London

Silber für den besten Freund

Zehnkämpfer Rico Freimuth widmet seine Medaille Untermieter Michael Schrader

London. Intelligente Sportler denken nach Erfolgen schon an morgen. Kluge Köpfe genießen die Schönheit des Moments, analysieren dann aber sofort den Wettkampf, um daraus die richtigen Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Und so blickten Rico Freimuth und Kai Kazmirek nach dem Gewinn der Silber- und Bronzemedaille im Zehnkampf in Richtung Europameisterschaft 2018 in Berlin und Olympische Spiele 2020 in Tokio. In London war nur der Franzose Kevin
Mayer mit 8768 Punkten besser als Freimuth (8564) und Kazmirek (8488).

„Ich werde mich jetzt erst einmal erholen. Ich brauche diese Zeit für mich“, sagte Betriebswirtschaftsstudent Freimuth. „Das hat mich im vergangenen Jahr nach vorne gebracht. Ich will bei der EM in Berlin vorne landen und mir 2020 meinen Traum von einer olympischen Medaille erfüllen. Ich bin stolz, dass ich mit 29 Jahren noch auf diesem Niveau Leistung bringen kann.“ Damit er dieses Niveau bis 2020 halten kann, macht Freimuth jetzt nicht nur eine längere Pause und intensiviert sein Studium, sondern lässt bis Januar alle Laufeinheiten weg. „Kai kann mit 25 noch achtmal in der Woche schnell rennen. Für mich ist das vor allem für den Kopf zu anstrengend. Ich beschränke mich auf Krafttraining“, sagte er.

Zum Team Freimuth gehört nicht nur sein Trainer Wolfgang Kühne, sondern auch sein Vater Uwe, der 1983 WM-Vierter war und mit 8792 Punkten immer noch zweitbester Deutscher in der Zehnkampf-Geschichte ist. Zeitweise haben sich Vater und Sohn gerieben, doch inzwischen schätzen sie sich gegenseitig sehr. „Mein Vater ist Professor und als Trainingswissenschaftler eine Granate“, sagt der Vizeweltmeister. „In meinem Alter muss man intelligent trainieren. Mein Trainer und mein Vater steuern mich so, wie es genau richtig ist für mich. Inzwischen bin ich mir sicher, dass ich die Punktzahl meines Vaters noch überbieten werde.“

Direkt nach dem Zieleinlauf über 1500 Meter widmete Freimuth seine Silbermedaille Michael Schrader, der als ZDF-Experte in London ist. Schrader wohnt zur Untermiete gratis in Freimuths Haus. 2013 hatte der Duisburger wie Freimuth jetzt bei der WM in Moskau die Silbermedaille gewonnen. Aber im vergangenen Jahr verletzte er sich schwer am Knie. In der Reha schuftet er für sein Comeback. „Ich widme Michael meine Medaille, weil er unglaublich viel für mich getan hat“, sagte Freimuth, „Michael wird bis ans Ende unseres Lebens mein bester Freund bleiben. Als er sich verletzte, hat es mir das Herz gebrochen.“

Freimuth träumt nicht nur von seiner ersten olympischen Medaille in Tokio, sein größter Wunsch ist dieser: „Es wäre superschön, wenn Michael und ich gemeinsam in Tokio an den Start gehen könnten. Er hat ein unglaubliches Bewegungsgefühl. Wenn er sich nicht verletzt hätte, würde der deutsche Rekord von Jürgen Hingsen mit 8832 Punkten nicht mehr stehen.“