REgensburG

Und plötzlich deutsche Nummer eins

Etwas unter dem Radar spielt Julia Görges eine sehr konstante Saison – und steht nun vor Angelique Kerber

REgensburG. Eigentlich wäre Julia Görges jetzt in Dubai im Urlaub. In ihrer wohlverdienten Off-Season. Tatsächlich flog die Wahl-Regensburgerin am Freitagabend von Prag über Frankfurt am Main nach Hongkong. Und von dort ging es weiter mit dem Auto nach China zur WTA-Elite-Trophy, der am Dienstag beginnenden B-WM der zwölf Spielerinnen von Rang 9 bis 20 der Weltrangliste. Zhuhai statt Dubai. „Ich habe meinen Urlaub liebend gern storniert“, sagt Görges. Turnierbotschafterin ist keine Geringere als Steffi Graf. Sie übergibt auch die Trophäe.

Für die 28-jährige Görges ist es die Belohnung für eine „unglaublich konstante Saison“ (Deutschlands Damen-Chefin Barbara Rittner). Vor allem eine herausragende zweite Jahreshälfte. Görges erreichte zwischen Ende Juni und Oktober vier Finals (Mallorca auf Rasen, Bukarest auf Sand, Washington und Moskau auf Hartcourt), beim Kremlin-Cup schließlich holte sie am vergangenen Sonnabend ihren ersten WTA-Titel seit sechs Jahren. Und wie! Das 6:1, 6:2 gegen die aufstrebende und aufregend spielende Russin Daria Kasatkina (20 Jahre/WTA-Rang 24) war eine Demonstration. Und plötzlich war Görges die 18 der Welt und die neue deutsche Nummer eins, einen Platz vor Angelique Kerber. „Es geht mir nicht darum, beste Deutsche zu sein. Ich möchte auf mich schauen“, sagt Görges. „Ich bin mit meiner Entwicklung sehr zufrieden. Ich habe mich über die zwei Jahre in meinem neuen Team mit meinem Coach Michael Geserer enorm weiterentwickelt.“

Für Zhuhai ist neben Görges auch Kerber qualifiziert. Im Vorjahr waren die Schleswig-Holsteinerinnen, beide Jahrgang 1988, die sich seit der Kindheit kennen und auf Turnieren oft zusammen trainieren, beide in Singapur dabei. Bei der A-WM eine Woche zuvor. Die Kielerin Kerber kam bei den WTA-Tour-Finals der besten acht ins Endspiel (3:6, 4:6 gegen Dominika Cibulkova), die Bad Oldesloerin Görges verlor im Doppel-Wettbewerb an der Seite der Tschechin Karolina Pliskova im Viertelfinale. Zum Jahresende 2016 war Görges im Einzel nur die Nummer 53. Die Zeit als Doppelspezialistin will sie nicht missen, sie gehört zu ihrer Entwicklung: „Es hat mir für das Einzel geholfen. Ich habe eine bessere Übersicht am Netz und viel mehr Touch. Das kann man im Einzel einbauen und dadurch ein bisschen anders spielen als viele Frauen.“

In dieser Saison lag ihre Priorität wieder auf dem Einzel. „Deshalb haben Karolina und ich uns entschieden, dass wir das Doppel auf Eis legen.“ Das zahlte sich für beide aus: Pliskova war in diesem Sommer eine der diesjährigen Einsen; Görges fehlt nicht mehr viel zu ihrem höchsten Karriere-Ranking – Platz 15 (vom 5. März 2012).

Es gibt Jule-Görges-Sätze, die sie in Interviews mantraartig sagt. Einer lautet: „Das Ranking ist nicht entscheidend. Ich möchte einfach die beste Tennisspielerin werden, die ich werden kann.“ Und wie sieht sie sich im Vergleich zu ihrem jungen Ich, als sie 2010 in Bad Gastein und 2011 in Stuttgart ihre ersten beiden (und bis Moskau letzten) Titel gewann? „Ich bin mir ganz sicher, dass ich heute besser spiele als damals. Das hatte mit der Konstanz und dem Tennis, was ich jetzt spiele, nicht viel zu tun. Und das, was ich jetzt spiele, macht mich glücklicher. Man hat einen Plan, wie man spielt – von A bis Z.“

Die Fed-Cup-Spielerin ist rundum zufrieden mit ihrem Tennis und ihrem Leben. Seit November 2015 ist Regensburg ihr neuer Mittelpunkt, ihr „happy place“, wie man im Englischen so schön sagt. Sie wechselte nach sieben (teils sehr erfolgreichen) Jahren bei dem Hannoveraner Sascha Nensel, einer sehr extremen Trainerpersönlichkeit, zu dem sehr besonnenen Michael Geserer, dem langjährigen Philipp-Kohlschreiber-Coach. Er ist zugleich Görges’ Manager. Zum „Team Jule“ gehört auch der Physiotherapeut und Athletiktrainer Florian Zitzelsberger. „Das sind zwei Ruhepole und zwei sehr positive Menschen. Das schätze ich an ihnen, dass ich selbst auch meine innere Ruhe finden kann. Meine Gefühle auf dem Platz sind trotzdem da, ich bin nach wie vor ein sehr emotionaler Mensch – aber von innen heraus ist es anders, wenn du die Ruhe in dir selbst hast und den Überblick behältst. Ich bin nicht gestresst auf dem Platz.“

Regensburg ist zu ihrer neuen Heimat geworden

Eine Stärke Geserers ist auch, dass er kein großes Ego hat. Im Sommer holte er zum Beispiel „für ein neues Mindset“ Ex-Profi David Prinosil in der Rasensaison mit ins Team. Dank Zitzelsberger hat sich Görges „körperlich unheimlich weiterentwickelt“, wie sie sagt, „je besser und konstanter du dich bewegst, desto konstanter spielst du auch.“ Und anders als früher (als sie eine langwierige Handgelenksverletzung handicapte) war sie 2017 gar nicht verletzt – nur einmal grippekrank bei den French Open. „Ich habe immer investiert, um mit einem Physiotherapeuten zu reisen. Ich glaube, das macht sich bezahlt.“

Regensburg ist Görges’ neue Heimat. Sie erledigt hier fast alles mit dem Mountainbike. Und kehrte zu den Wurzeln ihrer Mutter zurück, die aus Schwandorf nahe Nürnberg stammt, wo viel Verwandtschaft wohnt. Mit dem TC Rot-Blau Regensburg wurde sie 2016 und 2017 deutscher Meister. Nach der Karriere kann sie sich vorstellen, Bayerin zu bleiben; in Moskau feierte sie ihren Turniersieg im Paulaner-Brauhaus mit Kaiserschmarrn. Ans Aufhören denkt sie nicht: „Vor Jahren habe ich mal gesagt, dass ich bis 30 spielen will. Das muss ich revidieren, ich möchte noch ein paar Jährchen dranhängen.“

In Bad Oldesloe bei ihren Eltern Inge und Klaus war sie seit einem Jahr nicht mehr. Auch Schwester Maike (40) und ihr Neffe Phil (7) wohnen dort. An Weihnachten ist Görges endlich wieder im Norden. In ihrer wohlverdienten Off-Season.