Ironman

Zwei Hamburger in der Hölle von Hawaii

Lesedauer: 14 Minuten
Annabell Behrmann und Martina Goy
Bettina Strehl und Thorsten Schröder, hier noch vor dem Rathaus Hamburg

Bettina Strehl und Thorsten Schröder, hier noch vor dem Rathaus Hamburg

Foto: Andreas Laible

Nachrichten-Sprecher Thorsten Schröder und Bettina Strehl kämpfen heute beim Ironman. Ein Drama mit Überlänge, sagen sie.

Hamburg.  TV-Nachrichtensprecher Thorsten Schröder (49) und Rechtsanwältin Bettina Strehl (43) haben sich für den Ironman auf Hawaii an diesem Sonnabend qualifiziert. Trotz intensiver Trainingsvorbereitung haben sie sich die Zeit für ein Treffen genommen. Ein Gespräch über das Talent zum Quälen, Fahrradfahren in der Sauna und die Suche nach den Glückshormonen.

Frau Strehl, Herr Schröder, wie sind Sie auf die Idee gekommen, an einem Ironman teilzunehmen?

Thorsten Schröder: Ich habe mich lange geziert. Schon seit vielen Jahren nehme ich regelmäßig an Triathlon-Wettbewerben teil, aber nur über Sprint- und olympische Distanzen. Einen Ironman hatte ich allerdings im Hinterkopf. Und dann gab es im Oktober 2011 ein Schlüsselerlebnis: Ein Facebook-Freund – mit dem ich sportlich immer auf einer Höhe war –, postete ein Foto von sich beim Ironman auf Hawaii. Das reizte mich. Ich wollte es auch versuchen. Ich fand die Frage spannend, ob ich es schaffe, meinen Körper und Geist so zu trainieren, dass ich die Strecke über 226 Kilometer durchhalte.

Bettina Strehl: Ich habe 2003 meinen ersten Triathlon in Hamburg absolviert. Ich bin zwar durchgekommen, aber das Fieber hat mich damals noch nicht gepackt. Beim Mitteldistanzrennen in Ratzeburg habe ich dann meine damalige Freundin kennengelernt, die mich ein Jahr später zum Ironman ermutigt hat. Wir haben uns ohne Trainer, geschweige denn irgendeinen Plan vorbereitet. Das ging zu wie im Wilden Westen. Heute gehe ich natürlich viel strategischer vor. Aber den Reiz machten für mich immer schon die Distanzen aus. Obwohl ich erst mit 28 Jahren mit dem Laufen begonnen habe.

Es gibt Läufer, die fangen erst mit 40 an. Was haben Sie vorher für einen Sport betrieben?

Strehl: Keinen.

Sie waren noch nicht einmal joggen?

Strehl: Ich war als Kind und Jugendliche ein bisschen bockig, habe aber viel Musik gemacht. Da blieb keine Zeit für Sport. Und der Schulsport hat mich erst recht nicht gepackt. Ich war damals geradezu autoritätsfeindlich. Wenn mir jemand gesagt hat, ich soll 1000 Meter laufen, habe ich mich geweigert. Heute wundert mich diese Einstellung, denn ich habe erkannt, ich bin Sportlerin durch und durch. Durchhalten ist mir nie schwer gefallen. Ich habe ein überdurchschnittliches Ausdauertalent.

Menschen mit Talent

Liegt das bei Ihnen auch in der Veranlagung, Herr Schröder?

Schröder: Leider nicht, ich habe mir alles hart erarbeitet. Deshalb beneide ich Menschen mit Talent. In meiner Jugend war ich Fußballer, Ballsportarten waren eher mein Ding. Aber nach einer Wirbelsäulenoperation war das vorbei.

Frau Strehl, Sie haben bereits 2014 und 2015 am Ironman auf Hawaii teilgenommen. Wie haben Sie die als unmenschlich geltenden Bedingungen wahrgenommen?

