Fußball

Die neuen TV-Milliarden nützen vor allem den Reichen

Neue Serie: Der deutsche Profifußball feiert Jahr für Jahr Rekorde. Doch lauern in dieser Entwicklung auch Gefahren.

Hamburg. Ein Quantensprung“, „ein Vorstoß in eine neue Dimension“ – so oder ähnlich wurde der neue Fernsehvertrag der Deutschen Fußball Liga (DFL) gefeiert, der von der kommenden Saison an vier Jahre lang gültig sein wird. Statt bisher 680 Millionen Euro werden künftig im Schnitt 1,16 Milliarden Euro pro Saison auf die jeweils 18 Clubs der Bundesliga und der Zweiten Liga verteilt – und zwar allein aus der nationalen Vermarktung der Medienrechte.

Auf den ersten Blick war dies eine tolle Nachricht, die ungeteilte Freude hätte hervorrufen müssen. Gab es doch einen Geldsegen zu feiern, der die Clubs international wettbewerbsfähiger macht, auch wenn die Engländer in dieser Hinsicht noch weit voraus sind.

4-Säulen-Prinzip

Doch der Jubel über den von DFL-Geschäftsführer Christian Seifert ausgehandelten Deal mit den verschiedenen TV-Sendern währte nur kurz. Die erhebliche Einnahmesteigerung weckte umgehend massive Begehrlichkeiten einzelner Clubs sowie der zu einer Interessengemeinschaft („Team Marktwert“) zusammengeschlossenen Bundesligisten und führte zu einem harten Kampf um die künftige Verteilung der Gelder.

Die Führung der DFL sah sich daher gezwungen, das bisherige Modell, in dem ausschließlich das sportliche Abschneiden in den vergangenen fünf Jahren berücksichtigt wurde, zu verändern. Künftig spielen also noch drei andere Kriterien (siehe Info-Kasten) eine Rolle bei der Frage, welcher Club wie viel vom Milliarden-Kuchen erhält.

München erhält 93,4 Millionen mehr als Leipzig

Das Ergebnis ist ein kompliziertes Konstrukt, bei dem DFL versucht hat, es irgendwie allen recht zu machen. Die einen wollten ihren sportlichen Erfolg belohnt sehen, andere ihre bundesweite Popularität, wieder andere ihre große Tradition, oder auch ihre gute Nachwuchsarbeit und die Integration von eigenen Talenten ins Profiteam. Im Grunde hatte jeder Club einen Grund parat, warum gerade er an der Steigerung noch ein bisschen mehr als die anderen teilhaben müsse. Was für eine Entwicklung gegenüber den Anfängen der Fernsehgeld-Verteilung. Da gab es doch tatsächlich noch bis Ende der 90er-Jahre für jeden Erstliga-Club schlicht und einfach denselben Betrag.

Von dieser Art „Sozialismus“ im kapitalistischen Profifußball ist man inzwischen weit entfernt. Vielmehr erhalten künftig zwar alle Clubs der Ersten und Zweiten Liga mehr Geld als heute, doch in beiden Ligen profitieren die jeweils Führenden der sogenannten TV-Tabelle nicht nur absolut sondern auch proportional weitaus mehr als die unteren Clubs. Hinzu kommt, dass künftig die Zweite Liga im Vergleich zur Bundesliga anteilig weniger Geld als bisher erhält. Das Verhältnis von 80:20 Prozent, das bisher zumindest noch für die nationale Vermarktung der Medienrechte galt, ist dann aufgehoben.

„Gesamtkonstrukt nicht so schlecht"

„Das Gesamtkonstrukt ist insgesamt nicht so schlecht“, sagt Andreas Rettig, der kaufmännische Geschäftsführer und derzeitige Interims-Sportchef des FC St. Pauli. Diese Aussage überrascht zunächst ein wenig, hatte er selbst doch vor rund einem Jahr einen eigenen Vorschlag veröffentlicht, der eine ganz andere Idee beinhaltete. Und so legt Rettig im Gespräch mit dem Abendblatt dann auch einen ganz entscheidenden Satz nach: „Die Schwerpunkte sind falsch gesetzt.“

Rettig, in früheren Jahren selbst DFL-Geschäftsführer, prangert an, dass die sogenannte „Spreizung“ zwischen den Topteams und den Clubs am unteren Ende der TV-Tabelle beider Ligen durch den neuen Verteilerschlüssel noch gravierender wird. Kurzum: die reichen Clubs werden reicher und hängen die armen weiter ab, auch wenn diese ebenfalls etwas mehr Geld erhalten. Auch Vertreter anderer, vom Geldsegen ebenfalls weniger gesegneter Clubs, fürchten daher inzwischen eine „Spaltung der Liga“.

