Olympiastützpunkt

Hamburg wird die Beachvolleyball-Hauptstadt

Die Top vier des deutschen Beachvolleyballs (v. l. n. r.): Markus Böckermann, Kira Walkenhorst, Laura Ludwig und Lars Flüggen leben und trainieren in Hamburg

Die Top vier des deutschen Beachvolleyballs (v. l. n. r.): Markus Böckermann, Kira Walkenhorst, Laura Ludwig und Lars Flüggen leben und trainieren in Hamburg

Foto: Andreas Laible / HA

Für die kommenden vier Jahre steigt Hamburg zum sogenannten Leitstützpunkt des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV) auf.

Hamburg.  Wäre da nicht dieser edle braune Anzug gewesen, man hätte glatt meinen können, Andy Grote wäre auf dem Weg zum Strand. Auffallend gut gelaunt, einen Beachvolleyball mit dem Aufdruck „Rio 2016“ unterm Arm, federte der Sportsenator am Dienstagmittag zur Landespressekonferenz in den Raum 151 des Hamburger Rathauses. Den Ball platzierte Grote sorgfältig auf dem Podium, dann holte er zum verbalen Sprungaufschlag aus. „Hamburg wird zum Zentrum des Beachvolleyball-Leistungssports in Deutschland“, verkündete Grote und sah damit ein Ziel erreicht, das er in den vergangenen Monaten immer wieder formuliert hatte.

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Für die kommenden vier Jahre steigt Hamburg zum sogenannten Leitstützpunkt des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV) auf. Konkret bedeutet das: Je drei männliche und weibliche Topteams sowie je ein Nachwuchsteam sollen am Olympiastützpunkt (OSP) in Dulsberg trainieren. Sie werden dabei von je einem Chef- und einem Assistenz-Bundestrainer der Männer und der Frauen betreut. Die beiden Chefposten werden durch den DVV finanziert, die beiden Assistenztrainerstellen teilen sich die Stadt und der Hamburger SV, die dazu eine strategische Partnerschaft mit dem DVV unterzeichnet haben.

„Eine solche Allianz ist einmalig im deutschen Sport“, sagte DVV-Präsident Thomas Krohne und sprach von einem guten Tag für seinen Verband. Zugleich entspreche die Zentralisierung den neuen Vorgaben, die der Deutsche Olympische Sportbund und das Bundesinnenministerium mit ihrer Leistungssportreform gemacht haben.

Auch Stuttgart hatte sich Hoffnungen gemacht, Stützpunkt zumindest für die weiblichen Nationalteams zu werden. „Aber wir wollten gern alle Aktivitäten konzentrieren“, sagte Krohne. Und da hatte Hamburg wohl die besseren Argumente. Erstens: Die besten Spielerinnen und Spieler des Landes – die Olympiasiegerinnen Laura Ludwig/Kira Walkenhorst vom HSV und die deutschen Meister Lars Flüggen/Markus Böckermann vom Club an der Alster – sind ohnehin hier zu Hause.

Deutschland an der Weltspitze etablieren

Zweitens: Die Bedingungen im Trainingszentrum am Alten Teichweg sind so gut, dass sie auch von ausländischen Topteams geschätzt werden. Drittens: Die Infrastruktur am benachbarten OSP mit Diagnosestützpunkt und Trainingswissenschaftlern ist „ein Alleinstellungsmerkmal“, wie OSP-Leiterin Ingrid Unkelbach hervorhob. Viertens ist das Rothenbaum-Tennisstadion der einzige deutsche Schauplatz der World Tour. Die Premiere des Majorturniers im Juni war ein großer Publikumserfolg. Und fünftens hat HSV-Präsident Jens Meier zugesagt, nicht nur Spitzenteams, sondern auch den Nachwuchs zu fördern.

„Unser Ziel ist, den Beachvolleyball in Deutschland an der Weltspitze zu etablieren und an die Erfolge in London 2012 und Rio 2016 anzuknüpfen“, sagte Senator Grote. Er hatte noch in der Nacht des Olympiasieges von Ludwig/Walkenhorst im August um den Zuschlag geworben – mit Erfolg. Stuttgart soll nun wie Berlin Leistungsstützpunkt für den deutschen Nachwuchs werden.

Nationalteams künftig zentral vermarkten

Fraglich ist noch, ob auch alle Aktiven den neuen Weg mitgehen und es gelingt, die gesamte Nationalmannschaft in Hamburg zusammenzuziehen. Es wäre auch die Rückkehr einer verlorenen Tochter. Margareta Kozuch, vor 30 Jahren in der Hansestadt geboren, will nach einer großen Hallenkarriere 2017 an der Seite der früheren Vizeweltmeisterin Karla Borger ihr Debüt im Sand geben. Derzeit wohnt Kozuch in Mailand, wo ihr Lebensgefährte Basketball spielt. Allerdings hatte sie vor Kurzem im Abendblatt-Interview ihre Bereitschaft erklärt, zu Borger nach Stuttgart zu ziehen. Und wenn es nun Hamburg wird? DVV-Chef Krohne zeigte sich „zuversichtlich, sie und auch die anderen Teams von einem Wechsel überzeugen zu können“.

Er setzt dabei weniger auf Zwangsmaßnahmen als vielmehr auf Konzepte. Ein Ziel ist, die Nationalteams künftig zentral zu vermarkten und etwa einen gemeinsamen Trikotsponsor zu finden. „Ein Großteil der Teams hat das befürwortet“, sagte Krohne, „andere Länder haben es uns vorgemacht.“ Vom Erfolg der Akquise wird auch abhängen, wie stark die Spielerinnen und Spieler finanziell unterstützt werden können. Ziel sei in jedem Fall, dass all ihre Kosten übernommen werden. Zudem will der DVV die (halbe) Stelle eines Sportdirektors als Schnittstelle zwischen Aktiven und Verband neu einrichten.

Cheftrainer der Männer steht fest

Die Besetzung ist wie auch die der Trainerposten allerdings noch nicht benannt. Wer Cheftrainer der Männer wird, steht laut Krohne fest, es fehle nur die Unterschrift. Konkreter wollte er nicht werden, da es noch einen gültigen Vertrag gebe. Bei den Frauen muss der DVV dagegen umplanen. Wunschkandidat Marco Solustri (57) zog ein Angebot des japanischen Verbandes vor, die Frauen bis zu den Heimspielen 2020 in Tokio auf Ballhöhe zu bringen. Der italienische Trainerguru betreute 2003/04 bereits kurzzeitig das damalige HSV-Gespann Stephanie Pohl/Okka Rau und war zuletzt in Russland tätig.

Laura Ludwigs Freund Imornefe Bowes (40), bis vor Kurzem Trainer der niederländischen Frauen, wohnt bereits in Hamburg. Krohne: „Er gehört zu denen, mit denen wir reden.“ Verbandsintern ist die Personalie aber aufgrund der privaten Verbindung umstritten.

Auch die Assistenten sind noch nicht benannt. Unkelbach will die Stellen gern ausgeschrieben wissen, zumal die Trainer an ihrem OSP angestellt werden. Bis Anfang kommenden Jahres soll das Team komplett sein.