Hamburg

Horrorszenario Dritte Liga

Wie sich der FC St. Pauli für einen möglichen Abstieg wappnet und welche Konsequenzen er hätte

Hamburg.  Relegationsplatz 16. Sechs Spiele ohne Sieg. Der schlechteste Angriff der Liga. So lauten die erschreckenden Fakten über den FC St. Pauli vier Spieltage vor Ende der Zweitligasaison. Den Hamburgern bleiben nur noch 360 Minuten Abstiegskampf auf dem Rasen, um das Horrorszenario Dritte Liga zu verhindern.

Immerhin: Die Deutsche Fußball Liga (DFL) teilte am Donnerstag mit, dass keinem der 47 Bewerber die Spielberechtigung für die Erste und Zweite Bundesliga in der kommenden Saison verweigert wurde. Auf Anfrage erklärte auch St. Pauli, die Lizenz ohne Bedingungen und Auflagen erhalten zu haben. Bereits im März hatten die Hamburger für alle drei Profiligen fristgerecht ihre Lizenzanträge eingereicht. Zu diesem Zeitpunkt schielte St. Pauli allerdings noch auf die Aufstiegsränge zur Bundesliga. Einen Monat später steht der Club vor dem Absturz in die Drittklassigkeit.

Zum vorerst letzten Mal war St. Pauli in der Saison 2002/03 in die dritte Spielklasse abgerutscht. Damals handelte es sich noch um die Regionalliga, die Dritte Profiliga wurde erst 2008 eingeführt. St. Pauli stand damals vor einem Scherbenhaufen. Durch eine Liquiditätslücke drohte sogar der Zwangsabstieg in die Oberliga. Vier Jahre dümpelte der Verein in der Regionalliga und kämpfte um seine Existenz.

16 Jahre später droht erneut der Absturz, allerdings mit anderen Voraussetzungen. Die Hamburger tragen ihre Heimspiele am Millerntor nicht mehr in einer Bruchbude, sondern in einem modernen Stadion aus. Zudem trainiert die Mannschaft an der Kollaustraße in einem Trainingszentrum auf Bundesliganiveau. St. Pauli ist finanziell so gut aufgestellt wie noch nie in der 108-jährigen Clubgeschichte.

Dennoch ist klar: Ein Abstieg in die Dritte Liga würde den Verein in seiner Entwicklung massiv zurückwerfen. Um die Katastrophe abzuwenden, überlässt St. Pauli nichts dem Zufall. Natürlich beobachtet der Club schon seit einiger Zeit die möglichen Gegner Wehen Wiesbaden (derzeit Tabellendritter) und Karlsruher SC (Vierter). Einer der beiden Ex-Zweitligisten würde in der Relegation warten.

„Es ist unsere Aufgabe, für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein. Und das sind wir auch“, sagt Sportchef Uwe Stöver. „Wir haben nur eine begrenzte Anzahl an Mitarbeitern in der Scoutingabteilung sowie bei der Spiel- und Gegneranalyse. Der Fokus ist verlagert und der Situation angepasst, damit wir gewissenhaft an die Sache rangehen können.“

Mehr als zehn Millionen Euro TV-Gelder würden fehlen

Auch Stöver weiß, dass die Dritte Liga Probleme bedeutet. Während der Sturz von der Bundesliga in die Zweite Liga bereits erhebliche Einnahmeverluste bedeutet, zieht der Abstieg in Liga drei Folgen von größerem Ausmaß nach sich. Allein bei der Fernsehgeldvergabe drohen mehr als zehn Millionen Euro Einbußen. Aktuell kassiert der Club 11,275 Millionen. Bei einem Abstieg würde die Summe auf rund 800.000 Euro pro Saison schrumpfen. Fest steht: Die großen Einnahmeverluste würden sich in anderen Bereichen fortsetzen.

Wenn die Gegner nicht mehr Düsseldorf, Nürnberg, Dresden oder sogar HSV heißen, sondern Großaspach, Lotte und Aalen, reduzieren sich die Ticketerlöse automatisch. Die derzeit rund 6,5 Millionen Euro aus dem Kartenverkauf wären ebenso wenig zu erzielen wie die rund 3,5 Millionen Euro aus der Vermietung von 39 Logen und Businessplätzen. Ihre Preise müssten genauso angepasst werden wie die der normalen Zuschauertickets.

Planungssicherheit haben die Verantwortlichen hingegen im Sponsoring. Der Vertrag mit Trikotpartner Congstar läuft noch bis zum 30. Juni 2019, auch Ausrüster Under Armour ist langfristig an den Club gebunden. Derzeit unterstützen 52 Partner und Sponsoren den FC St. Pauli. Ein nicht unerheblicher Teil würde beim „Betriebsunfall Dritte Liga“ treu bleiben. Das wäre auch nötig, schließlich muss der Verein in den kommenden Jahren die hohen Kredite für das Stadion und das Trainingsgelände bedienen. Zudem wird am 1. Juli dieses Jahres die Rückzahlung der 2011 aufgelegten und mit sechs Prozent jährlich verzinsten Fananleihe von acht Millionen Euro fällig.

Geschäftsführer Andreas Rettig wollte sich auf Abendblatt-Anfrage nicht zu den Konsequenzen eines möglichen Abstiegs äußern. Er ließ über den Verein ausrichten, dass er erst die Lizenzbescheide der DFL und des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), des Dachverbands der Dritten Liga, abwarten wolle. Erst jetzt, nach Erhalt der Lizenz, wird er sich in den kommenden Tagen dezidiert zu dem Thema äußern.

Ein Abstieg würde nicht nur die Zukunft der Mannschaft beeinflussen. Rund 250 Festangestellte und gut 200 Teilzeitkräfte und Freiberufler werden von St. Pauli beschäftigt. Zwar hätten existierende Arbeitsverträge weiterhin Bestand, allerdings würde ein Abstieg umfangreiche Gehaltskürzungen nach sich ziehen. Da der sofortige Wiederaufstieg St. Paulis Ziel wäre, müssten auch strukturelle Großprojekte wie die Eigenvermarktung von 2019 an oder die angestrebte Rasenheizung auf dem Trainingsgelände vermutlich verschoben werden, zumal sie mit zusätzlichen Investitionen verbunden wären.

Auch im sportlichen Bereich würden große Veränderungen auf den Verein zukommen. Derzeit haben nur 14 Profis und zwei Talente einen für die Dritte Liga gültigen Vertrag. Außerdem beraten sich die Verantwortlichen, wie mit der geplanten PR-Reise in die USA (15. bis 24. Mai) umgegangen werden soll. Im Falle einer Relegation (18. und 22. Mai) würde der von der DFL unterstützte Trip aus Termingründen ausfallen. Bei einem direkten Abstieg tendiert St. Pauli ebenfalls zur Absage. Denn: Die Drittligasaison würde bereits am 27. Juli starten – eine Woche früher als die Zweite Liga.