Hamburg

Stillstand bei den Crocodiles

Dem Hamburger Eishockey-Oberligaclub fehlen ein Macher und eine schlüssige Vision, um die ambitionierten Zukunftspläne umzusetzen

Hamburg.  Der Sommer beginnt für die Oberliga-Eishockeymänner der Crocodiles Hamburg am Sonntag. Zwei Tage nach dem letzten Spiel der Play-off-Qualifikationsrunde, zu dem an diesem Freitag (20 Uhr, Eisland Farmsen) die Black Dragons Erfurt anreisen, feiern Mannschaft und Trainerteam in der Karl-Schneider-Halle in Farmsen mit ihren Fans Saisonabschluss. In der Einladung dazu ist auch ein Ausblick auf die kommende Spielzeit angekündigt. Das Problem: Bis auf die Namen einiger Spieler, die Hamburgs höchstklassigen Eishockeyclub verlassen, gibt es nichts zu verkünden. Denn bei den Crocodiles herrscht Stillstand.

Schon vor Wochen hatten Cheftrainer Herbert Hohenberger (49) und Kapitän Christoph Schubert (36) angemahnt, die drängendsten Personalfragen zu klären, um die Planungen für den Umbruch im Kader vorantreiben zu können. Dieser ist nach einer enttäuschenden Saison, in der das Verpassen der Play-offs bereits weit vor Ende der Hauptrunde feststand, alternativlos. Und da die zahlungskräftigeren Topteams der dritten deutschen Spielklasse bereits im Februar ihre Transfergeschäfte auf den Weg bringen, wäre Eile geboten gewesen, um Verstärkungen, die die Mannschaft vor allem im Defensivbereich dringend benötigt, von einem Wechsel zu überzeugen.

Doch bis heute ist weder klar, ob Hohenberger Cheftrainer bleibt, noch ob Sven Gösch sich weiter als Sportdirektor betätigen darf. Ergo: Kein einziger Neuzugang steht fest, ebenso wenig eine Strategie dafür, wie die neue Mannschaft aufgebaut werden soll. Geschäftsführer Christian Schuldt räumt immerhin ein, „dass wir sicherlich zu spät dran sind“. Das Budget stünde fest und bleibe stabil. Mit Gösch habe man Einigung über eine Fortsetzung der Zusammenarbeit erzielt. Hohenberger solle ebenfalls bleiben, müsse sich aber zunächst die Zustimmung der in Österreich lebenden Familie holen, zudem seien noch finanzielle Fragen zu klären. Der Coach bestätigte diese Version.

Warum allerdings die Klärung dieser Personalien so lange dauert, darauf kann Schuldt keine schlüssige Antwort geben. Der Mann, der es könnte, und ohne den bei den Crocodiles gar nichts läuft, will sie nicht geben. Klaus-Peter Jebens ist seit vielen Jahren als Gönner im Hintergrund engagiert, er sorgte unter anderem dafür, dass Schubert nach dem Aus der Freezers im Sommer 2016 als Gesicht der Crocodiles finanziert werden konnte. Der Kaufmann aus Ahrensburg, der fast jedes Heimspiel besucht, ist mit dem Glinder Notar Alexander Bowien Gesellschafter bei der 1. Hamburger Eissport GmbH, in die der Spielbetrieb der bis dato im Farmsener TV beheimateten Crocodiles im September 2017 ausgegliedert worden war. Nur: Öffentlich sprechen möchte der 62-Jährige nicht. Und so fehlt den Crocodiles das, was erfolgreiche Vereine in Hamburg – als Beispiel sei Martin Schwalb bei den HSV-Handballern genannt – auszeichnet: ein Macher, der die Linie vorgibt und sie auch vertritt, so wie es bei den Freezers Michael Pfad oder Uwe Frommhold taten.

Und der sich starke Mitarbeiter an die Seite holt, die das Projekt in Gänze vorantreiben. So wäre ein hauptamtlicher Sportchef – Namen wie der des langjährigen Hannover-Scorpions-Machers Marco Stichnoth wurden schon gehandelt – eine wichtige Weiterentwicklung. Gösch ist zwar nett, fleißig und in der Oberliga gut vernetzt, leitet aber im Hauptberuf ein Café in Lübeck und will diesen Job auch nicht aufgeben.

