Hamburg

Wo Blinde und Sehende in einem Boot sitzen

Der Alster-Ruderverein Hanseat hat fast eine Million Euro investiert, um behinderte Menschen besser integrieren zu können

Hamburg.  Wenn es stimmt, dass Selbsterkenntnis der erste Schritt zur Besserung ist, dann ist der Alster-Ruderverein (ARV) Hanseat auf einem guten Weg. „Ordnung halten ist das größte Handicap der Sehenden“, sagt Christiane Havermann, als sie im Bootshaus am Kaemmererufer in Winterhude Werkzeuge herumliegen sieht. „Die dürften hier nicht liegen, sie sind eine Gefahr für unsere sehbehinderten Mitglieder. In solchen Momenten merke ich, dass wir noch immer einiges optimieren können“, sagt die Abteilungsleiterin des 320 Mitglieder starken Traditionsvereins.

Dass der ARV Hanseat im April 2015 begann, Sehbehinderte und Blinde in seine Trainingsgruppen einzubinden, macht ihn zu einem Vorreiter. Havermann hatte beim „Dialog im Dunkeln“, einer Ausstellung in Hamburg, in der Besucher von Blinden durch eine Erlebniswelt ohne Licht geführt werden, einen der Guides kennengelernt, der sich sehnlichst wünschte, trotz seiner Sehbehinderung mit Normalsehenden Sport treiben zu können. „Versuch es doch mal mit Rudern“, sagte sie. Daraus entstand die Idee der inklusiven Kurse.

Seitdem haben rund 20 Sehbehinderte die Anfängerkurse absolviert. Sie sitzen gemeinsam mit Sehenden in einem Boot und werden von diesen auf der Anlage begleitet, solange es nötig ist. Einige stellten anschließend fest, dass Rudern nicht ihr Sport ist, andere rudern mittlerweile in anderen Städten. Sechs von ihnen sind als aktive Mitglieder an den Skulls geblieben.

Sich darauf auszuruhen, das wäre Christiane Havermann (40), ihrer Mitstreiterin Birgit Au (48) und dem Zweiten Vorsitzenden Jan Riepenhusen (37), die das Projekt vor drei Jahren ins Leben gerufen hatten, allerdings zu wenig gewesen. Deshalb hatte sich das Trio im Frühjahr 2016 zum Ziel gesetzt, das Vereinsgelände so barrierefrei und sehbehindertengerecht wie möglich umzugestalten. „Wir wollten erreichen, dass sich die sehbehinderten Mitglieder gefahrlos eigenständig bewegen können“, sagt Riepenhusen. Der Maschinenbauingenieur leidet selbst an einer fortschreitenden Augenerkrankung, hat ein auf zehn Prozent eingeschränktes Gesichtsfeld und nur 60 Prozent Sehkraft – und konnte deshalb seine eigenen Erfahrungen in die Planungen einfließen lassen. Auch die anderen sehbehinderten Mitglieder und Experten des Blinden- und Sehbehindertenverbands Hamburg wurden eingebunden.

Herausgekommen ist ein Club- und Ruderhaus, das technisch und stilistisch modernsten Ansprüchen gerecht wird und dennoch höchst funktional gestaltet wurde. Nachdem der Gesellschafts- und Verwaltungstrakt ebenso wie die neuen Kraft- und Umkleideräume vor einem Jahr bezogen wurden, stehen die Arbeiten im Ruderhaus in diesen Wochen vor dem Abschluss, wenn dort die aus speziellem Kunststoff gefertigten Leitlinien ausgelegt werden. „Zum Anrudern am 15. April sollten wir auf unser komplett fertiges neues Zuhause anstoßen können“, hofft Riepenhusen.

