Jeongseon/Yongpyong

Knapp an den Medaillen vorbei

Viktoria Rebensburg wird Vierte im Riesenslalom, Thomas Dreßen Fünfter der Abfahrt – er bleibt gelassen

Jeongseon/Yongpyong. Als Ak­sel Lund Svindal Olympiasieger geworden war und angekündigt hatte, dass die Spiele von Pyeongchang unwiderruflich seine letzten sein würden, denn „ich bin alt, das ist der Anfang vom Ende“ – da hätte dem 35-Jährigen der Rest der Welt egal sein können. Erster norwegischer Goldmedaillengewinner in der Abfahrt, der Königsdisziplin Olympias. Wunderbar. Noch dazu ältester Sieger überhaupt in einem alpinen Wettbewerb. Das schafft nicht jeder. Auf dem Podium neben ihm Landsmann Kjetil Jansrud, der Zweiter geworden war vor dem Schweizer Beat Feuz. Ein Doppelsieg, wie fein. Doch eine Sache störte ihn. „Das ist etwas seltsam, um ehrlich zu sein“, sagte der wohl beste Abfahrer der Welt.

Die Strecke, einzig für vier olympische Rennen in den Berg Gariwangsan hineingefräst, war’s nicht. Und auch der Wind nicht, der schon für so viele Verzögerung gesorgt hat bei den Skifahrern. Was Aksel Lund so sauer aufstieß, bekam er erst zu Gesicht, als er nach 1:40,25 Minuten ins Ziel gerast kam und die nach ihm folgenden 49 Fahrer sich an dieser Zeit die Zähne ausbeißen sollten. Der Blick richtete sich zur vorübergehend errichteten Haupttribüne des Skistadions. 3500 Menschen hätten darauf Platz nehmen können, trotz Sonnenschein und leichter Plusgrade war aber nur rund die Hälfte der Plätze besetzt. „Es ist seltsam und traurig. Wenn wir dieses Rennen in Österreich, Norwegen oder Schweden gehabt hätten, wären 50.000 Leute gekommen.“

Aber natürlich überwog letztlich die Freude über den Triumph am Ende der Karriere. Für einen Moment wirkte es aber so, als habe ein alpenländischer Journalist noch einmal die große Lust aufs Skifahren im Norweger geweckt. Ob er nun mit Abfahrts-Gold und nach fünf WM-Titeln alles erreicht habe, wurde Svindal gefragt. Dieser richtete sich auf dem Podium der Pressekonferenz auf, warf die Stirn in Falten und sagte: „Sie sind aus Österreich, oder?“ Die Frage wurde bejaht. „Ich habe nie die Abfahrt in Kitzbühel gewonnen“, sagte Svindal. „Deshalb ist meine Karriere nicht komplett.“

Ein Sieg auf der Streif – mit seinen gerade mal 24 Jahren, für Abfahrer somit eigentlich noch etwas wie das Vorschulalter, hat Thomas Dreßen dem großen Svindal dessen letztes fehlendes Erlebnis sogar schon voraus. Der Triumph Mitte Januar hatte auch den deutschen Senkrechtstarter der Saison zu einem Mitfavoriten gemacht. Am Ende wurde Dreßen, mit der Nummer eins gestartet, guter Fünfter mit 0,78 Sekunden Rückstand. Für keinen der vor ihm liegenden Konkurrenten, Vierter wurde der Südtiroler Dominik Paris, musste er sich schämen – „und wen ich noch hinter mir gelassen habe“, sagte er zufrieden. Dass Dreßen auch aus diesem Rennen, in dem Andreas Sander als zweitbester Deutscher Zehnter wurde, einen Lerneffekt zog, zeigt die sportliche Reife: „Wahrscheinlich bin ich die eine oder andere Passage zu sauber gefahren, aber mei. Ich habe gezeigt, dass ich mich jetzt in der Weltspitze etabliert habe“, sagte er. Und versprach: „Ich werde alles daran setzen, dass ich da bleibe.“

Vor einem Jahr verpasste Rebensburg auch das Podest

Mit Dreßens Platz war die erste Medaillenhoffnung des Deutschen Skiverbandes an diesem Super-Donnerstag geplatzt. Nur wenig später, im eine halbe Stunde Autofahrt entfernt gelegenen Skigebiet Yongpyong, wurde auch aus der zweiten nichts: Viktoria Rebensburg (28) hatte sich schon auf den Weg aus dem Skistadion gemacht, als sie plötzlich von Maria Rosa Quario gedrückt wurde. Die Italienerin war früher selbst Skirennläuferin, jetzt ist sie Journalistin und Fan ihrer Tochter Frederica Brignone. Und die hatte im Gegensatz zu Rebensburg Grund zur Freude, weil sie im olympischen Riesenslalom zwölf Hundertstelsekunden schneller fuhr als die Deutsche und damit Bronze gewann hinter Siegerin Mikaela Shiffrin aus den USA und der Norwegerin Ragnhild Mowinckel.

Für Rebensburg gab es nur „Blech“, wieder einmal. „Es ist bitter, aber es ist so, wie es jetzt ist. Das ist das Leben, meins wird trotzdem weitergehen“, sagte sie. Die Erfahrung, das Podest knapp zu verpassen, hat sie vor einem Jahr schon einmal gemacht, bei der WM in St. Moritz war sie Vierte im Super-G. „Das hätte ich nicht unbedingt noch einmal gebraucht.“ Allerdings wäre die Medaille damals wegen einer für sie schwierigen Saison fast schon überraschend gewesen, jetzt war nach drei Siegen im Winter überraschend, dass sie keine gewann.

Im Gegensatz zur Blech-Erfahrung ist für Deutschlands Vorzeigefahrerin neu bei einem Großereignis, dass es nach dem Riesenslalom noch nicht vorbei ist. Bisher fand er kurz vor Ende der Veranstaltung statt, aber aufgrund der Pistengegebenheiten musste das Programm bei diesen Winterspielen umgestellt werden. Während die Männer in der zweiten Woche die technischen Disziplinen in Yongpyong fahren, ziehen die Frauen nach Jeongseon und bestreiten dort bereits am Sonnabend den Super-G. Weil sie sich in den letzten Wochen auf den Riesenslalom konzentriert hat, sagt Rebensburg, wird das „so ein bisschen eine Wundertüte“. Ihre letzte Olympia-Chance hat sie noch nicht vergeben, aber ihre beste.