Hamburg

Im Stile einer Spitzenmannschaft

Trotz Personalnot kämpft sich der FC St. Pauli in die obere Tabellenhälfte. Spielt so ein Aufstiegskandidat?

Hamburg.  Die Widrigkeiten machten auch am Dienstagmorgen keinen Halt vorm FC St. Pauli. Eigentlich wollte der Kiezclub nach dem 1:0-Sieg in Nürnberg entspannt in die Heimat fliegen, doch Eurowings machte dem Unterfangen einen Strich durch die Rechnung. Der Flieger wurde gestrichen, also machte sich der Tross kurzerhand mit der Bahn auf den Heimweg. Ohnehin scheint es so, als könne in diesen Tagen nichts und niemand den Kiezclub aufhalten. Keine Verletzungen und schon gar keine öffentlichen Verkehrsmittel. Auf jeden Fall kehrte Trainer Olaf Janßen am späten Nachmittag mit jeder Menge Erkenntnissen an die Kollaustraße zurück.

Vergnügungssteuerpflichtig war der Auftritt im Max-Morlock-Stadion von seinen Spielern wahrlich nicht. Nürnberg war die klar bessere Mannschaft, hatte mehr Ballbesitz, mehr Torchancen und am Ende mehr Grund, mit dem Schicksal zu hadern. Die Hamburger hielten mit großem Herz, überwiegend guter Struktur, und jener Effizienz dagegen, die gemeinhin ein Spitzenteam auszeichnet. Es war ein Sieg gegen die Franken, aber vor allem gegen den inneren Schweinehund. Neben den neun Ausfällen spielten Jeremy Dudziak (Unwohlsein), Mats Möller Daehli (Muskelprobleme beim Aufwärmen) und Daniel Buballa (Magenprobleme in der Halbzeit) angeschlagen. Auch Robin Himmelmann (Arm), Bernd Nehrig (Risswunde am Schienbein) und Maurice Litka (muskuläre Probleme) waren vom Spiel gezeichnet. Einen genauen Überblick über das Lazarett soll es an diesem Mittwoch geben. „Wir sind eine absolute Charaktermannschaft. Morgen interessiert es keinen mehr, ob das ein glücklicher Sieg war. Man bekommt immer eine Chance. Die haben wir eiskalt genutzt“, lobte Nehrig, der mit den erfahrenen Führungsspielern Waldemar Sobota, Marc Hornschuh und Johannes Flum dem dezimierten Team eine gute Statik verlieh.

Unter dem Strich stehen für St. Pauli, von vielen Experten zum Aufstiegskandidaten ernannt, zehn Zähler aus fünf Spielen zu Buche – Platz fünf, punktgleich mit Darmstadt und Kiel, die die Rang zwei und drei belegen. Und das trotz der Tatsache, dass die Janßen-Elf bisher in keinem der fünf Spiele über volle 90 Minuten überzeugt hat. „Die Mannschaft weiß, dass sie fußballerisch so nicht weiter auftreten sollte. Gefühlt hatten wir heute 100 leichte Ballverluste“, legte Janßen den Finger in die Wunde.

Doch es gibt durchaus Ansatzpunkte, die offenbaren, dass St. Pauli das Zeug hat, ein ernstzunehmender Kandidat für die Beletage des deutschen Fußballs zu werden. Trotz der Personalnot jammerte bei St. Pauli niemand in der Öffentlichkeit. „Wir haben vom ersten Trainingstag an gesagt, dass wir einen hohen Konkurrenzkampf auf jeder Position haben“, sagt Janßen, der in Nürnberg den Beweis dafür bekommen hat, dass der zweite Anzug auch in der Zweiten Liga passt.

Flum fügte sich im Mittelfeld als Ersatz für Christopher Buchtmann ebenso gut ein wie Offensivtalent Maurice Litka, der auf der rechten Außenbahn seine beste Leistung im Trikot des FC St. Pauli ablieferte.

Auch die Youngster Richard Neudecker und Jan-Marc Schneider, die zuletzt wenig Spielpraxis im Profikader hatten, gaben nach ihrer Einwechslung Vollgas. All das führte dazu, dass sich St. Pauli den Sieg über die Mentalität sicherte. „Das war ein Spiel, durch das man sich durchquälen muss. Und das haben wir getan. Es gibt in jeder Saison zwei, drei Spiele, die man gewinnt, und zwei, drei, die man verliert, und hinterher weiß man nicht, warum“, gibt Janßen zu, wohlwissend, dass das Charakterzüge eine Spitzenmannschaft sind.

Locken lassen in Sachen Aufstiegsambitionen will sich der 50-Jährige dennoch nicht. Auch wenn Ehefrau Susanne ihrem Mann im „NDR Sportclub“ kürzlich den klaren „Auftrag“ erteilte. „Schatz, hau rein und sorg dafür, dass St. Pauli aufsteigt. Das würde ich mir wünschen“, sagte Janßens Ehefrau. Und da ihr Olaf nicht nur ein vorbildlicher Ehemann ist, sondern auch ein ehrgeiziger Trainer, müssten die Ziele spätestens jetzt klar definiert sein. „Sie hat das Zepter zu Hause in der Hand, deshalb werde ich wohl auch keine andere Wahl haben, als ihren Wünschen nachzukommen“, scherzte Janßen.