HSV-Handballer

„Bei uns wurden nur Trikot, Fahrt und Bier bezahlt“

Drei Generationen
HSV-Handball:
Felix
Mehrkens (l.), Martin
Schwalb (M.) und
Hans-Jürgen
Bode

Drei Generationen HSV-Handball: Felix Mehrkens (l.), Martin Schwalb (M.) und Hans-Jürgen Bode

Foto: Thomas Metelmann

Mehrkens, Schwalb, Bode: Das Abendblatt bat die Vertreter dreier HSV-Generationen zum Gespräch über alte Zeiten.

Hamburg.  Zurück in die Zukunft: Exakt 365 Tage nach dem bisher letzten Auftritt in der Barclaycard-Arena kehrt der Handball-Sport-Verein Hamburg am zweiten Weihnachtstag (17 Uhr) für das Drittligaspiel gegen den DHK Flensborg in seine alte Spielstätte zurück. Mehr als 7200 Karten sind bereits verkauft. Ein einmaliges Gastspiel – oder der Anfang einer neuen Erfolgsgeschichte des deutschen Meisters (2011) und Champions-League-Siegers (2013)?

In jedem Fall ist es eine gute Gelegenheit, um zurück- und vorauszublicken. Das Abendblatt bat die Vertreter dreier HSV-Generationen zum Gespräch: den langjährigen Nationaltorhüter Hans-Jürgen Bode (75), der von 1963 bis 1976 für den HSV spielte und 68 Länderspiele bestritt, den 193-maligen Nationalspieler, früheren Erfolgstrainer und heutigen Vizepräsidenten Martin Schwalb (53) sowie den aktuellen Linksaußen Felix Mehrkens (22).

Herr Bode, haben Sie einmal mit dem HSV vor mehr als 7000 Zuschauern gespielt?

Hans -Jürgen Bode: Sogar vor 11.000, in Cluj. Wir waren Ende der 60er-Jahre die erste westdeutsche Mannschaft, die durch Rumänien reisen durfte. Es war ein Freundschaftsspiel, der Gegner war praktisch die Nationalmannschaft. Das war eine wunderschöne Tour!

Bei Ihnen liegt dieses Erlebnis erst ein Jahr zurück, Herr Mehrkens. Wie sehr haben Sie das Gefühl vermisst, in die Barclaycard-Arena einzulaufen?

Felix Mehrkens: Ich finde es genauso schön, in die Sporthalle Hamburg einzulaufen. Es ist unfassbar, was unsere Fans für eine Stimmung machen. Dadurch, dass die Halle kleiner ist, wirkt es umso lauter. Beides ist unbeschreiblich.

Flackert am zweiten Weihnachtstag ein letztes Mal die große Vergangenheit auf, oder bekommen wir schon einen Ausblick auf die Zukunft des HSV?

Martin Schwalb: Es könnte schon ein Vorgeschmack sein und auch unsere Ambitionen deutlich machen. Wir sind glücklich in der Sporthalle Hamburg, es macht richtig Spaß, dort zu spielen. Aber wir wollen möglichst viele Hamburger begeistern. Fragen Sie mich am besten in drei Jahren noch einmal.

Wenn der HSV wieder Bundesliga spielt?

Schwalb: Ich schaue nicht gern in die Glaskugel, auch wenn wir derzeit viel nach Gefühl agieren müssen. Uns fehlen in der Dritten Liga in Hamburg ja die Vergleichswerte aus der Vergangenheit. Und bisher sind wir überwiegend positiv überrascht. Aber eines ist klar: Wir sind ein Leistungssportverein und wollen allen Hamburger Talenten die Chance geben, sich auf großer Bühne zu entfalten. Und dafür wollen wir nach oben.

Der HSV war in den 60er- und 70er-Jahren auch eine rein Hamburger Mannschaft.

Bode: Das war der Schlüssel zum Erfolg, weil es den Zusammenhalt in der Mannschaft befördert hat. Es ging ja in den 60er-Jahren los damit, dass internationale Spieler auf dem Markt waren. Ein Weltklassemann wie Hansi Schmidt, der sich 1963 von der rumänischen Nationalmannschaft absetzte, hätte auch bei uns spielen können. Das war keine Frage des Geldes, davon hatten wir genug. Bei uns war die Halle mit 4000 Zuschauern ja immer rappelvoll. Aber es hätte bedeutet, auch allen anderen das gleiche Gehalt zu zahlen – oder zumindest darüber zu diskutieren.

Wie viel Geld erhielten Sie denn damals?

Bode: Wir haben umsonst gespielt. Gezahlt wurden Trikot, Fahrt und das Bier hinterher. Wir waren nicht nur offiziell Amateursport, es gab auch unterm Tisch kein Bargeld. Nach meiner Überzeugung hat uns genau das stark gemacht. Bis uns irgendwann in den 70er-Jahren der gute Nachwuchs ausging.

