Hamburg

Als der HSV dem FC St. Pauli den Trainer abkaufte

Vor 30 Jahren wechselte Willi Reimann in den Volkspark. Der Kiezclub erhielt nicht nur 600.000 Mark, sondern auch noch Abwehrchef Jens Duve dazu

Hamburg. Als kürzlich der FC Bayern München 1,75 Millionen Euro ausgab, um sich mitten in der Saison die Dienste des Düsseldorfer Co-Trainers Peter Hermann zu sichern, kamen auch in Hamburg die Erinnerungen hoch. An diesem Sonnabend ist es genau 30 Jahre her, dass der HSV als erster Verein in der Geschichte des deutschen Profifußballs eine Ablöse für einen Trainer zahlte. Dabei bestand die Entschädigung nicht nur aus den überwiesenen 600.000 Mark, sondern auch aus einem jungen Mann, der für den FC St. Pauli in der Folge ziemlich wichtig werden sollte. Dazu erwies sich auch noch der Nachfolger des weggekauften Übungsleiters als Glückfall für den Kiezclub.

Wie aber kam es zu diesem ungewöhnlichen Deal? Der HSV, im Frühjahr 1987 noch Bundesligazweiter und DFB-Pokalsieger geworden, befand sich in der ersten Saison nach Trainer-Legende Ernst Happel in der sportlichen Krise. Der Jugoslawe Josip Skoblar hatte Happels Erbe übernommen und war offenkundig überfordert. Sein größter Fehler war, dass er seinen Landsmann Mladen Pralija als Torwart für den nach dem Supercup entlassenen Uli Stein (Faustschlag gegen Jürgen Wegmann) holte. Pralija leistete sich haarsträubende Fehler, der HSV verlor 0:6 bei Bayern München, 0:4 gegen Karlsruhe und 2:8 in Mönchengladbach. Nach dem 0:2 in Leverkusen am 15. Spieltag zog der damalige HSV-Manager Felix Magath die Reißleine. Das Team war Neunter und hatte nur vier Zähler Vorsprung auf Schlusslicht Schalke 04. Skoblar musste gehen.

Zur gleichen Zeit spielte der FC St. Pauli erfolgreich in der Zweiten Liga. In der Saison zuvor hatte der Kiezclub noch in der Relegation gegen Homburg knapp den Aufstieg verpasst. Jetzt gab es den nächsten Anlauf, erneut mit Trainer Willi Reimann. „Es gab zunächst nur Gerüchte, dass Felix gern Willi von uns holen wollte“, erinnert sich der damalige Co-Trainer Helmut Schulte. „Willi hat unserem Verein sehr schnell klargemacht, dass er diese Chance nutzen will.“ Reimann hatte ja jahrelang selbst für den HSV gespielt und war 1976 DFB-Pokalsieger, 1977 Europapokalsieger und 1979 deutscher Meister geworden.

„Für mich war es kein einfacher Schritt. Einerseits habe ich gern für St. Pauli gearbeitet, andererseits hatte ich beim HSV noch mit einigen Spielern auf dem Platz gestanden. Felix war ausschlaggebend für den Wechsel für mich“, sagt Reimann heute. „Nach Altona 93 und St. Pauli war der HSV die nächste logische Station als Trainer – aber rückblickend ein bisschen zu früh.“

St. Paulis Präsident, Rechtsanwalt Otto Paulick, nutzte die Situation für seinen Club. Neben den 600.000 Mark Ablöse rang er dem großen, aber finanziell auch schon angeschlagenen Nachbarclub auch noch ab, den bereits vom HSV ausgeliehenen Abwehrspieler Jens Duve, damals mit 25 Jahren im besten Fußballalter, dem Kiezclub ablösefrei zu überlassen. Duve wurde schnell zum Führungsspieler, später auch zum Kapitän und hatte wesentlichen Anteil am Bundesliga-Aufstieg im Frühjahr 1988. „Ich habe diese Ablöse nie als belastend für mich empfunden“, sagt Reimann rückblickend.

Paulicks Verhandlungsgeschick wäre aber kaum gewürdigt worden, hätte St. Pauli nicht einen fähigen Nachfolger als Trainer bekommen. Den gab es sogar in den eigenen Reihen. „Otto Paulick kam zum Training und sagte zu mir: ,Helmut, trauen Sie sich zu, Cheftrainer zu sein, oder brechen Sie unter der Last der Verantwortung zusammen?‘“, berichtet Schulte. „Ich habe ihm geantwortet, dass, wenn ich das jetzt nicht machen könnte, ich ja auch schon der falsche Co-Trainer gewesen wäre.“

Schulte bekam ein Spiel als Chance zur Bewährung: St. Pauli 6:1 in Oberhausen. „Daraufhin sollte ich den Job bis zum Jahresende 1977 machen. Da haben wir noch zweimal gewonnen, und ich durfte bis Saisonende weitermachen“, erzählt Schulte. Sein Team stieg auf, und der junge, von den Fans geliebte Trainer mit dem trockenen Humor war plötzlich in der Bundesliga angekommen. „Besser konnte der Einstieg kaum sein. Wir hatten aber auch eine starke Mannschaft. Willi Reimann und davor auch Michael Lorkowski hatten eine richtig gute Vorarbeit geleistet“, sagt Schulte heute.

Und der HSV? Mit Reimann als Trainer wurde es immerhin etwas besser, am Saisonende sprang Platz sechs heraus, ein Jahr danach Rang vier. Doch als der HSV zum Jahreswechsel 1989/90 nur 14. war, musste Reimann gehen.