Für den Schritt in die DEL 2, den die Crocodiles im Sommer 2016 als Abschluss eines Fünfjahresplans propagiert hatten, bräuchte es folglich eine Neubesetzung. Dafür jedoch, sagt Schuldt, sei kein Geld da. „Für die Summe holen wir lieber zwei neue Spieler“, sagt er. Man kann diese Denkweise durchaus als kurzsichtig empfinden. Manche, die den Verein gut kennen, glauben dagegen eher, dass eine starke Persönlichkeit nicht gewollt sei, weil Jebens seine Macht nicht einbüßen wolle.

Fraglich ist, welche Rolle Schubert künftig spielen soll

Schuldt, heißt es, arbeite zwar fleißig, sei aber als Persönlichkeit zu blass, um die Außendarstellung des Vereins zu prägen, und außerdem mit seinen zusätzlichen Aufgaben im Marketing- und Sponsoringbereich überfordert. „Wir brauchen in diesem Bereich dringend Unterstützung“, sagt er. Einer, der helfen sollte, ist Schubert, der bei seinem Wechsel als Praktikant der Geschäftsführung vorgestellt worden war und an den Posten des Sportchefs herangeführt werden sollte.

Nun jedoch heißt es, der Abwehrspieler solle sich vorrangig auf seine sportlichen Aufgaben konzentrieren. Intern wird dem ehemaligen NHL-Profi vorgehalten, körperlich nicht fit genug zu sein und sich zu wenig in seine geschäftlichen Aufgaben eingearbeitet zu haben. Schubert wollte sich auf Abendblatt-Anfrage nicht zu diesem Thema äußern. Kein Geheimnis ist, dass das Verhältnis auch aufgrund der unterschiedlichen sportlichen Ausrichtungen deutlich abgekühlt ist. Mittlerweile erscheint mehr als fraglich, inwiefern die Verantwortlichen den Sprung in die Zweite Liga noch forcieren wollen. Jebens’ Vision für die kommenden drei Jahre ist es, stabiles Oberligaeishockey anzubieten mit der Chance, den Aufstieg zu schaffen. Dass dafür eine neue Halle unabdingbar wäre, weiß jeder. Neubaupläne, die in der Hamburger Sportszene seit Monaten die Runde machen, weist er vehement zurück. Stattdessen soll der Kader, dem mit Schubert, Norman Martens, Kai Kristian – der mit sofortiger Wirkung bis zum Saisonende an den Zweitligaclub Heilbronner Falken ausgeliehen wird – Brad McGowan, Josh Mitchell und Tobias Bruns immerhin einige Stützen erhalten bleiben, vorrangig mit Nachwuchsspielern verstärkt werden, die in Leistungszentren eine solide Ausbildung erhalten haben. „Wir wollen einen stabilen Unterbau aus Jugendlichen schaffen“, sagt Schuldt.

Zweifel daran, mit so einer Mannschaft gehobenen Ansprüchen gerecht werden zu können, sind angebracht. Zumal das im vergangenen Sommer begonnene Wettrüsten der Ligakonkurrenten weitgergehen wird. Und viele Spielzeiten wie die abgelaufene dürfen sich die Crocodiles nicht erlauben, wenn sie die Gunst des anspruchsvollen Hamburger Publikums nicht verlieren wollen. Der Zuschauerschwund war im Vergleich zur sportlich herausragenden Saison 2016/17 (Platz vier nach der Hauptrunde) moderat. Auch die Geldgeber, allen voran Haupt- und Trikotsponsor Hapag-Lloyd, haben bekundet, am Puck bleiben zu wollen. Aber die Tür in Richtung der nächsten Ebene ist nur noch wenige Jahre geöffnet. Bis zur Saisoneröffnungsparty, so viel ist klar, sollten die Crocodiles nicht warten, um Neuigkeiten zu verkünden.