New York

„Das ist mein    Jahr!“

Angelique Kerber ist nicht nur die neue Nummer eins der Welt, sondern hat in New York jetzt auch ihren zweiten Grand Slam gewonnen

New York.  Angelique Kerber schlug sich immer wieder ungläubig die Hände vor das Gesicht und wischte sich die Tränen aus den Augen. Dann setzte die neue Nummer eins der Tennis-Welt und frisch gekrönte US-Open-Siegerin zu einem letzten Sprint an, kletterte in ihre Box und fiel Trainer, Physiotherapeutin und Mama Beata um den Hals.

„All meine Träume sind in diesem Jahr wahr geworden“, sagte Kerber, als sie am Sonnabend um 18.41 Uhr Ortszeit in New York die silberne Henkeltrophäe in die Höhe reckte. Als zweite deutsche Tennisspielerin nach Steffi Graf gewann die 28-Jährige das letzte Grand-Slam-Turnier der Saison. Die neue Weltranglistenerste entschied das Endspiel gegen die Tschechin Karolina Pliskova mit 6:3, 4:6, 6:4 für sich.

„Es ist einfach großartig, unglaublich, das beste Jahr meiner Karriere. Hier hat 2011 alles angefangen und jetzt stehe ich hier mit der Trophäe. Das bedeutet mir sehr viel“, sagte Kerber kurz vor der Pokalübergabe.

Denn eigentlich hatte die Kielerin 2011 schon ans Aufhören gedacht. Zahlreiche Erstrundenniederlagen setzten ihr zu, die Zweifel in ihrem Kopf wurden immer lauter. „Ich war damals wirklich am Boden“, sagt Kerber über ihren Karrieretiefpunkt. Mit ihrem damals sensationellen Halbfinal-Einzug in New York begann ihre Wandlung über eine konstante Top-Ten-Spielerin mit dem Hang zur Nervenschwäche und Niederlagen in engen Situationen hin zur körperlich fittesten und mental abgezocktesten Spielerin auf der Tour.

Steffi Graf ist stolz auf ihre Nachfolgerin

„Glückwunsch an Angie, sie hat bewiesen, dass sie die Nummer eins der Welt ist“, sagte Pliskova, die nach dem Matchball auf die andere Seite des Platzes gegangen war und Kerber umarmte.

Nach 2:07 Stunden verwandelte die 28 Jahre alte Kielerin ihren ersten Matchball und feierte nach den Australian Open Anfang des Jahres den zweiten Grand-Slam-Titel ihrer Karriere. In der neuen Weltrangliste wird Kerber am Montag die bislang Führende Serena Williams nach 186 Wochen am Stück ablösen und die erste Deutsche an der Spitze seit Steffi Graf vor 19 Jahren sein. Kein Wunder, dass die Glückwünsche aus Las Vegas nicht lange auf sich warten ließen: „Klasse erarbeitet, gekämpft und Nervenstärke bewiesen!“, schrieb Graf am Sonntag auf Facebook. „SUPER Angie !!!“

Selbst der Bundespräsident gratulierte noch in der Nacht. „Spiel, Satz und Sieg: Mit Ihnen freuen sich heute viele Menschen in Deutschland über Ihren großen Erfolg“, übermittelte Jo­achim Gauck. „Mit Ihren Spielen – sei es bei den Australian Open, in Wimbledon oder bei den Olympischen Spielen – begeistern Sie die Tennisfreunde und haben sicher auch viele neu für diesen traditionsreichen Sport gewinnen können“, hieß es in dem Schreiben.

Kerber krönte mit dem Titel ihre herausragende Saison 2016. Nach dem Triumph in Melbourne verlor sie in Wimbledon erst im Endspiel gegen Serena Williams und gewann bei den Olympischen Spielen die Silberme­daille. „Nach Melbourne den zweiten Titel zu holen, ist noch einmal eine Bestätigung, die ich mir eigentlich gar nicht mehr einholen muss“, sagte Kerber. „Ich wollte immer Grand-Slam-Titel holen – und jetzt habe ich zwei in einem Jahr gewonnen. Das kann mir keiner mehr nehmen.“

Kerber drehte 1:3-Rückstand im dritten Satz

Pliskova hatte im Halbfinale Serena Williams bezwungen und für die vorzeitige Ablösung der Amerikanerin an der Spitze der Weltrangliste gesorgt. In ihr erstes Grand-Slam-Finale startete die 1,86 Meter große Tschechin mit einem Doppelfehler und kassierte gleich im ersten Spiel des ersten Satzes ein Break. Zum Satzgewinn nach 40 Minuten nahm Kerber ihrer aufschlagstarken Gegnerin erneut das Service ab. Pliskova unterliefen im ersten Satz 17 unerzwungene Fehler, Kerber drei.

Im zweiten Durchgang gelang Pliskova zum 4:3 ein Break, nach 47 weiteren Minuten kassierte Kerber ihren ersten Satzverlust im ganzen Turnier. „Es ist so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich war mir sicher, dass wir drei Sätze spielen, weil sie schwer zu breaken ist“, analysierte Kerber nach dem Match.

Im dritten Satz nahm Pliskova ihrer Gegnerin zum 2:1 das Aufschlagspiel ab und erhöhte schnell auf 3:1. Vor nicht allzu langer Zeit, hätte Kerber den Kopf hängen lassen, doch die neue Nummer eins konterte mit einem Break zum 3:3. „Ich habe versucht, an meine Stärken zu denken und nicht so sehr an ihre und an ihren Aufschlag. Ich wusste, ich kann gut returnieren und das Break zurückholen“, sagte die Linkshänderin, die ihre mentale Stärke nach dem Rückstand im dritten Satz eindrucksvoll unter Beweis stellte. „Als ich ihren Aufschlag zum 3:3 durchbrochen hatte, dachte ich: jetzt oder nie.“

Die Zuschauer im größten Tennisstadion der Welt erlebten eine hochspannende und erstklassige Auseinandersetzung. Ausgerechnet in ihrem letzten Aufschlagspiel schwächelte Pliskova und geriet mit 0:40 in Rückstand. Diese Chance ließ sich Kerber vor mehr als 20.000 Zuschauern im Arthur-Ashe-Stadium nicht mehr nehmen. „Ich habe ein bisschen an Australien gedacht und den Glauben nie verloren“, sagte Kerber später im Studio des TV-Senders ESPN. „Ich bin so glücklich. Alles ist zusammengekommen. Das ist mein Jahr!“