. „In Wolfsburg werden wir ein besseres Spiel machen müssen“, sagte Vorstandschef Frank Wettstein. Dass die Hamburger vor 54.847 Zuschauern die Freiburger erstmals seit acht Jahren wieder zu Hause besiegen konnten, hatten sie neben Holtby vor allem dem mehrfach stark parierenden Torhüter Julian Pollersbeck zu verdanken (siehe unten).

Der HSV begann sehr nervös und leistete sich im Spielaufbau viele Fehler, die Freiburg nicht für sich nutzen konnte. „Wir sind jetzt in einer Konstellation, in der die Spieler wieder etwas zu verlieren haben“, sagte Titz in seiner Analyse. In der Halbzeit forderte er seine Mannschaft auf, mutiger zu spielen. Eine Ansprache, die wirkte. Der HSV traute sich vermehrt in Eins-gegen-eins-Duelle. So wie Holtby bei seinem Tor. „Gott sei Dank hatte ich noch die Kraft, Slalom zu laufen“, sagte der Schütze.

Erster Holtby-Gratulant war anschließend Aaron Hunt, neben Holtby der laufstärkste HSV-Spieler. „Natürlich freut es uns für Lewis“, sagte Hunt. „Er war zuletzt lange hintendran. Ich weiß, wie das ist.“ Die Geschichte um die Stehaufmännchen des HSV könnte man nicht nur an Holtby, sondern auch an Hunt erzählen. Der 31-Jährige war vor einem Jahr unter Markus Gisdol lange außen vor – ehe er mit vier Treffern in der Rückrunde entscheidend zum Klassenerhalt beitrug.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der HSV auch in dieser Saison noch die Rettung schafft, ist angesichts von immer noch fünf Punkten Rückstand auf Wolfsburg, Mainz und Freiburg allerdings deutlich geringer. Zumindest aber können die Hamburger drei Spiele vor Saisonende mit einem Sieg in Wolfsburg den Abstiegskampf aus eigener Kraft wieder richtig spannend machen. In jedem Fall zeigt der HSV mal wieder, wie schnell es im Fußball gehen kann.

Holtby sieht in der Ausgangslage einen Vorteil für den HSV. „Psychologisch gesehen wäre ich jetzt nicht gerne der Gejagte, sondern lieber der Jäger.“ Holtby eröffnete mit diesen Worten die Jagd auf die Wölfe aus Wolfsburg, die auch unter Bruno Labbadia nicht vom Fleck kommen. Der VfL-Trainer wird wissen, was in der kommenden Woche auf ihn zukommt. Kaum jemand kennt sich mit Hamburger Fußballwundern besser aus als der HSV-Retter von 2015.

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