Pyeongchang/Essen

Dümmer als das IOC erlaubt

Der mögliche Dopingfall des Curlers Alexander Kruschelnizki bringt nicht nur Russland in Bedrängnis

Pyeongchang/Essen. Der Russe Alexander Kruschelnizki ist in Schwierigkeiten. Und mit ihm seine Nation und das Internationale Olympische Komitee (IOC). Der Curler soll das Herzmedikament Meldonium genommen haben, das seit dem 1. Januar 2016 auf der Verbotsliste der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) steht. Mehrere russische Medien berichteten, dass seine A-Probe positiv war – abgegeben nach dem Gewinn der Bronzemedaille mit Ehefrau Anastassija Brysgalowa (25) im neuen Mixed-Wettbewerb. Am Montag gab der Internationale Sportgerichtshof Cas bekannt, ein Verfahren gegen ihn einzuleiten. Die Anhörung ist für diesen Dienstag geplant, wenn das Ergebnis der B-Probe vorliegt.

Ein positiver Befund würde nicht nur Russland zusätzlich in ein schlechtes Licht rücken, dessen Sportler nach dem Staatsdopingskandal von Sotschi 2014 in Pyeongchang nur unter neutraler Flagge und als Olympische Athleten aus Russland (OAR) antreten dürfen. Er würde auch das IOC unter Druck setzen, das wegen der Einladung von 168 russischen Athleten und einer möglichen Rehabilitierung zur Schlussfeier am Sonntag in der Kritik steht. Kommenden Sonnabend will die IOC-
Exekutive um Präsident Thomas Bach darüber entscheiden. Voraussetzung für ein „Ja“ ist, dass sich die russischen Athleten an den Verhaltenskodex halten. Sollten die Vorgaben nicht erfüllt werden, „wird es Konsequenzen geben“, sagte IOC-Sprecher Mark Adams. „Es wäre sehr enttäuschend, wenn der Fall bewiesen wird.“

Das Angebot des IOC stieß schon vorher auf viel Unverständnis. Das sei „ein grober Fehler“ sagte Wada-Gründungspräsident Richard Pound. „Die Russen haben nichts eingeräumt, nichts anerkannt.“ Auch für die deutsche Athletensprecherin Silke Kassner käme eine Begnadigung des gesperrten Nationalen Olympischen Komitees zu früh, „völlig unabhängig vom Fall des Curlers“, sagte sie. „Es muss zuerst ein System- und Kulturwandel stattfinden.“ Der ist mit dem neuen Dopingverdacht erst recht nicht zu erkennen.

Noch liegt das Ergebnis der B-Probe nicht vor

Der vermeintliche Dopingsünder „weiß von nichts“, wie Kruschelnizki der russischen Zeitung „Sport-Express“ sagte. Sein Trainer Sergej Belanow schützt den 25-Jährigen: „Es wäre dumm, das gleiche Mittel zu nehmen, das für so viel Wirbel gesorgt hat. Alexander ist nicht dumm.“ Nach Angaben eines russischen Offiziellen hat Kruschelnizki das olympische Dorf bereits verlassen und seine Akkreditierung abgegeben. Er soll sich in Seoul aufhalten.

Vor Kruschelnizki wurde schon der japanische Shorttracker Kei Saito auf die maskierende Substanz Acetazolamid positiv getestet. Meldonium, das ist der Stoff, auf den die russische Tennisspielerin Maria Sharapowa bei den Australian Open 2016 positiv getestet – und anschließend gesperrt wurde. Das Mittel soll die Durchblutung fördern und somit bei Herzerkrankungen geeignet sein. Nach Angaben der Deutschen Sporthochschule Köln wird das Medikament in baltischen Staaten und Russland vertrieben. In Deutschland ist Meldonium nicht zugelassen. Athleten versprechen sich davon eine verbesserte Sauerstoffverwertung. „Grundsätzlich kann man für keine Sportart annehmen, dass Doping undenkbar ist“, sagt der Kölner Doping-Experte Mario Thevis dem Abendblatt. „Zahlreiche physiologische Aspekte können pharmakologisch beeinflusst werden, und dies trifft daher auch auf Disziplinen wie Curling zu.“ Bis vor wenigen Tagen arbeitete der Professor der Sporthochschule Köln im Dopinglabor in Seoul. Alle Urinproben jeder Sportart würden auf Meldonium getestet. Der Nachweis erfolge im Standardverfahren, erklärt Thevis. „Das Auffinden des Wirkstoffs in Dopingkontrollproben ist ein Routineprozess und nicht komplex.“ Auch daher überrascht der Fall Alexander Kruschelnizki. Es gibt Gerüchte über eine zweite positive Probe, die vor den Olympischen Spielen genommen wurde.

Im kleinen Curlingfinale unterlag Kristin Skaslien mit Lebenspartner Magnus Nedregotten den Russen. Sie sei „völlig perplex“, sagte die Norwegerin der Zeitung „Aften­posten“. Vermutlich werden sie nun doch Bronze gewinnen. Aber das, sagt Skaslien, sei „überhaupt nicht dasselbe, die Medaille ein halbes Jahr später per Post zu bekommen“.