Wolfsburg

Wolfsburg wie ein Absteiger

Der nächste HSV-Gegner präsentiert sich ohne Form und ohne Einstellung. Trainer Bruno Labbadia ist gefordert

Wolfsburg. Yunus Malli schlenderte gut gelaunt Arm in Arm mit einem langjährigem Bekannten aus gemeinsamen Mönchengladbacher Zeiten durch den Spielertunnel, wo Renato Steffen schon laut lachend mit seinen Schweizer Landsmännern Yann Sommer und Denis Zakaria feixte. Im Bauch des Borussia-Parks war am späten Freitagabend nicht zu erkennen, welche Mannschaft sich gerade mit 0:3 hatte geschlagen geben müssen und sich dabei wie ein Absteiger präsentiert hatte.

Bruno Labbadia und Dieter Hecking standen nach der offiziellen Presse­konferenz am Freitag noch minutenlang zusammen. Zum Abschied klopfte Hecking­ einem seiner Nachfolger auf dem Trainerstuhl des VfL Wolfsburg aufmunternd auf die Schulter. Drei Spieltage vor Schluss droht dem Meister von 2009 erneut der schwere Gang in die nervenaufreibende Relegation. „So funktioniert kein Abstiegskampf. Man muss Einzelne fragen, ob sie alles gegeben haben“, kritisierte Sportdirektor Olaf Rebbe nach dem leidenschafts­losen Auftritt am Niederrhein.

Die Partie war mehr als nur „ein Nackenschlag“, wie Trainer Labbadia sagte. Denn der einzige Mutmacher, an dem sich die Wolfsburger in den vergangenen Wochen hochgezogen hatten, ist verschwunden. Kein einziges Gegentor hatte der VfL in den drei vorangegangenen Partien kassiert. Ein weiteres Zu-Null-Spiel hätte einen neuen Vereins­rekord bedeutet. Stattdessen leistete sich die VfL-Defensive in Mönchengladbach Fehler um Fehler. „Das war nicht zu erwarten. Wir haben die Gegentore viel zu einfach kassiert. In den vergangenen Wochen hatten wir noch unheimlich gut miteinander gearbeitet, und diese Stabilität ist in unserer Situation ein ganz wichtiges Thema“, sagte Labbadia, der seine Enttäuschung nur ganz schwer verbergen konnte. Er war davon ausgegangen, seine Mannschaft zu einem Bollwerk geformt zu haben. Dieses ist am Freitagabend im Borussia-Park allerdings zerbröckelt. Und das zur Unzeit.

Nach der blutleeren Vorstellung suchten Verantwortliche und Spieler nach Erklärungen. „Wir haben keinen Zugriff bekommen, nirgendwo auf dem Platz“, sagte Torhüter Casteels. Er war der einzige Wolfsburger Profi, der seine Normalform erreichte. „Jeder einzelne Spieler ist mit seiner Leistung und der Leistung der Mannschaft nicht zufrieden“, sagte Casteels.

Der Saisonendspurt wird damit zum Nervenspiel. Erst im vergangenen Jahr schafften die Niedersachsen die Rettung über den unangenehmen Umweg Relegation. „Wir sind uns bewusst, dass die Situation sehr gefährlich ist“, sagte Kapitän Paul Verhaegh. Zu sehen war davon nichts. Dies gestand auch Verhaegh ein: „Wir haben jeden wichtigen Zweikampf verloren.“

Am Sonnabend kommt der HSV, der sich mit sieben Punkten aus vier Partien in die Nähe des Relegationsplatzes gearbeitet hat. Gewinnen die Hamburger in Wolfsburg, sind sie bis auf zwei Punkte dran. Die Vorzeichen sind klar: Es wird ein hochemotionales Spiel. Nicht nur für die Vereine und die Fans, sondern eben auch für Labbadia, der solche kritischen Momente ganz besonders gut aus seiner Vergangenheit beim kommenden Gegner kennt. Daher weiß er, worauf es ankommt: „Wir müssen die Nerven behalten. Das ist jetzt ganz, ganz wichtig.“

Aber wie ist es nach dem Tiefschlag in Mönchengladbach ums grün-weiße Nervenkostüm bestellt? Nach dem Augsburger 2:0-Sieg über den FSV Mainz 05 hat sich im Bundesliga-Tableau nicht viel für den VfL verändert. Wegen des besseren Torverhältnisses steht Labbadias Team noch vor Mainz und dem SC Freiburg.

Labbadia muss in dieser wichtigen Woche einen komplizierten Spagat schaffen. Er ist ein „Mental-Trainer“, der seine Mannschaften durch Einstellung und Wille zum Erfolg führt. Er nahm deshalb seine Spieler noch in Schutz. An der Einstellung habe es nicht gelegen: „Wir haben individuelle Fehler gemacht und es nicht geschafft, als Mannschaft konsequent gegen den Ball zu arbeiten.“ Dann sehe auch die Mentalität nicht gut aus, wenn man es zusammen nicht hinbekomme.

Er muss einerseits klar herausarbeiten, warum seine Mannschaft bei der Borussia wie ein Absteiger aufgetreten war, und mögliche Schwachstellen eliminieren. Daher dauerte die Videoanalyse am Sonnabend länger als üblich. Und andererseits, so der Trainer, „müssen wir das 0:3 schnell abhaken und uns auf Hamburg fokussieren“.

Olaf Rebbe beklagte derweil noch ein anderes Störfeuer. Der VfL will Hannovers 48 Jahre alten Sportdirektor Horst Heldt zum Sport-Geschäftsführer machen – am liebsten so schnell wie möglich und am liebsten geräuschlos und ohne Probleme. Fünf Millionen Euro Ablöse ist der VfL dafür bereit zu zahlen. Hannover aber möchte Heldt zum Geschäftsführer befördern. So oder so: In Wolfsburg ist vieles unklar.