Hamburg

„Es gab Wetten, wer mich als Erster verletzt“

Christoph Schubert, Kapitän des Eishockey-Oberligisten Crocodiles, erhebt in seiner Saisonbilanz harte Vorwürfe gegen Chefs anderer Clubs

Hamburg. Björn Jensen

Spätestens seit seiner Retter-Aktion für die vom Spielbetrieb abgemeldeten Hamburg Freezers im Mai 2016 ist Christoph Schubert in der Sportstadt Hamburg eine Institution. Bei Spiegeleiern mit Speck, Milchkaffee und Orangensaft in seinem Stammcafé „Die Pampi“ blickt der 35-Jährige auf eine verrückte Premierensaison als Kapitän der Eishockey-Oberligamänner der Crocodiles Hamburg zurück.

Herr Schubert, nach dem letzten Achtelfinalspiel gegen Tilburg am 24. März sagten Sie, dass dringend Erholung nötig wäre. Geht es wieder?

Christoph Schubert: Ich war zwischenzeitlich ziemlich durch im Kopf, das stimmt. Vom Fastabsteiger zum direkten Play-off-Teilnehmer: Keiner konnte erahnen, dass wir eine solche Leistung schaffen würden. Als die Saison vorbei war, ist von allen eine Last abgefallen.

Für Sie musste eine neue Stellenbeschreibung geschaffen werden. Sie waren Spielertrainermanager. Haben Sie sich rückblickend zu viel zugemutet?

Ich möchte klarstellen, dass der Erfolg, den wir hatten, nicht an mir allein festgemacht werden darf. Gemeinsam im Team und mit allen ehrenamtlichen Helfern haben wir es geschafft, und darauf können wir stolz sein. Ich war an der Grenze und manchmal auch darüber. Ich wollte es mir nicht anmerken lassen, aber komplett kann man das auch nicht verheimlichen. Was im Hintergrund alles getan werden muss, um einen perfekten Spieltag zu organisieren, habe ich nicht gewusst und wahrscheinlich auch ein wenig unterschätzt.

Wie haben Sie Ihre Arbeitszeit aufzuteilen versucht? Wie sehr waren Sie noch Spieler, zu wie vielen Teilen schon Manager?

Ich kann das schwer in Anteilen ausdrücken. Aber wenn ich im Stadion war, dann war ich Spieler. Diese Abgrenzung war wichtig. Ich wollte unbedingt spielen und will auch jetzt noch lange nicht aufhören. Eishockey ist mein Leben und als Entspannung für mich total wichtig.

Man sagt ja gern, dass sich gute Spieler dem Niveau des Gegners anpassen. Insofern muss für Sie als NHL-Veteran der Schritt von der DEL in die Oberliga ein übler Rückschritt gewesen sein.

Das habe ich überhaupt nicht so empfunden. Ich hatte 17 Jahre lang nicht in der Oberliga gespielt und wusste nicht, was mich erwarten würde. Aber ich fand, dass die besten acht Teams der Liga auf einem sehr hohen läuferischen und körperlichen Niveau agiert haben. Natürlich kann man es spielerisch nicht mit der DEL vergleichen, aber die Oberliga hat einen großen Sprung gemacht.

Dennoch muss es für Sie eine heftige Umstellung gewesen sein, deutlich weniger zu trainieren als bei den Freezers, dafür aber im Schnitt 45 Minuten Eiszeit zu haben.

Das war hart, keine Frage. Ich habe die Trainingseinheiten dazu zu nutzen versucht, mich zu erholen und Verletzungen vorzubeugen. Für mich war klar, dass ich meine Leistung bringen will, ganz egal, in welcher Liga ich spiele. Anfangs war es schon eine Umstellung, vor allem, weil alle Blicke auf mich gerichtet waren. Aber über die Zeit habe ich meine Rolle als Führungsspieler gefunden.

Nicht nur alle Blicke waren auf Sie gerichtet, die Gegenspieler versuchten auch ständig, Sie zu provozieren oder sogar zu verletzen. Stimmt es, dass es Wetten darauf gab, wer Ihnen als Erstes die Knie zertrümmert?

Das stimmt. Einen anderen Spieler absichtlich verletzen zu wollen, das ist peinlich und hat im Sport nichts zu suchen. Aber es gab Vereinschefs, die Spielern Geld geboten haben, um mich aus dem Spiel zu schießen. Zum Glück haben wir das unterbinden können.

Wie bleibt man ruhig, wenn man so etwas mitbekommt?

Ich bin ja nicht immer ruhig geblieben. Aber ich wusste, dass es letztlich auf mich zurückfällt. Es gab ein Spiel in Wedemark, da habe ich eine Prügelei kurz vor Spielende schlichten wollen und dafür selbst eine Strafe bekommen. Vom Hallensprecher wurde ich danach über Mikrofon als Hurensohn beschimpft. Da habe ich schon daran gezweifelt, ob das alles noch so normal sein kann.

Nun ist die erste Saison mit den Crocodiles Geschichte. Sie haben gewarnt, dass das zweite Jahr das schwerste wird. Warum?

