3:3 gegen West Ham

Darum sollte Altona 93 nicht freiwillig zu zehnt spielen

Altona 93 trotzte West Ham United um den früheren Bremer Marko Arnautovic ein 3:3 ab

Foto: Witters/ValeriaWitters

Altona 93 trotzte West Ham United um den früheren Bremer Marko Arnautovic ein 3:3 ab

Der Hamburger Viertligist nimmt beim Testspiel-Kracher aus Solidarität einen Spielern vom Platz. Doch die Maßnahme währt nicht lange.

Hamburg. Es war die kurioseste Szene beim 3:3 von Altona 93 gegen West Ham United. Winston Reid, Kapitän des Premier-League-Clubs, sah kurz vor der Pause Gelb-Rot und wurde vorzeitig zum Duschen geschickt. Doch an der Adolf-Jäger-Kampfbahn wusste zunächst keiner so richtig, warum. "Ein Platzverweis in einem Testspiel – und das ohne große Vorkommnisse?", fragten sich einige Zuschauer auf den Rängen.

Auch beim Hamburger Regionalliga-Aufsteiger herrschte zunächst Unklarheit, ob die Ampelkarte seine Berechtigung hatte und so kam Altona-Trainer Berkan Algan eine ungewöhnliche Idee. Für den zweiten Durchgang schickte er freiwillig einen Spieler weniger aufs Feld, damit West Ham, das zu diesem Zeitpunkt mit 1:2 zurücklag, nicht in Unterzahl spielen musste. "Ich wollte gastfreundlich sein", sagt Algan im Gespräch mit dem Abendblatt.

Gäste-Coach Slaven Bilić habe seine Entscheidung wohlwollend zur Kenntnis genommen. Doch als Algan Schiedsrichter Fabian Porsch unmittelbar vor dem Wiederanpfiff über sein Vorhaben informierte, machte dieser ihm einen Strich durch die Rechnung. "Er meinte, dass so ein Verhalten respektlos ihm gegenüber sei und das habe ich dann auch sofort eingesehen", so der 40-Jährige, der den AFC seit zwei Jahren trainiert. "Er hat mir auch erklärt, wieso der Spieler vom Platz flog. Danach wusste ich: Gelb-Rot war zweifellos berechtigt."

Schiedsrichter darf freiwillige Deziminerung nicht verbieten dürfen

So habe Reid nach einem Pfiff des Unparteiischen höhnisch in die Hände geklatscht. Auch Beleidigungen seien dabei gefallen. "Das darf einem Profi nicht passieren, er muss sich besser im Griff haben", klagt Algan an. "Doch das weiß der Spieler auch. Er ärgert sich bestimmt selber am meisten über die Aktion."

Für Algan stand nach dem Gespräch mit Porsch fest, dass seine Mannschaft wieder zu elft weiterspielen wird. Es war seine Entscheidung, denn laut Regelwerk darf ein Schiedsrichter die freiwillige Dezimierung nicht verbieten. Mit einer vergleichbaren Maßnahme sorgte auch der FC Barcelona schon einmal für viel Wirbel, als der damalige Trainer Luis Enrique beim 6:1-Pokalsieg im Dezember 2015 gegen einen Drittligisten keinen Ersatz für den verletzten Jérémy Mathieu brachte, obwohl er noch zweimal hätte wechseln können. Der DFB wollte sich dennoch nicht auf Abendblatt-Anfrage zu der Umstimmaktion von Porsch äußern.

Algan: Wir haben West Ham geärgert

Dass Altona dennoch für knapp eine halbe Minute zu zehnt spielte, lag daran, dass sich der vom Feld genommene Samuel Hosseini erst wieder seine Spielkleidung überziehen musste. Seine Entscheidung, aus Solidarität mit dem Gegner auf einen Spieler zu verzichten, würde Algan dennoch jederzeit wiederholen. "Ich hätte gerne zu zehnt weitergespielt. Es sollte auch ein Zeichen unserer Dankbarkeit sein, dass so ein Verein uns besucht."

Ob die Maßnahme, in Überzahl weiterzuspielen ausschlaggebend für das Unentschieden war, lässt sich natürlich nicht beweisen. Doch Algan weiß, dass der englische Erstligist so oder so überrascht von Altonas Gegenwehr war. "Wir haben sie ein bisschen mehr geärgert, als wir sollten. Das Spiel war Werbung für Altona 93 und den Hamburger Amateurfußball." In Zeiten, in denen über einen bevorstehenden 222-Millionen-Transfer und das Financial Fair Play diskutiert wird, war Algans Versuch, freiwillig zu zehnt weiterzuspielen auch Werbung für Fair Play.

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