1976 ist der HSV aus der Bundesliga abgestiegen. Davon hat sich der Handball in Hamburg nie richtig erholt.

Bode: Weil es die erforderlichen Strukturen nicht mehr gab. Jenseits des Fußballs gab es beim HSV nur Amateursport und keine professionellen Ansätze, um etwas Neues aufzubauen. Und es gab auch niemanden, der es in die Hand genommen hätte.

Schwalb: Auch unser Verein lebt vom Engagement. Deswegen sitzen die Kollegen vom Marketing noch nachts um halb elf da und arbeiten. Nicht weil sie Druck bekommen, sondern weil sie von der Sache überzeugt sind.

Herr Mehrkens, Sie sind ein Beispiel für gelungene Jugendarbeit beim HSV Hamburg. Sie sind mit 13 Jahren gekommen, mit 14 von Lauenburg aufs Sportinternat in Dulsberg gezogen und haben sich in die Bundesliga hochgespielt. Jetzt sind Sie in der Dritten Liga gelandet.

Mehrkens: Ich wollte dem Verein die Treue halten. Ich liebe Hamburg, und der Verein ist wie meine zweite Familie. Als die Profimannschaft insolvent geworden ist, stand es für mich gar nicht zur Debatte wegzugehen. Ich wollte lieber der U 23 helfen aufzusteigen und den Neustart mitmachen.

Schwalb: Das zeigt seinen Charakter. Aber es zeigt auch, wie viel Fantasie in diesem Verein steckt und welche Ausstrahlung er hat. Es ist wichtig, dass es einen gibt, der die Fahne hochhält. Der Handball in Hamburg war ja in den 25 Jahren zwischen dem einen Hamburger SV und dem HSV Hamburg nicht tot. Es gab nur keinen Spitzenhandball.

Schauen Sie sich den HSV an, Herr Bode?

Bode: Ich habe zum Geburtstag von meinen Kindern sogar eine Dauerkarte bekommen. Und es gefällt mir sehr gut. Es ist schön zu sehen, wie aufgeregt die Jungs sind. Ich bin überzeugt, sie könnten noch eine Klasse besser spielen. Bei dem Feuer, das vom Publikum kommt, ist es normal, dass sie überdrehen.

Schwalb: Das ist sehr gut beobachtet. Die Jungs wissen gar nicht, wie gut sie Handball spielen können. Ich sehe sie ja manchmal im Training. An diese Klasse kommen viele Spieler gar nicht heran, wenn es darauf ankommt. Aber ich kann mich selbst an meine Anfangszeit in der Bundesliga als 18-Jähriger erinnern: Die Hände waren vor Aufregung immer schweißnass, da konnte ich noch so viel Harz auftragen. Aber das gibt sich.

Mehrkens: Es stimmt schon, dass uns die Zuschauer unheimlich puschen. Das ist jedes Mal Gänsehaut pur. Und wir würden ihnen gern etwas zurückgeben.

Bode: Als Zuschauer wiederum spürt man, wie hungrig Hamburg auf Handball ist. Da kommen so viele Leute auch von außerhalb – und sie sind begeistert.

Reden wir eigentlich über die gleiche Sportart? Wie sehr hat sich das Spiel verändert?

Schwalb: Ich habe in meiner Anfangszeit im Sommer noch Feldhandball gespielt, übrigens auch einmal in einem Hamburger Stadion. In der Halle ging es da schon schneller und dynamischer zu. Aber auch das ist kein Vergleich zu dem Handball, der heute gespielt wird.

Bode: Ich erkenne meinen Sport schon noch wieder. In der Deckung waren wir mindestens genauso gut. Das Spiel ist natürlich schneller geworden und dafür vielleicht etwas weniger technisch.

Beziehen Sie da das Torwartspiel ein?

Bode: Aber ja. Entschuldigung, aber ein Torwart ist doch kein Hampelmann. Ich lache mich tot, wenn einer aus zehn Metern ein Tor wirft. Die Torhüter spekulieren, dabei sollten sie reagieren. Man muss warten können – und das kann man trainieren.

Schwalb: Aber das können Sie als jemand sagen, der auch das nötige Gefühl mitbringt und Würfe antizipieren kann. Das ist letztlich eine Frage des Talents.

Bode: Und der Kondition. Die meiste Energie verliert ein Torhüter, wenn die eigene Mannschaft angreift. Da stehst du hinten und fieberst mit.

Welche Entwicklung im Handball begrüßen Sie, und welche sehen Sie kritisch?

