Berlin

„Spieler sind keine Opfer“

| Lesedauer: 8 Minuten
Jörn Meyn und Daniel Berg

Nationalelf-Psychologe Hans-Dieter Hermann über die von Per Mertesacker in Gang gebrachte Debatte über psychischen Stress im Profifußball

Berlin. Als Hans-Dieter Hermann vom Leiden des Per Mertesacker las, meldete er sich sofort beim Weltmeister. Hermann ist seit 2004 Teampsychologe der deutschen Nationalmannschaft. Er hat Mertesacker lange begleitet. Dessen Äußerungen, er habe seine Karriere unter Druck gelitten und sei an Spieltagen von Brechreiz und Durchfall geplagt, haben eine Debatte über Stress im Profifußball ausgelöst. Im Interview erzählt Hermann, warum Spieler heute unter höherem Druck stehen.

Herr Hermann, haben Sie die Äußerungen von Per Mertes­acker überrascht?

Hans-Dieter Hermann: Es hat mich nicht gewundert. Wenn man vom Fach ist, dann sieht man natürlich, ob jemand mehr oder weniger unter Anspannung leidet. In dem Moment, in dem ein Spieler aber signalisiert, dass das allein seine Sache ist, respektiere ich das. Es hat mich jedoch überrascht, dass Per dieses Thema in dieser Klarheit und Detailliertheit noch vor dem Ende seiner Karriere zum Ausdruck bringen möchte.

Wie wichtig ist dieser Beitrag?

Ich finde es sehr gut, was Per gesagt hat. Er stößt eine wichtige Debatte an. Allerdings liegt darin eine Schwierigkeit. Spieler sind keine Opfer. Den Eindruck wollte Per auch nicht erwecken. Er und seine Kollegen sind dankbar für das Leben, das sie führen dürfen. Doch nur, weil jemand viel Geld verdient, ist er kein Übermensch. Profi-Fußballer stehen unter einem enormen Stress.

Das stehen normale Angestellte oft auch…

Das stimmt. Aber es gibt dennoch einen Unterschied. An den Stress, öffentlich zu leisten und von sogenannten Experten, von Medien oder Zuschauern sofort öffentlich bewertet und im negativen Fall bloßgestellt oder komplett infrage gestellt zu werden, gewöhnt sich kein Mensch. Das schafft Druck. Öffentliches Leisten ist viel schwieriger als privates.

Rekordnationalspieler Lothar Matthäus hat Mertesacker für seine Aussagen wiederholt kritisiert. Was löst das in Ihnen aus?

Eigentlich nichts. Weil ich glaube, dass dies seine Überzeugung ist. Er ist ein öffentlicher Mensch, er wird bezahlt für seine Meinung. Er darf das sagen. Dass er die Authentizität von Per in Zweifel zieht und der Eindruck der Banalisierung erweckt wird, ist mehr als bedauerlich. Dieses bisschen Verständnis und etwas Empathie, dass Menschen anders ticken als man selbst und trotzdem erfolgreich sein können, sollte man doch von jemandem erwarten können, der Spiele kommentiert, der Erfahrung hat und der vor allem schon selbst als Trainer Menschen geführt hat.

Ab wann sind Stressreaktionen wie Brechreiz besorgniserregend?

Diese und andere schnell vorübergehende psychosomatische Reaktionen sind zunächst einmal nicht besorgniserregend, sie sind für die Betroffenen nur extrem lästig. Ich kenne Sänger, die sich häufiger vor Auftritten übergeben, obwohl sie fast immer die gleichen Lieder singen, und ich kenne Führungskräfte, denen vor jeder Rede heiß und kalt wird, übel ist. Es ist also keine Seltenheit, was Per beschreibt. Aus einer anderen Perspektive betrachtet: Moderater Stress ermöglicht Menschen auch eine hohe Leistungsfähigkeit, wenn sie sich danach erholen können. Er ist nicht per se schlecht, erst wenn Stress die Vorbereitung eines Sportlers bestimmt. Per beschreibt das ja, dass er sich überlegte, wie er es schafft, dass ihm niemand etwas anmerkt. Wenn Sie das den ganzen Tag umtreibt, wenn Sie beherrscht werden von dem Zustand und von den Ängsten entdeckt zu werden, ist fach­liche Unterstützung geboten.

Was hätten Sie Mertesacker geraten, wenn er sich Ihnen anvertraut hätte?