Weil der Welpenschutz wegfällt und die Erwartungshaltung höher ist. Im ersten Jahr werden dir alle Fehler verziehen, niemand kennt dich und deine Tricks. Das fällt im zweiten Jahr alles weg. Damit müssen wir klarkommen, wenn wir den nächsten Schritt machen wollen.

Der Vertrag von Trainer Andris Bartkevics läuft Ende des Monats aus, noch ist unklar, ob er weitermacht. Warum diskutiert man über einen Coach, der solchen Erfolg hatte?

Der Trainer hat gerade eine eigene Firma aufgebaut, deshalb ist es auch seine Entscheidung, ob er es zeitlich überhaupt schafft, einen ambitionierten Oberligisten zu betreuen.

Traut man ihm das denn intern zu? Es hieß, Sie selbst hätten mehrfach Trainingseinheiten geleitet, zudem habe es nur ein Spielsystem gegeben.

Ich habe einige Einheiten geleitet, wenn Andris zeitlich verhindert war. Und ich muss auch die Spieler in die Pflicht nehmen. In der abgelaufenen Saison haben viele ihre Rollen doch sehr frei interpretiert, es gab zu wenig Grundordnung. Da müssen wir im kommenden Jahr besser werden. Jeder muss sich noch mehr an seine Rolle halten.

Sie klingen schon wie ein Trainer. Wäre der Posten des Spielertrainers etwas für Sie?

Ich will mich auf meine Aufgaben als Spieler und Manager konzentrieren. Aber da Sie fragen: Ich habe einen C-Schein und mache in diesem Sommer meine B-Lizenz. Theoretisch wäre ich also bereit. Praktisch will ich es nicht.

Der Dreijahresplan sah vor, den Aufstieg in die DEL2 anzugreifen. Wann ist der wirklich realistisch?

Das kann ich nicht seriös beurteilen. In meiner Rolle als Mahner sage ich: Unser Ziel in der nächsten Saison ist, mindestens Achter zu werden. Ich weiß, dass einige das als Tiefstapelei ansehen. Aber für mich ist das Realismus. Ich habe das Gerede vom Meistertitel bei den Freezers erlebt. Und was haben wir geschafft? Einmal Halbfinale. Deshalb sollten wir uns zunächst konsolidieren. Wir haben ein Fundament gelegt, jetzt müssen wir darauf langsam aufbauen.

Fundament ist ein gutes Stichwort. Über eine neue Arena als Ersatz für die Eishalle in Farmsen wird schon länger diskutiert. Ist sie Bedingung für die DEL2?

Mit einer Ausnahmegenehmigung könnten wir in Farmsen auch DEL2 spielen. Wie lange die gelten würde, müsste man sehen. Wir wollen innerhalb von vier Jahren den Aufstieg anpeilen. Aber wir können nichts erzwingen. Wir wollen alle auf dem Weg mitnehmen. Die Sponsoren, die mit dem „Back to the roots“-Eishockey in Farmsen viel Spaß haben. Die Fans, die die Preiserhöhung bei den Dauerkarten verständnisvoll angenommen haben, weil sie wissen, wofür das Geld benötigt wird. Bei uns soll sich niemand als Kunde fühlen, unsere Sponsoren und Fans sollen bei uns ein zweites Zuhause haben. Deshalb werden wir uns die Zeit lassen, die Schritte gemeinsam zu gehen.

Wie weit sind die Pläne der Ausgliederung der Eishockeysparte aus dem Gesamtverein Farmsener TV gediehen?

Daran wird gearbeitet, aber die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam.

Im Mai jährt sich das Aus der Freezers. Wie werden Sie diesen Tag erleben?

Sicherlich werden viele Bilder von damals wieder hochkommen. Ich war seitdem nie wieder in der Barclaycard-Arena. Bislang hatten meine Mitstreiter und ich keine Zeit, all die Aktionen mal Revue passieren zu lassen. Vielleicht ist der Jahrestag ein guter Anlass dafür.

Sie haben damals mit Ihrer Crowdfunding-Aktion mehr als 500.000 Euro eingeworben. Was ist mit dem Geld passiert?

Leider noch nichts. Der Förderverein, den wir gegründet haben, ist eingetragen. Es fehlt aber noch ein letztes Schriftstück vom Finanzamt, dann können wir loslegen. Viele Spender haben von ihrem Rückrufrecht Gebrauch gemacht, nachdem feststand, dass die Freezers nicht gerettet werden. Aber immerhin 125.000 Euro sind für den Förderverein übrig. Das ist eine stolze Summe, mit der wir einiges tun können.

Was ist Ihnen geblieben davon, als Freezers-Retter in ganz Deutschland bekannt geworden zu sein?

Ein paar gute Freunde, viele Kontakte, aber ansonsten gehe ich gelassen damit um. Ich bin noch der Schuby, der ich immer war. Und jetzt gebe ich meine ganze Kraft dafür, dass wir mit den Crocodiles das Eishockey in Hamburg wieder ganz nach oben bringen.