Seoul/Hamburg

Nur die Begeisterung fehlt noch

In genau einem Jahr beginnen die Olympischen Winterspiele 2018 in Südkorea. Die Sportstätten und Hotels sind bereit, das Volk noch nicht

Seoul/Hamburg.  Man muss gar nicht lange suchen, um eine Verbindung herzustellen zwischen der weltweit bekanntesten Packung Macadamianüsse und den Olympischen Winterspielen 2018. Noch genau ein Jahr ist es bis zur Eröffnung des Eis- und Schneespektakels in Pyeongchang. Man spricht das in etwa „Pjöng-tschang“ aus und bloß nicht „Pjöng-jang“! Das wäre ein paar Kilometer weiter nördlich. Und die wenig sportliche Disziplin, die ein gewisser Kim Jong-un dort in Nordkoreas Hauptstadt kultiviert, nennt sich Diktatur.

Nein, dieses Pyeongchang liegt im Süden der koreanischen Halbinsel und wird nach aller Erwartung ein kompakter, perfekter Austragungsort für Winter-Olympia 2018 sein. Und schon damit ein Gegenentwurf zu Wladimir Putins gigantomanischem Sotschi 2014.

Nur kämpft auch dieses Pyeongchang mit Widrigkeiten, die die Olympier gar nicht zu verantworten haben. Das liegt an dem, was viele schon den südkoreanischen Fluch nennen. Obwohl der Mischkonzern Samsung wieder Rekordgewinne abwirft, hat das Image unter dem Desaster mit dem Smartphone Galaxy Note 7 gelitten. Die Akkupannen haben ein ganzes Volk in Atem gehalten. Denn Samsung mit seinen Fernsehern, Chips und Handys, das ist ein Teil der südkoreanischen Seele.

Und diese Seele kocht, weil sich die umstrittene Präsidentin Park Geun-hye von einer zwielichtigen Beraterin beeinflussen ließ. Das große Wort von einer Staatskrise ist nach Verhaftungen und Massenprotesten angebracht.

Derweil war die Mega-Reederei Hanjin in die Pleite gerutscht, was weltweite Auswirkungen hatte und als Schockwelle im Hamburger Hafen zu spüren war. Bei Hanjin war Topmanager Cho Yang-ho im Vorstand, außerdem bei Korean Air. Seine Tochter Cho ­Hyun-an fiel in den USA dadurch auf, dass sie im startbereiten Flieger in New York ausrastete, weil ihr ein Flugbegleiter die Macadamianüsse in einer Tüte statt im Schälchen serviert hatte. Der Jet musste ans Gate zurückkehren. Töchterchen wurde später wegen gefährlichen Eingriffs in den Flugverkehr zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Papa Cho, durch Hanjin-Pleite und Skandaltochter gebeutelt, trat im vergangenen Jahr vom Chefposten im Komitee der Winterspiele zurück. Und die Südkoreaner befiel die leise Vermutung, dass ihr von Pleiten, Pech und Pannen gebeuteltes Land jetzt alles braucht, aber nicht die Beachtung durch das wichtigste Sportereignis überhaupt.

So ist die Olympiabegeisterung in diesen Tagen noch ausbaufähig, da die Tickets und Pauschalreisen weltweit angeboten werden. Während praktisch alle Sportstätten im Bau weit fortgeschritten, testbereit oder fertig sind, lahmt der Elan etwas.

Dabei sind die Südkoreaner, früher die Preußen Asiens, auch als Sportnation Exportland geworden. Heung-min Son reüssierte beim HSV, jetzt bei Tottenham; Ha Seung-jin trumpfte in der US-Basketballliga NBA auf; Baseballspieler, Golfer – die Erfolge lassen sich auch an Statistiken ablesen. In Sotschi Platz 13 im Medaillenspiegel für Südkorea, hinter China, aber vor Japan. In Rio 2016 Platz acht, hinter China (3) und Japan (6). Im Fußball Zweiter der Asienmeisterschaft, Trainer: Uli Stielike.

Maos Erben sowie die ehemaligen Besatzer aus dem Kaiserreich werden in Seoul kritisch beäugt. Und der Norden mit Diktator Kim? „Wir sind ein Land“, sagt Jakob Lim, Sportdirektor im Organisationskomitee Pyeongchang 2018. Und das meint er sanftmütig. Die Sportler aus dem Norden, die über Peking anreisen müssen, weil es keine normalen Direktverbindungen über den 38. Breitengrad hinweg gibt, würden wie Landsleute behandelt, sagt Lim. „Wir haben große Sehnsucht nach einer Wiedervereinigung.“

Was Pyeongchang 2018 dazu beitragen kann, ist ungewiss. „In jedem Fall werden wir kompakte Spiele haben, die sich auf einem überschaubaren Areal abspielen werden und von der Hauptstadt Seoul gut erreichbar sind“, sagt Martin Hyun (37), Vizedirektor Eishockey der Spiele. Er hat viele Jahre bei den Krefeld Pinguinen in der DEL gespielt und sich für Integration durch Sport engagiert. Eins seiner Bücher heißt „Ohne Fleiß kein Reis. Wie ich ein guter Deutscher wurde“.

Die Skigebiete, Hallen und Schanzen liegen in einem Gebiet, das durch Kunstschnee sichere Sportbedingungen bieten wird. Die Hotels orientieren sich nicht nur im Namen (wie das Alpensia Resort) am Besten, was Europa zu bieten hat. Und mit der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke liegt Olympia von der Mega-City Seoul nur 73 Bahnminuten entfernt. Gut zweieinhalb Stunden soll es mit dem Intercity-Bus dauern.

Deshalb werden gar nicht so viele Hotels extra gebaut, fließt die Gestaltung der Sportstätten schon in die Nachnutzung ein. Eine Eishockeymannschaft wird nach Olympia und Paralympics neu aufgebaut, Hallen für die Universitäten umgewidmet. Die Nachhaltigkeit als Idee aus der Olympischen Charta wird hier so gut es geht hochgehalten.

Und der Hotelmogul des Landes, Shin Kyuk-ho, sponsert schon jetzt Wintersportarten, um für Pyeongchang 2018 zu werben. Der Mann hat einen Spleen für Deutschlands Nationaldichter Goethe und dessen „Werther“. Weil Shin seinen ganzen Konzern nach der Frauenfigur aus dem Buch benannte, fahren derzeit alle Athleten bei Skiwettbewerben mit ihrer Startnummer und einem Banner auf der Brust durch Südkoreas Schnee: „Lotte“.