Hamburg

Die HSV-Formel für den Klassenerhalt

Mathematiker der Uni Potsdam haben errechnet: Die Hamburger brauchen 38 Punkte, um der Relegation in dieser Saison zu entgehen

Hamburg. Die Rechnung ist einfach. Sehr einfach. Gewinnt der HSV alle seine restlichen neun Saisonspiele, bleibt er auch nach 54 Jahren in der Bundesliga. So einfach ist die Theorie. Doch es gibt da eben noch die Praxis. Und die Wahrscheinlichkeit, dass der HSV aus den kommenden neun Spielen 27 Punkte holt, ist gering. Sehr gering. Schließlich holten die Hamburger diese Punktzahl aus den bisherigen 25 Partien. Es wird also noch reichlich gerechnet werden, bis der HSV den Klassenerhalt erreicht. „Ich glaube nicht, dass 40 Punkte reichen“, sagte kürzlich Verteidiger Dennis Diekmeier. Clubchef Heribert Bruchhagen hat dagegen anders gerechnet. „40 Punkte werden in jedem Fall reichen“, sagte Bruchhagen. „Ich wage da aber keine Prognose. Da schauen wir in die Glaskugel.“

Ulrich Kortenkamp von der Universität Potsdam hat keine Glaskugel. Und trotzdem wagt der Mathematiker eine Prognose. Der Professor für Mathematik-Didaktik hat für das Abendblatt gemeinsam mit seinem Kollegen Matthias Ludwig eine umfangreiche Wahrscheinlichkeitsrechnung zum Restprogramm der Bundesliga durchgeführt. Kortenkamp kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: 38 Punkte werden in dieser Saison reichen, um Platz 15 und damit den direkten Klassenerhalt zu erreichen.

„Für den HSV bleibt es aber gefährlich“, sagt Kortenkamp. Seine Prognose ist das Ergebnis einer Wahrscheinlichkeitsrechnung, die zahlreiche Variablen beinhaltet. Die Formel lautet in etwa so: Chancenverwertung + Abwehrstärke + Teamwert + Hinspielergebnisse + Restprogramm = Endplatzierung. Für alle Variablen haben die Mathematiker Werte erstellt und in einem Rechenprogramm millionenfach simuliert. Dabei wurden die Ergebnisse der Rückrunde stärker gewichtet. Herausgekommen sind die Wahrscheinlichkeitswerte der möglichen Platzierungen für jeden Bundesligisten. So wird etwa der FC Bayern München zu 99,9 Prozent mal wieder Deutscher Meister. Dagegen steigen der FC Ingolstadt (91,5) und Darmstadt 98 (99,9) höchstwahrscheinlich ab.

Für den HSV ergeben sich nach der Hochrechnung noch zwölf mögliche Endplatzierungen. So bleibt den Hamburgern noch eine Restchance auf Platz sechs von 0,1 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass der HSV mal wieder in die Relegation muss, ist mit 35,4 Prozent am größten. Kein anderer Club hat so einen hohen Wert für Platz 16. „Die Wahrscheinlichkeit, dass der HSV drinbleibt, ist trotzdem groß“, sagt Kortenkamp und lacht. „Relegation können sie ja.“

Kortenkamp selbst ist bekennender Fan des 1. FC Köln. An diesem Montag startet der HSV mit der Vorbereitung auf das Heimspiel gegen Kortenkamps Lieblingsclub. Der Mathematiker rechnet mit einem starken FC-Stürmer Anthony Modeste – was aber weniger mit der Wahrscheinlichkeit, als mehr mit seinem Wunsch zu tun hat. Zur Freude von Kortenkamp kommt Köln zu 60 Prozent in die Europa League.

Der HSV dagegen kann mit einem Heimsieg gegen Köln die Wahrscheinlichkeit auf den direkten Klassenerhalt auf 75 Prozent erhöhen. Die Hamburger bräuchten dann nur noch drei weitere Siege, um die 38-Punkte-Marke zu knacken und sicher in der Liga zu bleiben. Seit Einführung der Dreipunkteregel 1995 stieg nur ein Verein mit 38 Punkten direkt ab: Der Karlsruher SC 1997/98.

Wolfsburg hat rechnerisch gute Karten, Augsburg nicht

Von den fünf Mannschaften, die zwischen Platz zwölf und 16 aktuell nur zwei Punkte trennen, hat Wolfsburg rechnerisch die beste Chance, sich zu retten. Der FC Augsburg wird es der Prognose nach dagegen schwer haben. Entscheidend für das Ergebnis ist hierbei das Restprogramm. „Es sieht so aus, als ob unten noch einmal alles enger zusammenrückt“, sagt Markus Gisdol.

Der HSV-Trainer ist zwar ein rationaler Typ, doch auf die Rechnung der Mathematiker wird er sich sicher nicht verlassen. Und auch Kortenkamp schränkt ein, dass seine Ergebnisse letztlich eben nur Wahrscheinlichkeiten sind und keine Wahrheiten. „Wenn man alles vorhersagen könnte, würde es ja keinen Spaß machen“, sagt Kortenkamp. „So wie es keinen Spaß macht, dass Bayern München mal wieder Meister wird.“ Auch wenn eine Restchance von 0,1 Prozent besteht, dass RB Leipzig noch Meister wird. So etwas würde in 1000 Jahren aber höchstens einmal vorkommen, sagt Kortenkamp.

Sein Rechenmodell gibt es unter www.fussball-mathe.de auch zum Selbermachen. So kann man etwa den Ausgang der Spiels zwischen dem HSV und dem 1. FC Köln eintragen und die Wahrscheinlichkeitsrechnung neu simulieren. Dass die Hamburger das Pokalspiel vor sieben Wochen gewannen, spielt dabei indes keine Rolle. Köln-Fan Ulrich Kortenkamp formuliert die Ausgangslage ganz im Stile eines Mathematikers: „Der FC hat noch eine Rechnung offen.“

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