Strehl: Jan Frodeno, der deutsche Vorjahressieger, hat das sehr schön beschrieben: Es ist, als würde man mit dem Fahrrad in einer Sauna eingeschlossen werden, und jemand macht den Föhn an. Ab Kilometer 28, dem „Energy Lab“, staut sich die Hitze.

Schröder: Mir wurde erzählt, es soll gar nicht so viel wärmer sein.

Strehl: Es ist insgesamt einfach heiß. Die Luftfeuchtigkeit ist hoch, es weht ein komischer Wind, und die Bedingungen ändern sich ständig.

Damit haben Sie 2014 auf der Lava-Insel bereits schlechte Erfahrungen gemacht.

Strehl: Ich hatte lange Gegenwind auf dem Rad und rechnete fest damit, irgendwann mit Rückenwind zu fahren. Ein Anfängerfehler. Der Wind drehte sich erneut, und das hat mich gebrochen. Ich habe über 40 Kilometer rumgeeiert – zweifelnd, hadernd, fluchend.

Wie weit würden Sie an Ihre Grenzen gehen?

Strehl: Mir war beim Ironman in Hamburg die ganze Zeit schwindelig. Ich habe mich richtig schlecht gefühlt. Beim Marathon war ich von Beginn an kurz vorm Umfallen. Aber ich wollte unbedingt nach Hawaii – und dann ist einem einfach nicht mehr schwindelig. Ich habe nur versucht, nicht umzukippen.

Schröder: Mit Schwindel hatte ich noch nie zu kämpfen. Ich bin blöderweise einer, der sich in einer gewissen Komfortzone bewegt. Ich wage es nicht, zu viel Pace zu geben, weil ich die Sorge habe, dass bei mir mitten auf der Strecke der Motor ausgeht. Als ich in Hamburg aber mitbekommen habe, dass ich mich auf den Plätzen nach vorne bewege, habe ich alles aus mir rausgeholt.

"Das fand ich cool"

Strehl: Ich habe ein Foto von dir gesehen, auf dem du sehr entschlossen aussahst. Das fand ich cool. Vorher habe ich deine Geschichte in den Medien verfolgt und war eher skeptisch.

Schröder: Ich war in der Tat wild entschlossen. Die letzten 15 bis 20 Kilometer war ich nur noch im Tunnel. In den ersten zwei Runden habe ich noch mit den Zuschauern eine Welle gemacht, sie begrüßt und mit ihnen abgeklatscht. Am Ende bin ich einfach nur gelaufen.

Kann man sich vornehmen, in den besagten Tunnel einzutauchen?

Schröder: Wenn du siehst, dass du eine Chance hast, weit vorne zu landen, dann kommt der von allein.

Strehl: Ich glaube, ich kann mich gar nicht dagegen wehren. Beim Wettkampf habe ich zwar das Gefühl, ganz normal zu sein, aber das bin ich nicht. Der Tunnel ist sehr entlastend, und es erspart erheblich Kraft, wenn man sich nicht zu viel mit dem äußeren Geschehen beschäftigt.

Endorphine sind Glückshormone, die bei körperlicher Aktivität, wie etwa dem Laufen, freigesetzt werden sollen. Haben Sie so etwas schon einmal erlebt, oder ist das nur ein Mythos zur Motivation?

Schröder: Mir macht das Laufen Spaß, aber die unendlichen Glücksgefühle kann ich nicht bestätigen.

Strehl: Ich hatte das einmal. Im Nachhinein kommt es mir wie eine Legende vor. Damals war ich mit meiner Freundin in Australien. Wir haben an der Küste Intervalle trainiert und sind fünfmal 3000 Meter gelaufen. Wir haben beide aus dem letzten Loch gepfiffen. Und plötzlich bekam ich aus dem Nichts so ein Glücksgefühl, und alles ging ganz leicht. Meine Freundin rannte mir heulend entgegen, weil ich an ihr vorbeigerast war.

Was ist Ihr Ziel für Hawaii?