Wir Psychologen haben eine ganze Menge leicht erlernbarer, einfacher Strategien, die die Anspannung senken können: mit der Atmung bewusst umzugehen, oder Ablenkung zu suchen, gedanklich aus der Situation rauszugehen, damit die Gedanken nicht nur um diesen Zustand kreisen. Sonst kann die Vorstartphase lang, kräftezehrend sein.

Haben Sie Mertesackers Worte berührt in dem Sinne, dass sie sich gefragt haben, warum er sich Ihnen nicht anvertraut hat?

Nein. Als Sportpsychologe wollte und will ich niemanden drängen. Per und ich haben ein gutes Verhältnis. Selbst wenn ich das definitiv gewusst hätte, Per aber gesagt hätte, dass er damit in Ruhe gelassen werden möchte, hätte ich ihm zwar Unterstützung angeboten, aber seine Entscheidung respektiert.

Ist die psychologische Arbeit im Profifußball heute wichtiger als vor 20 Jahren?

Besonders wichtig ist sie heute, weil sich die Rahmenbedingungen verändert haben. Spieler können in der Öffentlichkeit richtig untergehen, denken Sie an Shitstorms. Jeder Satz, den ein Spieler scheinbar falsch formuliert, kann eine unglaubliche Dynamik entwickeln, die man ihn nicht mehr einfangen kann. Das kann einem so vor die Füße fallen, dass man selbst und die Familie kaum noch zum Bäcker gehen mag, weil man schief angeschaut wird. Allerdings ist es heute für mich als Teampsychologen auch einfacher geworden. Weil es eine andere Generation ist. Die Spieler wissen, dass ich sie nicht therapieren will, sondern dass ich ihnen helfen möchte, ihre psychische Gesundheit zu unterstützen und noch bessere Leistungen zu bringen. Wenn jemand ein subjektiv empfundenes Defizit hat, weil er mit dem Stress nicht klarkommt, kann er sich Optimierung holen. Vertraulich.

Welche Maßnahmen müssten ergriffen werden, um Spieler besser zu schützen?

Eine ganze Menge kann getan werden. Ein Kernpunkt ist zum Beispiel das Vorhandensein einer zweiten Identität. Wenn man nur die öffentliche Person ist, dann ist man in Drucksituationen und nach negativen Ergebnissen sozusagen existenziell bedroht. Es braucht eine zweite Identität: die Rolle als Familienvater oder guter Freund. Per Mertesacker trifft sich gern mit seinen Schulfreunden, mit Leuten, mit denen sich das Zusammensein nicht verändert hat. Das sind Rückzugsräume, die sich die Spieler schaffen sollten. Zu Matthäus’ Zeiten konnten sich Spieler immer zurückziehen, heute gibt es kaum noch Orte des Rückzugs. Das macht den Stress aus und in Verbindung mit der hohen körperlichen Beanspruchung ist das auf Dauer nur schwer zu packen. Da müssen Sie wahnsinnig stabil sein.

Der Fußball kommt uns rastlos vor…

Die Schwierigkeit besteht in der gesamten Leistungsgesellschaft darin, dass messbarer Erfolg meist nur stattfinden kann, wenn Vorleistungen übertroffen werden. Gleichbleibende Leistung bedeutet im Verdrängungswettbewerb immer zurückzufallen, da sich andere weiterentwickeln. Diese Prämisse des immer mehr und immer besser gibt es ja auch in vielen Bereichen des Wirtschaftslebens, manchmal sogar unter schlechter werdenden Bedingungen, weil Leute entlassen und Stellen abgebaut werden. Das ist wirklich heftig.

Deutschland ist Weltmeister. Wie schafft man es, den Antrieb hoch genug zu halten?

Wenn Sie echte Freude an dem haben, was Sie tun und gleichzeitig ambitionierte Ziele haben, ist immer genügend Antrieb da. Und bei der Nationalmannschaft haben wir zusätzlich auch noch das Glück, ein großes Reservoir an motivierten Spitzenleistern zu haben. Aber jeder weiß, dass sein Status nicht in Stein gemeißelt ist. Das bedeutet, dass sich das System selbst pusht. Jeder weiß bei uns, dass er dranbleiben muss, obwohl man ihm vielleicht aus psychologischer Sicht manchmal etwas mehr Pausen wünschen würde. Aber das sieht das System des Leistungssports nicht vor. Das ist ein Widerspruch, dem ich mich als Psychologe immer stellen muss.

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