Hamburg

Traditionsreicher Sport: Flüchtlinge retten den Faustball

Naser Niroomand
(v.) hilft Claus
Ehlbeck (hinten r.)
bei der Organisation
der Flüchtlings-Faustballgruppe

Naser Niroomand (v.) hilft Claus Ehlbeck (hinten r.) bei der Organisation der Flüchtlings-Faustballgruppe

Foto: Marcelo Hernandez

Der Sport schien noch vor Kurzem dem Tode geweiht. Nun haben Flüchtlinge ihn wieder belebt.

Heute sind 14 Spieler gekommen, wieder zwei mehr. Die Sporthalle an der Gustav-Falke-Straße füllt sich. Warmmachen. Einige Spieler haben schon rote Trikots angezogen. Wenn auch keine einheitlichen. Es sind Spenden, abgelegte Sachen aus anderen Abteilungen. Mohamed Marfavi leitet die ersten Übungen. Trippelschritte, Dehnen, Laufen, Dehnen. Der 40-Jährige weiß, was er da macht. Und er spricht die Sprache der Sportler. Er war im Iran Beach­soccer-Trainer. Aber jetzt ist er in Hamburg, jetzt ist so vieles neu. Auch der Sport, den er gerade mit den anderen Geflüchteten entdeckt: Faustball.

Mehdi ist 34 und war im Iran Fußballprofi. In Teheran, sagt er. Sportlich ist er auf jeden Fall, und dass er etwas mit einem Ball anzufangen weiß, ist auch zu sehen. Er streckt also den Arm und spielt den Ball mit einem Unterarm hinüber zu Mansour. Der 29-Jährige ist seit gut einem Jahr in Hamburg, er möchte als Krankenpfleger arbeiten, er spricht das beste Deutsch in der Gruppe. Er ist der Dolmetscher. „Es ist nicht gut, immer nur im Camp zu sein“, sagt er also: „Sport ist gut. Aktivität ist gut. Sonst kann man nichts tun und wird müde im Kopf. Faustball ist gut.“

Ein uraltes Spiel

Uwe Sötje ist 79 Jahre alt. Mit wachen Augen und etwas ungläubig schaut er sich das Geschehen an. Er ist ein Urgestein im Eimsbütteler TV. Ein alter Faustballer, in jedem Sinn. Er leitet die Seniorengruppe, ist immer noch jeden Donnerstag aktiv und hat die Silberne Ehrennadel des Vereins erhalten. Seine Gruppe war so etwas wie der letzte, kümmerliche Rest aus einer großen Sportvergangenheit. Aber hier, hier sieht er jetzt so etwas wie eine Zukunft.

Faustball. Da schwingt immer so etwas Archaisches mit. Ein Spiel mit langer Tradition, das von Turnern als Ausgleich zu den Übungen an Gerät und Boden gepflegt wurde. Man sieht sie ja geradezu vor sich, die deutschen Turner, wie sie auf einer Wiese den Ball über eine Leine schlugen. Als sich 1923/24 in Deutschland das Turnen und die angelsächsisch beeinflussten (Spiel-)Sportarten organisatorisch trennten, blieben die Faustballer treu dem Turnen verbunden. Noch heute sind sie unter dem Dach des Turnerbundes organisiert.

220 Verbände gibt es weltweit

Von Deutschland aus wurde Faustball in Kolonialzeiten in alle Welt exportiert. Namibia, Argentinien, Brasilien – überall wird Faustball gespielt. Natürlich auch in Österreich, der Schweiz und Südtirol. 69 Nationen sind derzeit Mitglied im internationalen Verband. Insgesamt aber hat das verwandte Volleyball dem deutschen Spiel längst den Rang abgelaufen, 220 Verbände gibt es weltweit.

Im deutschen Faustball aber gehörte Hamburg stets zu den Hochburgen. Im ETV fanden sich die ersten Spieler 1896 zusammen, seit 1913 gab es eine Frauenmannschaft. 15 deutsche Meistertitel spielten die Eimsbütteler ein. Ihr größter Star war Peter Ehlbeck.

„Ehlbecks Rasanz haut alle um“, heißt es in alten Presseberichten, und: „Kein Kraut gegen Ehlbeck.“ Sogar als „Fritz Walter des Faustballs“ huldigten die Blätter damals dem Angriffsspieler, der mit seinem „Hammerschlag“ für die jahrelange Dominanz der Eimsbütteler in Norddeutschland verantwortlich war. Bis zu 40.000 Zuschauer sahen dabei zu.

Zweimal Weltmeister

Peter Ehlbeck war Kapitän der Nationalmannschaft und holte viermal die deutsche Meisterschaft mit dem ETV: 1947, 1948, 1954 und 1962. Welt- und Europameisterschaften gab es zu seiner aktiven Zeit noch nicht. Sein Sohn Claus Ehlbeck setzte die Familientradition fort und wurde zweimal, 1979 und 1982, Weltmeister. Das Silberne Lorbeerblatt des Bundespräsidenten dafür hat einen Ehrenplatz im Wohnzimmer des Niendorfers.

Schon sind wir wieder in der Gegenwart. „Claus ist der Beste“, sagt Naser Niroomand. Mit dem 53 Jahre alten Iraner hat die außergewöhnliche Renaissance des deutschen Spiels im ETV ­begonnen. Sozusagen. Vor 15 Monaten war er mit seiner Familie – Frau, zwei Töchter, zwei Schwiegersöhne – nach Hamburg gekommen. Erstaufnahme-Unterkunft. Keine Arbeitserlaubnis. Rumsitzen, Langeweile. Das Flüchtlingssportangebot des ETV kam da gerade recht. Bewegungsspiele für alle, Ehlbeck leitete die Gruppe ehrenamtlich. „Ein stetes Kommen und Gehen war das“, erinnert er sich, „Verlässlichkeit, Planbarkeit, das alles gab es nicht. Das war auch nicht zu erwarten.“

Eine erfüllende Aufgabe

Die Menschen mussten ankommen in ihrer neuen Heimat, hatten Behördentermine, wurden in andere Unterkünfte weitergeschoben, hatten auch mal keine Lust. Dies, das und jenes. Schwierig. Und trotzdem: „Sport verbindet eben doch“, sagt Ehlbeck.