Strehl: Zeiten sollte man sich nicht vornehmen, weil die Bedingungen extrem unterschiedlich sind. Ich möchte einen guten Wettkampf abliefern und würde gerne unter die ersten fünf meiner Altersklasse kommen. Aber man weiß den ganzen Tag nicht, was noch passiert. Das ist der Reiz am Abenteuer Ironman. Es ist, als würde man seinem eigenen Theaterstück zuschauen, das gerade aufgeführt wird. Man hat zwar die Zutaten sehr ordentlich zusammengestellt, aber das, was der Ironman daraus macht, ist wie eine Überraschungsbox.

Schröder: Vor allem ist es ein Theaterstück mit Überlänge. Ich habe mich ein ganzes Jahr auf diesen Tag vorbereitet.

Wie wichtig ist die Akzeptanz des privaten Umfelds? Sie sind beide voll berufstätig.

Schröder: Das Umfeld ist enorm wichtig. Meine Freundin kommt mit nach Hawaii – dafür hat sie sich eindeutig qualifiziert. Sie hat mir sehr geholfen. Ich hetze häufig zwischen Arbeit und Training hin und her. In solchen Momenten hat sie mir viele Dinge abgenommen, die mir ansonsten Zeit fürs Training geraubt hätten. Sie hat geputzt, während ich laufen war, oder gekocht, wenn ich schwimmen war.

Strehl: Ohne meine Frau würde das gar nicht funktionieren. Es gibt auch Tage, da geht ihr das alles auf den Keks. Das schwächt mich sofort. Wir machen schon öfter zusammen Sport. Erst gehen wir im Poseidonbad in Stellingen schwimmen, dann gehen wir in unserem Lieblingscafé frühstücken. Diese Momente sind wahnsinnig wichtig. Wir nehmen uns sehr bewusst Zeit dafür – vielleicht sogar mehr als andere Paare. Und ich motiviere sie mit zwei Wochen Urlaub auf Hawaii.

Schröder: Darauf war meine Freundin auch scharf. Wir sind seit 18 Jahren zusammen – sie kennt es nicht anders, als dass ich wegen meines Jobs abends häufig weg bin. Tagsüber kriegt sie nicht viel von meinem Training mit, weil sie selbst arbeitet. Ich gehe nach dem Frühdienst oder vor der Nachtschicht trainieren. Nur am Wochenende wird es problematisch. Ansonsten sind wir es gewohnt, dass wir unsere Freizeit auch mal ohne den anderen verbringen.

Wenn man Extremsport betreibt, gehört disziplinierte Ernährung dazu. Sündigen Sie auch manchmal?

Schröder: In diesem Jahr ist mir das nicht passiert, weil ich stringent auf Hawaii zugelaufen bin. Ich verzichte auf Süßigkeiten, Chips – schrecklicherweise – und Alkohol. Ausnahmen sind Weihnachten und Karneval. Letztes Weihnachten hatte ich mich eigentlich auf ein Glas Wein gefreut. Aber als ich ihn trank, es war mein Lieblingswein, schmeckte er mir gar nicht. Ich war ganz enttäuscht. Ich glaube aber, dass mir der Verzicht in der Vorbereitung geholfen hat. Alkohol verlangsamt die Regeneration. Und ich ernähre mich mit viel Obst und Gemüse sowieso gut.

Strehl: Ich habe alles ausprobiert. Sämtliche Ernährungsstrategien. Ohne Kohlenhydrate, mit ganz vielen Kohlenhydraten. Seit zwei Jahren habe ich aber zu der Erkenntnis gefunden, dass es mir am besten geht, wenn ich esse, wozu ich Lust habe. Ich trinke auch gelegentlich Alkohol. Weil ich als Anwältin für Musikrecht mit vielen Künstlern zu tun habe, bin ich oft auf Partys und Konzerten. Aus Geselligkeit trinke ich dann manchmal mit. Bei aller Disziplin ist das ein Ventil für mich. Aber natürlich esse ich ansonsten sehr gesund.

Herr Schröder, bei der Ironman-Europameisterschaft in diesem Jahr in Frankfurt haben Sie um eineinhalb Minuten den Qualifikationsplatz für Hawaii verpasst. Wie steckt man so lch einen Rückschlag weg?

