Hamburg

Wie eine Weltliga – Gigantismus und Giganten

Der Start der Champions League wird begleitet von der Debatte um maximales Gewinnstreben. Reformen helfen nur den Topclubs

Hamburg.  Freunde der Pyrotechnik sind bei der pompösen Zeremonie vor dem diesjährigen Champions-League-Finale voll auf ihre Kosten gekommen. Flammen schlugen am Spielfeldrand meterhoch, Böller verursachten einen Höllenlärm unter dem geschlossenen Dach des Millennium Stadium in Cardiff. Über die Rasenfläche wurde eine Plane gezogen, schließlich musste die Hip-Hop-Band "The Black Eyed Peas" vorspielen. Dann erst rollte am River Taff der Ball. In einem furiosen Finale schaffte Real Madrid gegen Juventus Turin (4:1) das Kunststück, erstmals in der Geschichte der Königsklasse den Titel zu verteidigen.

Wenn nun am Dienstag die Gruppenphase startet, gibt es für die Königlichen um ihre angekratzte Galionsfigur Cristiano Ronaldo keinen besseren Ansporn, als den Hattrick anzustreben. Nicht unrealistisch für die Real-Garde: Nur noch eine Handvoll Großclubs verfügt über die sportliche und wirtschaftliche Schlagkraft, das Champions-League-Endspiel am 26. Mai 2018 in Kiew zu erreichen. Den Höhepunkt in der Hauptstadt der kriegsgeplagten Ukraine auszutragen, passt zu den Absurditäten, die dieser Wettbewerb mittlerweile produziert, in dem Profitmaximierung und Gewinnstreben auf die Spitze getrieben werden.

Dass die fünf stärksten Ligen diesen Transfersommer fast 4,5 Milliarden Euro in neue Spieler investierten, hängt mit der Champions League unmittelbar zusammen. Das meiste Geld nahmen naturgemäß jene Vertreter in die Hand, die in der Jagd auf den Henkelpott mitunter kaum noch ein Limit kennen. Hinter England (1,549 Milliarden), Italien (1,033) und Frankreich (675 Millionen) reihte sich die Bundesliga (617) an vierter Stelle noch vor Spanien (555) ein.

"Ein bisschen krank und ein wenig pervers", nennt Gerhard Aigner, der ehemalige Generalsekretär der Europäischen Fußball-Union (Uefa) die Auswüchse. Dem 74-Jährigen, der mit den Vermarktungsexperten Jürgen Lenz und Klaus Hempel die Champions League vor einem Vierteljahrhundert aus der Taufe hob, gefällt nicht, was aus seinem Baby wurde. Der Regensburger sah sich vor zehn Jahren gezwungen, die Anteile an der Vermarktungsagentur "Team" mit seinen Mitstreitern zu verkaufen. Ihre Mahnung heißt heute: "Täglich Kaviar und Champagner schmecken auf Dauer schal."

Der Gigantismus bildet sich plakativ im 222-Millionen-Transfer des brasilianischen Superstars Neymar vom FC Barcelona zu Paris St. Germain ab. Der katarische Clubbesitzer Nasser al-Khelaifi pfeift auf das Financial Fairplay, das derlei Exzesse einfangen soll. "Wir wussten von Anfang an, dass es vielleicht kein Holzschwert, aber auch kein scharfes Schwert ist", sagte Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsboss des FC Bayern.

Nur: Ist die Dominanz des Geldadels wirklich noch einzufangen? Clubs wie der RSC Anderlecht oder Feyenoord Rotterdam bringen aus ihrer Europapokal-Geschichte zwar noch einen klangvollen Namen ein, aber gegen den FC Bayern oder Manchester City sind die Benelux-Repräsentanten in ihren Gruppen nur Leichtgewichte.

Was als Nachfolger des Europapokals der Landesmeister gut gedacht war, entwickelt sich zur verkappten Weltliga. Lediglich elf Landesmeister sind direkt qualifiziert. Dafür leben die Topligen ihre Potenz aus; diesmal stellt die Premier League dank dem beförderten Europa-League-Gewinner Manchester United fünf Teilnehmer. Mit der nächsten Reform werden ab 2018 jeweils vier fixe Startplätze für Spanien, Deutschland, England und Italien reserviert. Damit der Basispool an Mitspielern weitgehend unverändert bleibt.

"Die Auswirkungen sind beängstigend", glaubt Georg Pangl, Generalsekretär der europäischen Profiligen EPFL. Für den Österreicher ist es ein Unding, dass "vier Verbände die Hälfe aller Teilnehmer und 51 Verbände mit über 700 Clubs die restlichen 16 stellen." Der Profifußball tritt die Vielfalt mit Füßen. "Wenn die großen Fische im Ozean die kleinen nicht mehr um sich haben, werden sie selber über kurz oder lang nicht überleben", mahnt Pangl.

Aber erst einmal werden die Großen weiter kräftig gefüttert. Im Sommer 2018 kommt eine zweite Anstoßzeit hinzu. Zwei Spiele beginnen dann dienstags und mittwochs schon um 19 Uhr. Für die Uefa scheint es ein gutes Geschäft. Stolze 3,2 Milliarden Euro sollen bald in den beiden Uefa-Clubwettbewerben zur Ausschüttung kommen. Topvereine freuen sich über 100 Millionen und mehr an Garantieeinnahme. Das Feuerwerk vor dem Champions-League-Finale dient vielleicht dazu, all diese Störgeräusche zu übertönen.

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