62 Jahre ist er gerade alt geworden, der Immobilienkaufmann im Ruhestand leitet seit einiger Zeit die Faustballabteilung im ETV, nutzt seine Freizeit für ehrenamtliche Tätigkeiten: „Der Sport hat mir viel gegeben in meinem Leben, und jetzt gebe ich etwas zurück.“ Es ist auch für ihn eine erfüllende Aufgabe, in der er aufgeht. Ausflüge wurden mit den Flüchtlingen organisiert, Planten un Blomen, Niendorfer Gehege, Grillen, Lachen, Freundschaften schließen. Und irgendwann hat Ehlbeck seinen neuen Freund Naser mal mitgenommen zum Faustball, zu „seinem“ Sport.

Da war ja nicht mehr viel. Der Versuch, eine Jugendmannschaft im Verein aufzubauen, war vor etwa 15 Jahren schon gescheitert. Ehemalige Bundesligaspieler spielten zwar als Seniorentruppe noch zusammen und waren sehr leistungsstark, wurden 2014 deutsche Meister bei den „Männern 45“, aber sie waren auch eine Gruppe für sich und wechselten nach internen Querelen vor zwei Jahren schließlich nach Kellinghusen. Es gab eine Abteilung, aber nur wenig Sportler – und eigentlich keine Zukunft.

Dann kamen die Iraner und andere Geflüchtete. Es sprach sich rum in den Unterkünften im Stadtteil. Da ist was los. Naser, der in seiner Heimat Volleyball gespielt hat, ist ein Sportverrückter, klein und drahtig. Ihm hilft der Sport auch zu verdrängen. Inzwischen wurde schon einmal sein Asylantrag abgelehnt, auch die eine Tochter soll mit ihrem Mann „zurückgeführt“ werden, die andere hat mittlerweile ein Kind in Hamburg geboren.

Leben von Tag zu Tag

Es geht voran und doch nicht. Ein Leben von Tag zu Tag, zwischen Euphorie und Angst. Eine eigene Wohnung in der Folgeunterkunft, die Grillabende mit Familie Ehlbeck, die Panik, wenn wieder ein Brief von der Behörde kommt, den sie häufig nicht verstehen. So nicht und so nicht – nicht sprachlich und auch nicht inhaltlich. „Es ist schwer“, sagt Naser, „aber Hamburg ist schön, und Claus und der Faustball helfen mir.“

18 neue Mitglieder hat der ETV inzwischen in der Faustballabteilung aufgenommen. Die Beitragskosten trägt der Verein. Aber irgendwann, irgendwann sollen sie selbst dafür aufkommen können. Wenn die Zukunft gesichert ist und das neue Leben. Bei Mohamed ist jetzt ein großer Schritt gelungen, der HSV, der große HSV, hat ihn als Trainer für seine Beachsoccer-Abteilung verpflichtet. Ein Job, eine Perspektive. „Ich habe viele Ideen für die Zukunft“, sagt er. „Seiner“ Faustballgruppe will er trotzdem treu bleiben. Seit drei Monaten ist er dabei, „ich liebe es“, sagt er, „alle kommen hierher, auch die Kinder spielen mit. Ich hoffe, wir können alle zusammenbleiben.“

Auch zwei Frauen mischen hier munter mit, einige Kinder. „Gestandene“ Faustballer aus Vereinen außerhalb Hamburgs sind auch dabei, alles mischt sich, trainiert zusammen. Einmal in der Woche fährt Ehlbeck mit seiner Gruppe im Gegenzug im ETV-Kleinbus zum Training nach Pinneberg. So kann man der Hallenknappheit entgehen, schafft neue Kontakte. „Sie haben in der kurzen Zeit schon viel gelernt, sind teilweise echt schon gut“, sagt Jonas Steffens vom TSV Essel, „ich bin echt erstaunt, wie viele hier jetzt schon spielen.“

Christian Sondern wohnt in Hamburg, ist aber der Schulsportbeauftragte für Niedersachsen. Auch er steht in der Halle in der Gustav-Falke-Straße und schaut sich das wieder rege Treiben mit Interesse an, bespricht mit Ehlbeck neue Projekte. Rivalität gibt es praktisch nicht. „Claus kennt einfach jeden.“ Vor wenigen Wochen erst hat sich Ehlbeck zum Faustball-Fachwart im Hamburger Verband für Turnen und Freizeit wählen lassen. Der einstige Weltklasse-Schlagmann will nun für seinen Sport punkten. „Hamburg ist in Deutschland der einzige Landesverband ohne Jugendabteilung“, sagt er. Auch das soll sich ändern.

Feriencamp mit Nationalspielerinnen

Ein Feriencamp mit den Nationalspielerinnen Seike Dieckmann und Charlotte Salzwedel lief beim ETV mit zehn Kindern bereits erfolgreich. Dabei war auch Arsham (7), der Sohn eines Flüchtlings. Und Seike Dieckmann wird ab Herbst für die KiJu des ETV Faustball an acht betreuten Schulen anbieten. Es tut sich etwas, ein traditioneller Sport scheint in Hamburg zu neuem Leben erweckt – ganz entscheidend auch durch Flüchtlinge aus dem Iran.