Schröder: Ich hatte mir im Oktober bereits frei genommen für den Fall, dass mein Traum in Erfüllung geht. In Frankfurt haben wir uns dann überlegt, wo ich es noch einmal probiere. Zwischen dem Ironman in Frankfurt und dem in Hamburg lagen nur fünf Wochen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich es schaffe, rechtzeitig wieder fit zu werden. Zumal ich in der Zeit kaum trainieren konnte.

Dennoch haben Sie es geschafft. Im Gegensatz zu Frau Strehl, die als Erste der Altersklasse 40 ins Ziel kam, haben Sie sich als Sechster der Altersklasse 50 qualifiziert. Ursprünglich sollten nur vier Plätze vergeben werden.

Schröder: Genau. Weil die Teilnehmerzahl in meiner Altersgruppe so hoch war, haben wir noch einen Startplatz dazubekommen. Das hätte aber immer noch nicht für mich gereicht. Ich hatte nur noch die Hoffnung, dass noch einer der vor mir Platzierten absagt. Und so war es glücklicherweise auch. Die Athleten werden nach dem Rennen einzeln aufgerufen und müssen sofort entscheiden, ob sie nach Hawaii wollen. Du kannst keine Nacht darüber schlafen.

Strehl: Mehr noch: Du musst deine Kreditkarte zücken und sofort bezahlen.

Wie teuer ist die Teilnahme?

Schröder: 850 Euro – ein teurer Spaß.

Man sagt, dass Ausdauersportler die Züge eines Junkies tragen. Würden Sie von sich behaupten, dass Sie sportsüchtig sind?

Strehl: Wenn ich keinen Ironman vor mir hätte, würde ich wahrscheinlich nichts machen. Ich habe 2016 getestet, wie es mir ohne Sport geht. Und es hat mir nicht wirklich etwas gefehlt. Ich war verblüfft. Aber ich liebe den Wettkampf!

Schröder: Ironman kann süchtig machen. Eigentlich wollte ich nur mal einen finishen. Das habe ich 2012 geschafft, aber wie man sieht, bin ich immer noch dabei. Bei mir besteht schon die Gefahr einer Sucht. Ich finde beispielsweise dieses Körpergefühl großartig. Ich bin superfit, kann die Treppen hochspringen und merke nichts. Diesen Zustand kannst du nur beibehalten, wenn du weiter Sport machst.

Was ist nach Hawaii? Fallen Sie in ein Motivationsloch? Es gibt kaum Steigerungen...

Schröder: Es gibt so viele schöne Mitteldistanzen. Ich mache mir keine Sorgen wegen eines Motivationslochs. Ich freue mich tierisch darauf, das Pensum zurückzufahren, weil es wirklich ein Jahr volle Konzentration bedeutet hat. Das ist auch für den Kopf anstrengend. Aber ich werde weiter meinen geliebten Sport machen – und endlich wieder Wein trinken.

Strehl: Vor einem Loch habe ich auch keine Angst. Meine Pausen fülle ich mit verschiedenen Sportarten wie zum Beispiel Crossrennen. Ansonsten werde ich nächstes Jahr tatsächlich ein bisschen kürzer treten. Das habe ich meiner Frau versprochen. Ich habe in diesem Jahr ein neues Trainingskonzept ausprobiert und zweimal am Tag trainiert. Seit August hatte ich nur sieben Ruhetage. Jetzt wird es auch mal einen Urlaub ohne Rad geben.

Schröder: Auch ohne Laufschuhe?

Strehl: Nein, die sind erlaubt.

Schröder: Dann bin ich ja beruhigt.

Haben Sie, Frau Strehl, als erfahrene Hawaii-Teilnehmerin noch einen Tipp für Herrn Schröder?

Strehl: Man kann alles schaffen, was man will. Du solltest nicht verkrampfen, trotz der widrigen Bedingungen immer locker bleiben und dieses besondere Rennen einfach genießen.

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