Bode: Negativ fallen mir vor allem die Schiedsrichter auf. Sie sind offenbar mit der Beschleunigung des Spiels nicht mehr mitgekommen. Die meisten knicken unter dem Druck der Zuschauer ein und verlieren ihre Linie. Aber generell hat sich die Sportart top entwickelt. Es ist irre, welche Voraussetzungen Handballer mitbringen müssen.

Schwalb: Der Handball ist dynamischer geworden. Was ich bedaure: Die moderne Trainingslehre, die gute körperliche Ausbildung der Spieler hat für meinen Geschmack dazu geführt, dass das Spielfeld zu klein geworden ist. Ein Außenspieler kann heute niemanden mehr auswackeln. Da bleibt die technische Finesse, das Individuelle manchmal etwas auf der Strecke.

Mehrkens: Ich kann mich ehrlich gesagt auch nicht erinnern, wann ich einmal jemanden ausgespielt habe. Letztlich muss der Rückraum für mich als Linksaußen die Lücken schaffen.

Schwalb: Es sei denn, man würde jeder Mannschaft einen Feldspieler wegnehmen und mit fünf gegen fünf spielen.

Der Trend geht eher zum siebten Feldspieler. Wie gefällt Ihnen das?

Mehrkens: Manchmal kann es wirklich hilfreich sein, den Torhüter durch einen Feldspieler zu ersetzen. Aber es darf natürlich kein Pass danebengehen. Und mit drei Rückraumspielern und zwei Kreisläufern werden die Räume noch enger, um sich im Spiel eins gegen eins durchzusetzen.

Schwalb: Du beraubst dich auch vieler taktischer Möglichkeiten. Ein Außenspieler läuft ein? Geht nicht. Position wechseln? Geht nicht. Offensive Deckung? Geht nicht. Das Spiel wird starr, man lauert nur darauf, einen halben freien Schritt zu bekommen. Ist das attraktiv? Wollen die Zuschauer sehen, dass der Torwart ständig raus- und reinrennt und sich fast die Füße bricht bei dem Versuch, den Wurf aufs leere Tor noch mit einem Hechtsprung abzufangen? Ich nicht.

Bode: Wenn es eintönig wird und die Varianten fehlen, wird es langweilig. Aber so wie ihr spielt – ihr überrascht euch ja häufig selbst. Da scheinen mir einige Spielzüge nicht so zu laufen wie im Training geplant.

Schwalb: Wir müssen ehrlich eingestehen, dass einige Spieler an ihre Grenzen kommen und das Auge nicht haben.

Wird die Mannschaft im Winter verstärkt?

Schwalb: Wir entwickeln sie kontinuierlich weiter. Dass wir ein Gerüst von Spielern brauchen, die uns auf dem Weg nach oben begleiten, ist klar. Aber wir brauchen auch das Geld dafür.

Das fließt dann doch am 26., oder?

Schwalb: Wir sind dankbar, dass wir die Arena zu günstigen Konditionen nutzen dürfen. Aber vergessen Sie bitte nicht, dass die Eintrittspreise wesentlich günstiger sind als zu Bundesligazeiten. Für die schwarze Null sollte es reichen.

Wie viel Zeit geben die Spieler dem Aufstiegsprojekt?

Mehrkens: Alle Zeit der Welt. Ich stehe hinter dem Verein. Und wenn es zehn Jahre dauern würde, bliebe ich trotzdem dabei. Es gibt keine Vorgabe, wann wir aufsteigen müssen. Im Übrigen mache ich eine Ausbildung bei der Hamburger Volksbank und bin glücklich, dass ich sie mit dem Sport kombinieren kann.

Auch mit der Zweiten und Ersten Liga?

Mehrkens: Das würden wir dann sehen. Der Aufstieg stand für uns nie zur Debatte. Unser Hauptziel ist, die Zuschauer zu begeistern und dafür zu sorgen, dass sie gern kommen.

Herr Bode, Sie waren 1972 bei den Spielen in München dabei. Handball war damals gerade wieder olympisch geworden.

Bode: Ich war damals übrigens Aktivensprecher der deutschen Olympiamannschaft und saß mit am Tisch, als es um die Frage ging, die Spiele wegen des Terroranschlags abzubrechen. Wir hätten sicher um die Medaillen spielen können – wenn wir die beste Mannschaft dabeigehabt hätten und nicht nur die beiden besten aus jedem Verein. Da kämpfte jeder nur darum, spielen zu dürfen. Das konnte nicht funktionieren. Der Bundestrainer tat mir richtig leid.

Haben Sie noch Kontakt zu den HSVern von damals?

Bode: Zu den meisten nicht. Aber einige habe ich bei den HSV-Heimspielen in der Sporthalle wiedergetroffen. Und sie kommen alle sehr gern.