Wer als Sehender durch das zweigeschossige, insgesamt 365 Quadratmeter große Clubhaus schlendert, nimmt zunächst nur wenige Veränderungen wahr. Sehbehinderte jedoch wissen die Neuerungen sofort zu schätzen. So wurde zum Beispiel darauf geachtet, dass die Beleuchtungsquellen allesamt indirekt sind. „Die blenden nicht und leuchten die Räume deutlich besser aus“, erklärt Riepenhusen. Ganz wichtig sind auch die farblichen Kon­traste in der Innenausstattung: Glastüren sind mit milchiger Folie beklebt, um sie von Fenstern zu unterscheiden. Bei dunklem Boden sind die Möbel hell gehalten, bei dunkel gestrichenen Wänden sind die Türrahmen hell (oder andersherum), Treppenstufen sind ebenso farblich abgesetzt wie die Stegkante beim Einstieg am Alsterkanal. „Kontraste sind für Sehbehinderte oft die einzige Möglichkeit, um sich zurechtzufinden“, sagt Jan Riepenhusen.

Das wichtigste Element im inklusiven Zusammenleben Sehender und Sehbehinderter ist die eingangs beschriebene Ordnung. Wer nicht sehen kann, muss sich darauf verlassen können, dass das, was er sucht, immer am selben Ort zu finden ist. Deshalb gibt es auf den Toiletten nur fest installierte Seifen- und Handtuchspender. Deshalb darf im 70 Quadratmeter großen Kraftraum keine Hantel auf dem Fußboden herumliegen oder in der 380 Quadratmeter großen Bootshalle irgendwelches Werkzeug. „Stolperfallen bergen große Verletzungsgefahr“, sagt Christiane Havermann, und das sieht auch jeder Sehende ein.

Genau deshalb haben sie das Bootshaus, das den bis zu 90 ARV-Booten Platz bietet, im Zuge der Umgestaltung deutlich sicherer gemacht. Die drei Gänge zwischen den Bootslagern wurden verbreitert. Das farblich abgehobene Leitliniensystem soll nicht nur den Sehbehinderten den Weg weisen, sondern auch den Sehenden klarmachen, dass diese Flächen immer freizuhalten sind. Besonders wichtig war zudem, der Werkstatt, die bislang ins Bootshaus integriert war, auf 70 Quadratmetern einen abgeschlossenen Bereich zuzuweisen, in dem der Bootswart Werkzeug herumliegen lassen darf. „Dadurch konnten wir Gefahren minimieren“, sagt Riepenhusen.

940.000 Euro hat der Verein in den Umbau investiert. Eine enorme Summe, die immerhin zu gut einem Fünftel aus Spenden und Eigenmitteln aufgebracht wurde. 240.000 Euro kamen aus Krediten, 210.000 aus Zuschüssen des Hamburger Sportbundes (HSB) und der Investitions- und Förderbank (IFB), 280.000 Euro steuerten Bezirk und Stadt bei. „Wir hatten das Glück, während der Hamburger Bewerbung um die Olympischen Spiele 2024 nach Fördermitteln zu fragen, außerdem konnten wir die Stadt damit überzeugen, dass wir unsere eigene Geschichte erzählen“, sagt Havermann.

Meldefrist für die Kurse im Mai läuft Ende März ab

Diese Geschichte soll auch 2018 weitergeschrieben werden. Ende Mai beginnen die neuen Anfänger- und Wiedereinsteigerkurse, die Meldefrist für Sehbehinderte läuft am 28. März ab. „Wir haben noch Platz und hoffen auf neue Interessenten“, sagt Birgit Au. Diese können sich im Internet (arv-hanseat. de) oder per Mail an ruderkurse@arv-hanseat.de anmelden. Und natürlich hat sich das ambitionierte Trio auch im Bereich der Mitgliedergewinnung ein neues Ziel gesetzt. „Wir wünschen uns den ersten jugendlichen Sehbehinderten“, sagen sie. Immerhin ist ihr Verein im Jugendbereich einer der leistungsstärksten Hamburger Clubs, hat Talente wie Alexander Vollmer, Friedrich Dunkel oder Paul Gralla hervorgebracht. „Das würden wir gern nutzen, um Nachwuchs auch im Sehbehindertenbereich zu fördern“, sagt Christiane Havermann. Geht der Wunsch in Erfüllung, wäre das der nächste, wichtige Schritt auf dem eingeschlagenen Weg zur Optimierung.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.