Zahlen sind eindrucksvoll

Die Zahlen, die diesen Thesen zugrunde liegen, sind durchaus eindrucksvoll. Bisher bekam der Erste der Bundesliga-TV-Tabelle 5,8 Prozent der Gesamtsumme aus der nationalen TV-Vermarktung und der Tabellen-18. immerhin noch 2,9 Prozent. Das „Spreizverhältnis“ lag also bei 2:1. Von der kommenden Saison an verändert sich dieser Wert auf 2,5:1. Das mag zwar auf den ersten Blick noch nicht nach einer dramatischen Veränderung aussehen, doch bei den konkreten Zahlen wird der immense Vorteil des Führenden, im konkreten Fall Bayern München, deutlich.

70,1 Millionen Euro erhält dieser künftig, während sich der 18. mit 27,6 Millionen Euro begnügen muss. Dass derzeit in der maßgeblichen TV-Tabelle, wenn man sie auf die aktuelle Saison anwendet, ausgerechnet RB Leipzig Letzter ist, mag man mit einem gewissen Vergnügen betrachten, wird aber angesichts des finanziellen und sportlichen Potenzial des Überfliegers mittelfristig eine Momentaufnahme bleiben. Künftig werden hier Clubs wie Darmstadt, Ingolstadt oder Braunschweig stehen.

Krasse Diskrepanz

Nimmt man noch die Verteilung der Gelder aus der Vermarktung der Bundesliga-Rechte im Ausland hinzu, wird die Diskrepanz noch krasser. Aus diesem Topf fließen künftig 53,9 Millionen Euro an den FC Bayern München und gerade noch drei Millionen Euro an RB Leipzig. In der Addition bekommt also der FC Bayern aus der gesamten medialen Bundesliga-Vermarktung 124 Millionen Euro und damit mehr als das Vierfache als das TV-Tabellen-Schlusslicht RB Leipzig (30,6 Millionen Euro) – in konkreten Zahlen 93,4 Millionen Euro mehr, und das Jahr für Jahr.

Dabei sind die zweistelligen Millionen-Einnahmen der deutschen Topclubs aus der Champions League als weiterer Vorteil gegenüber den „normalen“ Erstligisten noch gar nicht berücksichtigt. Der HSV bekäme im Übrigen in der Bundesliga rund 45 Millionen Euro aus den vier Säulen der nationalen TV-Vermarktung.

Weitere Einschränkung des Wettbewerbs

Andreas Rettig befürchtet angesichts dieser Dimensionen eine weitere Einschränkung des Wettbewerbs innerhalb der Liga und eine noch größer werdende Erwartbarkeit und damit Langeweile an der Spitze. Daraus folgt nach seiner Einschätzung ein weiteres Szenario: „Der Leidensdruck wird so groß, dass man die durch die TV-Geld-Verteilung entstehende Lücke nur noch durch externe Geldgeber wird schließen können“, sagt er. Schon in naher Zukunft erwartet Rettig, dass die Rufe wieder lauter werden, Investoren doch zu ermöglichen, die Mehrheit an einem Club zu erwerben. „Ich halte das ganze Konstrukt für die Vorbereitung auf den Wegfall der 50+1-Regel“, sagt er daher.

In der Zweiten Liga wird die Diskrepanz zwischen dem Ersten und dem Letzten der TV-Tabelle von der kommenden Saison an ähnlich groß sein – wenn auch auf einem wesentlich niedrigeren Gesamtniveau. Projiziert man die neue Verteilung auf die aktuelle Besetzung der Zweiten Liga so wird Hannover 96 als Nummer eins der TV-Tabelle 26,64 Millionen Euro erhalten, für die Würzburger Kickers blieben als Letzter noch 8,64 Millionen Euro übrig.

