Hamburg

Springderby-Chef warnt vor Turniersterben

Volker Wulff erklärt, warum die in der Springreitszene höchst umstrittene Erhöhung der Nenngelder in Europa dringend notwendig ist

Hamburg. Von einer Rebellion der Reiter war die Rede. „Pferdesport nur noch für die Superschönen und ganz Reichen?“, so überschrieb die Nachrichtenagentur DPA kürzlich einen Bericht über den Aufruhr unter Europas Springreitern. Hintergrund: Weil der Weltverband FEI die Nenngelder in Europa auf das Niveau von Turnieren in den USA anheben wolle, seien die Athleten auf Zinne. Volker Wulff hat alle Berichte gelesen und mit Kopfschütteln darauf reagiert. Aber weil der 60-Jährige, der seit der Jahrtausendwende mit seiner Agentur En Garde das Deutsche Spring- und Dressurderby in Klein Flottbek managt, das in diesem Jahr vom 24. bis 28. Mai ausgetragen wird, ein besonnener Mann ist, rief er zunächst einige Reiter an, die in die Kritik eingestimmt hatten. „Ich habe versucht, ihnen zu erklären, was hinter der ganzen Sache steckt“, sagt er.

Was den diplomierten Agrarwissenschaftler so sehr stört an der Diskussion? „Der deutsche Verband FN hat gleich das Horrorszenario gewählt, dass bei einem Viersterneturnier die Gebühr von circa 500 auf 1700 Euro steigen könnte. Da es mehr Reiter als Veranstalter gibt, kann man den Eindruck gewinnen, dass der Verband mehr an die Aktiven denkt als an diejenigen, die die Plattform für den Sport bieten. Aber wenn sich für die Veranstalter auf der Einnahmenseite nichts ändert, wird das üble Folgen haben“, sagt er.

Die Veranstaltungskosten hätten sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Schuld daran seien der Mindestlohn, der zu Aufschlägen von bis zu 30 Prozent geführt habe, und die Kosten für Dienstleistungen wie Brandschutz, Sicherheit und Sanitätsdienst, die sich teils mehr als verdoppelt hätten. „Außerdem werden die Preisgelder in Schweizer Franken berechnet, die Nenngelder aber in Euro. Die Folgen, die aus der Verschiebung der Wechselkurse resultieren, haben wir oft angemahnt, aber es ist nichts passiert.“

Die Regeln für die in der Abstufung ein bis fünf Sterne ausgetragenen Turniere werden im Jumping Comittee der FEI abgestimmt, in dem Vertreter des Verbands, der Reiter- und der Veranstaltervereinigung sitzen. In der Vergangenheit seien viele Veränderungen zu Gunsten der Athleten geschehen. „Zum Beispiel zahlen Reiter bei Vier- und Fünfsterneturnieren keine Hotelkosten mehr. Bei Fünfsterneevents sind sogar alle Pferde der Reiter, die für den Großen Preis qualifiziert sind, von allen Gebühren befreit“, sagt Wulff. Diese Kosten müssen die Veranstalter tragen.

Mehrere Traditionsevents mussten bereits aufgeben

Weil man sich untereinander einig sei, die höheren Kosten nicht auf die Eintrittsgelder aufzuschlagen, die im Übrigen sowieso nur maximal 20 Prozent der Gesamteinnahmen darstellten, sei die einzige Chance, mehr Geld zu generieren, die sukzessive Anpassung der Nenngelder. Wulff favorisiert prinzipiell das in den USA praktizierte System, wonach sich die Gebühr pro Pferd prozentual am Preisgeld orientiert und die Veranstalter marktgerecht entscheiden können, auf welchem Niveau sie die Gebühren anlegen.

In Europa sind die Summen festgelegt, bei einem Viersterneturnier zahlt man 350 Euro pro Pferd, damit sind alle Kosten (Versorgung, Stellplatz, Organisation) abgedeckt. Wulff: „Die Lücke zwischen Europa und den USA ist riesig, weil es angeblich dort keine Sponsoren gibt und die Gebühren deshalb in immenser Höhe frei festgelegt werden. Da wollen wir nicht hin, aber der jetzige Zustand ist nicht mehr zu akzeptieren.“

Die Folgen der finanziellen Belastungen seien in Deutschland längst zu beobachten. „Topturniere wie Aachen, Leipzig, Berlin oder Hamburg haben durch ihre mediale Präsenz ganz andere Vermarktungsmöglichkeiten“, sagt Wulff. „Aber alles zwischen zwei und vier Sternen arbeitet im Bereich der Überlebensgrenze. Viele Veranstalter stopfen Löcher mit Erspartem oder Hilfe der Kommunen.“ Traditionsveranstaltungen wie in Bremen, Hannover, Spangenberg oder Hachenburg mussten bereits aufgeben, weil sie finanziell nicht mehr tragbar waren.

Deshalb kann der Derbymacher auch die Argumentation nicht verstehen, wonach eine Nenngelderhöhung den Sport kaputtmachen würde. „Das Gegenteil ist der Fall. Die kleineren internationalen Turniere sind die Basis des Sports. Dort können Jungpferde, für die es nach dem neuen System sogar billiger würde, an die großen Wettkämpfe herangeführt werden und die Reiter, die auch in der Zucht und im Handel aktiv sind, die Kontakte zu potenziellen Käufern knüpfen.“ Wenn diese Basis wegfiele, dann sei der Sport wirklich nur noch für die Reichen zugänglich.

Der Vorwurf, die Veranstalter würden auf hohem Niveau jammern, verärgert Wulff, zumal die zusätzlichen Einnahmen hauptsächlich in Verbesserungen der Infrastruktur investiert werden sollen. „Viele Reiter fordern immer höhere Standards. Mit einer etwas erhöhten Gebühr würden sie letztlich nur die Plattformen mitfinanzieren, die sie sich für ihren Sport wünschen.“ Sollte es auf der Hauptversammlung der FEI im Herbst keine Beschlüsse für die Saison 2018 geben, drohen wie kürzlich in Spanien erlebte Szenarien, dass Veranstalter Gebühren erheben, die ihnen der Weltverband nicht verbieten könne. „Dort mussten alle Reiter für 100 Euro einen Zugangsausweis kaufen, ohne den sie nicht auf die Anlage gedurft hätten“, sagt Wulff. Solche Auswüchse wolle man vermeiden. „Deshalb ist es wichtig, dass wir aufeinander zugehen und ein Umdenken stattfindet, um die Struktur des Springreitsports nicht zu zerstören.“