Abu Dhabi

Finale in Abu Dhabi

Der zurückhaltende Nico Rosberg kann beim letzten Rennen der Saison als dritter Deutscher Formel-1-Weltmeister werden

Abu Dhabi.  Als ob der feuerfeste Anzug, die Gesichtsmaske und der Helm nicht reichen würden: Nico Rosberg, der mit zwölf Punkten Vorsprung in das Finale der Formel-1-Saison gegen seinen Mercedes-Kollegen Lewis Hamilton geht, hält – zumindest sinngemäß – auch außerhalb des Rennwagens das Visier nach unten geklappt. Die selbst gewählte Distanz zu anderen ist ein wichtiger Bestandteil seines Erfolgskonzeptes. In Abu Dhabi kann er am Sonntag (14 Uhr/RTL und Sky) als erster Deutscher in einem Silberpfeil Weltmeister in der Formel 1 werden.

Der rasende Einsiedler, der in Gesprächen so offensiv sein kann, aber schnell auch an den Punkt kommt, an dem er mauert, hat im Fahrerlager den Ruf, unnahbar zu sein, manche empfinden das gar als arrogant. In seiner elften und bisher erfolgreichsten Grand-Prix-Saison hat der 31-Jährige noch ein bisschen mehr zugemacht. Zwölf Zähler Vorsprung auf Mercedes-Teamkollegen Lewis Hamilton muss er ins Ziel bringen. Eine Frage des Könnens, der Nerven und des Glücks. Ist beim Finale tatsächlich der im Vorteil, der wie kein anderer derzeit für „kontrolliertes Fahren“ steht?

Als Typ ist Nico Rosberg bisher nicht herausgekommen, Vermarkter Bernie Ecclestone hat ihn vorab gar als „zu langweilig“ für einen Weltmeister bezeichnet. Auch die deutschen Motorsport-Fans werden nicht so richtig warm mit dem Vize-Champion der vergangenen Jahre. Nico Rosberg ist auch räumlich schwer zu greifen: Geboren in Wiesbaden, ausgewachsen in Monte Carlo, lebt auf Ibiza. Wo soll man denn da feiern? Dass Rosberg fünf Sprachen mehr oder weniger fließend spricht (Finnisch gehört trotz Doppel-Staatsbürgerschaft nicht dazu), macht die Identifikation auch nicht leichter.

Dabei bringt er das gleiche Maß an Talent und eine ebenso hohe Klischeedichte wie seine beiden großen Vorgänger mit. Als „beharrlich“ bezeichnet der „Spiegel“ Rosberg, und diese zutiefst deutsche Tugend sei ausschlaggebend dafür, warum am Sonntag der zehnte Titel in diesem Jahrtausend an die Autobahnnation gehen könne.

Als zu nett ist Nico Rosberg über weite Strecken seiner Karriere bezeichnet worden, als einer, der wenig überholt und sich weniger wehrt, wenn er überholt wird. „Britney“ hatte man ihn wegen der anfangs wallenden blonden Mähne getauft. Aus jener Zeit stammt auch die anhaltende Animosität mit Sebastian Vettel, der Rosberg einmal im Spaß als „schnellste Frau“ der Formel 1 tituliert hatte. Auch mit Michael Schumacher, dessen sportliches Erbe er jetzt antreten könnte, verband ihn in den drei gemeinsamen Mercedes-Jahren ein ambivalentes Verhältnis. Aber vom Rekordweltmeister lernte Rosberg, dass jede Einheit Fitness, jedes Stündchen im Kreise der Renningenieure, jeder verlängerte Moment an Konzentration am Ende den Ausschlag geben kann.

Rosberg wurde jene „kleine, harte Nuss“, als die ihn sein Ex-Teamchef Ross Brawn sieht – und in diesem Jahr hat er im permanenten Kampf gegen Lewis Hamilton deutlich an Ecken und Kanten gewonnen. Er will einfach nicht mehr zurückstehen. Die Niederlagen und die Furcht, ewige Nummer zwei zu bleiben, trotz erstklassiger Bezahlung (gemunkelt wird von 45 Millionen Dollar Jahreseinnahmen), treiben ihn. Und er wird ernst genommen, nicht mehr nur als Musterschüler angesehen. „Er hat sich die Härte antrainiert“, glaubt Niki Lauda.

Fahr- und Lebensstile der beiden differieren weiterhin stark. Hamilton, der emotionale Angreifer, der sich auch auf Parties auslebt. Rosberg, der eher stille Genießer, der sein Familienglück zelebriert: „Zu Hause fühle ich mich am wohlsten.“ Improvisation gegen Perfektion, das ist der zusätzliche Reiz an diesem Duell. Der Deutsche hat nur einen Fehler übers ganze Jahr gemacht, der Brite ein paar mehr, vor allem am Start. Den Ausschlag für die Führung Rosbergs aber gaben die fortgesetzten technischen Probleme am Auto des Titelverteidigers. Tatsächlich fällt einem – wieder – ein zutiefst deutscher Spruch ein: Das Glück des Tüchtigen ...

Die so unterschiedlichen Charaktere tun der Formel 1 angesichts der Dominanz von Mercedes besonders gut, der Konzern hat von Anfang an freie Fahrt signalisiert. Ein Ausscheidungsfahren der Typen. Selbst einer, der kein Typ sein will, hat seine Rolle. Daraus kann jetzt sogar eine besondere Hauptrolle für Nico Rosberg werden. Die des Weltmeisters.