Vorstufe zu einem „closed shop"

Angesichts des erheblich niedrigeren Gehaltsniveaus in dieser Spielklasse und auch sonst geringerer Einnahmemöglichkeiten ist ein solcher Vorteil von 18 Millionen Euro nicht annähernd kompensierbar. Der FC St. Pauli könnte einen Betrag von 11,88 Millionen Euro einstreichen. Dafür müsste ihm dann allerdings der Klassenerhalt gelingen.

„Die Absteiger aus der Bundesliga, die dann in der TV-Tabelle der Zweiten Liga an der Spitze stehen, erhalten künftig so viel Geld mehr, dass man sich schon sehr dusselig anstellen muss, wenn man nicht direkt wieder aufsteigt“, sagt Rettig. „Der Wettbewerb in der Zweiten Liga wird praktisch außer Kraft gesetzt. Man kann dabei zwar von einem Fahrstuhl sprechen, der ist dann aber vergoldet.“ Es gebe de facto einen „Fallschirm“ für die Absteiger aus der Bundesliga. „Das ist die Vorstufe zu einem ,closed shop’“, prangert Rettig an.

Weitere ungesunde Entwicklung

Das soll heißen: Es werde künftig 20 oder 21 Bundesliga-Clubs geben, von denen zwei oder drei jeweils für ein Jahr in der Zweiten Liga spielen, um dann gleich wieder aufzusteigen. „Künftig werden nur noch ganz wenige Clubs, von unten in diesen Kreis der Top 21 eindringen können. Es wird Aufstiegsmärchen, wie es zuletzt Darmstadt 98 mit dem Sprung aus der Dritten in die Zweite Liga und dann gleich in die Bundesliga geschafft hat, praktisch nicht mehr geben“, sagt Rettig.

Die großen Unterschiede bei der TV-Geld-Anteile haben nach Rettigs Einschätzung schon zu einer weiteren ungesunden Entwicklung geführt. „Die Solidarität innerhalb der Zweiten Liga ist ins Wanken geraten. War die Liga bisher immer als Block aufgetreten, so ist jetzt klar, dass die ersten drei, vier Clubs sehr zufrieden mit der neuen Regelung sind, während sich die anderen klar benachteiligt fühlen“, sagt er.

Aufstiegschance für Außenseiter noch kleiner

Der HSV würde bei einem Abstieg aus der Bundesliga im Übrigen noch ein wenig mehr als Hannover 96 erhalten, weil er in den maßgeblichen Rankings etwas höher angesiedelt ist. Dennoch würde er gegenüber einer Bundesliga-Zugehörigkeit mehr als 15 Millionen Euro weniger an TV-Geld bekommen.

Bleibt die Frage, warum sich Rettig, aber auch noch viele andere Funktionsträger im deutschen Profifußball so dagegen wehren, dass Investoren Mehrheitseigner der Clubs werden können. „Kapitalgesellschaften und Investoren definieren ihre Teilhabe an Clubs anders als normale Mitglieder. Entweder wollen sie damit Geld verdienen, ihre Produkte bekannter machen oder ihre Eitelkeit befriedigen“, sagt Andreas Rettig. „Solche Investoren schauen natürlich darauf, wo sie ihre Erlöse schnell steigern können.

Aus Überzeugung gegen den Strom

Genau deshalb sind die Eintrittspreise in England heute so hoch, dass viele Fans damit quasi vom Fußball ausgeschlossen werden. Bei einem Investoren-Club, in dem der Mutterverein und damit seine Mitglieder nichts mehr entscheiden können, wird so etwas einfach durchgesetzt. Damit wird die Romantik, die die Bundesliga für viele immer noch hat, am Ende zerstört“, zeichnet Rettig ein düsteres Zukunftsbild.

Für seinen eigenen Club aber sieht er trotz allem eine Chance, Nischen zu finden. „Es ist keine Lösung, sich schmollend zurückzuziehen. Wir haben ja auch deshalb gewisse Vermarktungserfolge, weil unser Club bei manchen Themen aus Überzeugung gegen den Strom schwimmt und für Werte steht. Das gilt es zu bewahren, auch wenn bei uns die Bälle nicht mehr schwarz-weiß und aus Leder sind“, sagt er.

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