Timmendorfer Strand

Zwei Titel für Hamburg

Ludwig/Walkenhorst und Böckermann/Flüggen werden an der Ostsee deutsche Beachvolleyballmeister

Timmendorfer Strand. Als Olaf Kortmann die Bilder von Laura Ludwig (30) in Hamburg auf dem heimischen Großbildschirm in HD sah, erschrak er ein wenig: „Sie sieht blass und müde aus. Sie scheint mir am Ende ihrer Kräfte.“ Was an Energie übrig war, reichte aber, um in Timmendorfer Strand zum siebten Mal deutsche Beachvolleyballmeisterin zu werden, zum dritten Mal mit Kira Walkenhorst (25). Die Olympiasiegerinnen besiegten im Finale die Weltranglistendritten Chantal Laboureur/Julia Sude (Stuttgart/Friedrichshafen) vor 6000 durchgängig begeisterten Zuschauern in 42 Minuten mit 2:0 (22:20, 23:21)-Sätzen. Der Lohn: Ein weiterer Kleinwagen von Toursponsor Smart.

Im gesamten Turnier hatten die Titelverteidigerinnen in fünf Spielen keinen Satz abgegeben – wie schon drei Wochen zuvor in Rio de Janeiro in ihren letzten vier K.-o.-Begegnungen – vom Achtelfinale bis zum Endspiel. „Keine Frage, sie sind die Besten der Welt“, adelte TV-Experte Julius Brink, mit Jonas Reckermann 2012 in London Olympiasieger, die Hamburgerinnen.

Kortmann (61) war seit Mai 2004 Ludwigs Trainer, Berater und Mentalcoach, er verpflichtete im Herbst 2012 „Goldschmied“ Jürgen Wagner (60) als Cheftrainer, jetzt ist er ihr Vertrauter. Er sagt: „Der Sieg in Timmendorf zeigt einmal mehr die Klasse von Laura und Kira. Sie stehen ein Stück weit über der Konkurrenz. Sie können ein solches Turnier selbst dann gewinnen, wenn sie nach den ganzen postolympischen Belastungen nicht in Bestform sind.“

Bereits im Halbfinale gegen die Olympianeunten Karla Borger/Britta Büthe (Stuttgart) drohte das HSV-Duo im ersten Satz zu straucheln, lag 13:15 zurück, als sich beide neu ordneten und das Spiel rumrissen. Ergebnis: 2:0 (21:18, 21:7). Das Endspiel ähnelte dem.

In beiden Durchgängen mussten Ludwig/Walkenhorst Rückstände aufholen, jeweils von 11:15. Sie nahmen sich ihre Auszeiten, änderten ihre Taktik, schlugen die Bälle beim Aufschlag kurz hinters Netz, verteilten in der Abwehr die Aufgaben neu und hatten fortan das Spiel wieder unter Kontrolle. „Wir haben uns in den vergangenen vier Jahren so viele Werkzeuge erarbeitet, die wir jetzt jederzeit anwenden können“, erklärte Ludwig den ungewöhnlichen Matchverlauf.

Hamburg will Stützpunkt für Männer und Frauen werden

Hilfreich war zudem, dass Walkenhorst in den Endphasen der Sätze, vor allem dann, im Block kaum zu überwinden war, wofür sie als beste Spielerin der Meisterschaften ausgezeichnet wurde. „Wir mussten fighten. Irgendwo haben wir die Energie dafür hergeholt. Der Titel ist eine weitere Belohnung für vier Jahre harte Arbeit“, sagte Walkenhorst. Was Ludwig ergänzte: „Wir haben gespürt, dass die Kräfte schwinden. Wir haben in den vergangenen Wochen aber ein großartiges Feedback für unsere Sportart erhalten, das hat uns noch mal motiviert. Auch in Timmendorf haben uns die Zuschauer fantastisch unterstützt.“ Auf den Sieg stießen sie später mit einem Glas Wein an, bevor sie am Abend eine Autogrammstunde für einen ihrer Sponsoren gaben, die ihnen ein weiteres Lächeln kostete.

Die 24. deutschen Meisterschaften bedeuten für den deutschen Beachvolleyball eine Cäsur. Mit den WM-Vierten von 2015, Katrin Holtwick/Ilka Semmler (Essen), und Borger/Büthe, den Vizeweltmeisterinnen von 2013, beenden zwei langjährige Weltklasseteams ihre Karrieren. Ludwig/Walkenhorst und Laboureur/Sude werden dagegen weiterbaggern, schon wieder von Donnerstag an beim Finale der Welt­serie im kanadischen Toronto.

Wie es danach weitergeht, ist unklar. Der Deutsche Volleyballverband will seine erfolgreiche Standsparte neu strukturieren, drei Leistungszentren mit Bundestrainern in Berlin (Nachwuchs), Stuttgart (Frauen) und Hamburg (Männer) schaffen. Das stößt nicht nur in Hamburg auf Widerstand. Sportsenator Andy Grote sagt: „Wir wollen Stützpunkt für Männer und Frauen werden, bieten dafür mit dem BeachCenter am Alten Teichweg die besten Voraussetzungen.“ Der SPD-Politiker könnte sich vorstellen, eine zusätzliche hauptamtliche Trainerstelle zusammen mit dem Verband und dem HSV zu finanzieren.

Dass Hamburg derzeit die Beach-Hauptstadt Deutschlands ist, unterstrichen die Olympiastarter Markus Böckermann (30)/Lars Flüggen (26) vom Club an der Alster. Sie gewannen das Männerfinale gegen die Berliner Jonathan Erdmann/Thomas Kaczmarek in 62 Minuten mit 2:1 (12:13, 19:21, 15:12)-Sätzen. Nach 2013 (Ludwig/Walkenhorst und Böckermann/Mischa Urbatzka) kommen damit zum zweiten Mal beide Titelträger aus Hamburg. „Nach dem Vorrunden-Aus in Rio war dieser Sieg extrem wichtig. Über den Willen haben wir den nötigen Druck aufgebaut, der uns nach der erfolgreichen Olympia-Qualifikation gefehlt hatte“, sagte Flüggen. „Erst Anfang dieser Woche haben wir im Training wieder das abgerufen, was wir können.“

Beide wollen nun in den nächsten Tagen entscheiden, ob sie auch im nächsten Jahr angreifen. Bei Ludwig/Walkenhorst stellt sich wiederum die Frage, für welchen Verein sie künftig antreten. Seit 2013 schlagen sie für den HSV auf, und der Club möchte seine beiden Vorzeigeathletinnen gern länger an sich binden. Das dürfte jedoch seinen (berechtigten) Preis haben; pro Jahr 120.000 bis 160.000 Euro wird in der Beachszene spekuliert. Die Verhandlungen zwischen dem HSV e. V. und dem Management der Olympiasiegerinnen, der Vitesse Kärcher GmbH aus Fellbach, haben darüber begonnen.

Beredet werden muss wohl auch die künftige Rolle von Cheftrainer Wagner. Er ist stark in seinen Internet-Sportartikelhandel (ballsportdirekt.de) eingebunden, würde gern kürzertreten. Eine mögliche Lösung: Die Hamburger Verbandstrainerin Helke Claasen (39) übernimmt noch mehr Verantwortung als ohnehin schon, Wagner wird Supervisor des Teams.