Rio de Janeiro

„Olympia verliert an Glaubwürdigkeit“

Beachvolleyball-Olympiasieger und TV-Experte Julius Brink über fehlende Nachhaltigkeit, den Sinn der Spiele und die Seuche Doping

Rio de Janeiro. Julius Brink sitzt in einem Café in Ipanema, nur zwei Blocks von der Avenia Vieira Suoto, einer der teuersten Straßen Südamerikes, entfernt. Vor vier Jahren hatte der 34-Jährige Olympiagold im Beachvolleyball gewonnen, in Rio ist er diesmal nur fürs TV dabei – seine deutlichen Worte sorgen dabei aber gehörig für Aufsehen.

Herr Brink, Sie haben sich auf Facebook sehr kritisch zu den Spielen in Rio geäußert. Warum?

Julius Brink: Ich war überrascht, dass das so viele Medien aufgreifen. Aber ich bin hier in einer für mich neuen Funktion als Berichterstatter, und da hat man die Möglichkeit, mehr über den Tellerrand hinwegzuschauen.

Hat man die als Sportler nicht?

Wenn ich mich erinnere, als ich in Peking 2008 das erste Mal dabei war, bekam man kaum was mit. Ich wusste schon, dass da Menschenrechtsverletzungen Thema waren, und in London die Thematik mit dem Sicherheitsrisiko. Aber als Sportler versuchst du, dich damit weniger zu beschäftigen und den Fokus auf das Wesentliche zu richten.

Was ist denn das Wesentliche?

Für einen Athleten ist Olympia der Karrierehöhepunkt, darauf konzentriert man sich. Denn in erster Linie ist das hier ja ein sportlicher Vergleich und keine Bühne, um auf die Probleme dieser Welt aufmerksam zu machen. Dennoch würde ich mir wünschen, dass wir hier etwas hinterlassen. Die Message mit den grünen Spielen bei der Eröffnungsfeier hat mir gut gefallen. Nur leider wird das so gar nicht umgesetzt.

Was erleben Sie in der Realität?

Die Verschwendung von Ressourcen schlägt einem mit einer Brutalität entgegen. Sei es, dass die Busse der Media-Shuttles auf den Parkplätzen stundenlang heißlaufen, Strecken von 400 Metern innerhalb des olympischen Parks mit dem Auto zurückgelegt werden müssen oder die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen – bei 13 Grad Außentemperatur, ganz zu schweigen von den zahlreichen verzichtbaren Plastikverpackungen. Es ist gar kein Empfinden da, und das in einem wunderschönen Land, das für mich Natur verkörpert mit diesen Stränden und dieser grünen Vielfalt. Dass Umweltschutz in einem Land, indem gerade politische Unruhen, Armut und Korruption die vorherrschenden Themen sind, nicht gerade an erster Stelle steht, ist mir schon bewusst. Das ist ja aber auch keine brasilianische Veranstaltung, das IOC ist hierhergekommen und hat diese Message ausgesendet, dann hätte ich mir auch die eine oder andere Maßnahme gewünscht, und nicht nur einen symbolischen Baum, mit dem die Athleten einlaufen.

Immerhin werden in den Stadien Trinkbecher mit Sportart-Symbolen angeboten. Die Zuschauer sammeln sie wie verrückt, dadurch wird kaum Müll produziert.

Die kannte ich nicht, aber das ist schon ein Ansatz. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin bestimmt nicht das größte Vorbild und werfe auch mal Plastik aus Versehen in den Restmüll, aber wir leben in einem Zeitalter, wo es auch um erneuerbare Energien geht. Ich frage mich, ob das nicht in Ansätzen Einzug finden könnte. Mir ist schon klar, das kostet alles, aber ich würde so gern mal Ansätze sehen, damit hier im Land auch nach den Spielen etwas bleibt.

Haben Sie eine besondere Beziehung zu Rio, der Geburtsstätte des Beachvolleyballs?

Auf jeden Fall. Vor 16 Jahren habe ich in Vitoria mein erstes internationales Turnier gespielt, im Jahr darauf kamen wir zum Trainingslager nach Rio. Wir waren total erstaunt, haben auf Märkten alles an Früchten eingekauft, was wir nicht kannten, probiert und gehofft, dass wir es überleben. Diese Cafés hier gibt es auch schon so lange, nur ist es deutlich teurer geworden. Aber man verliebt sich so schnell in die Stadt, die Atmosphäre ist toll, die Menschen so freundlich, und auch wenn du in einer Großstadt bist, hast du immer das Gefühl, du bist in der Natur. Deshalb ist es vielleicht auch so, dass ich mich so einsetze und dass ich Angst habe, dass es irgendwann nicht mehr dieses Paradies ist, weil alles so kommerzialisiert wird.

Können Olympische Spiele zu so einer Entwicklung in einem Land beitragen?

Das kommt darauf an, wie man es angeht. Ich bin Olympia-Fan, deshalb sollte mein Facebook-Post auch keine wütende Abrechnung sein. Ich bin selber Olympiasieger und unfassbar dankbar, dass es diese Spiele gibt, nur sehe ich die Gefahr, dass sie immer mehr an Glaubwürdigkeit verlieren, gerade wenn ich die Bevölkerung in Deutschland sehe mit zweifacher Entscheidung gegen olympische Wettbewerbe. Wenn ich mitbekomme, was an Rückmeldungen auf meinen Post kam, glaube ich, dass die Menschen Olympia nicht grundsätzlich ablehnen, nur können sich viele immer weniger damit identifizieren. Und das hängt damit zusammen, dass sie sich nicht mehr trauen, weil sie Angst haben, belogen und betrogen zu werden.

Sie spielen dabei aufs Thema Doping an?

Auch, ich habe dazu mein Leben lang eine klare Meinung gehabt. Wir leben hier in einer sportlichen Wertegemeinschaft, und wer die verletzt, indem er versucht mit unlauteren Mitteln Erfolg zu haben, sollte ausgeschlossen werden.

Erstmals gab es auch einen Doping-Fall im Beachvolleyball. Trifft Sie das besonders?

Klar, Viktoria Orsi-Toth hat versucht, die gesamte Olympia-Familie zu betrügen, diese Bilder gehen um die ganze Welt. Man stelle sich mal vor, die gewinnt hier Gold, und dann kommt raus, dass sie ein Steroid genommen hat. Das ist richtig hartes Zeug. Man muss sie an den Pranger stellen und nicht wieder zulassen. Das vermisse ich auch in anderen Sportarten. Meiner Meinung nach muss man ein abschreckendes Beispiel schaffen. Wenn Orsi-Toth durch das Doping-Vergehen den Startplatz des italienischen Verbandes verloren hätte, hätte das eine viel stärkere Wirkung gehabt, als sie gegen eine andere Athletin auszutauschen. Dann würde der Verband auch ein größeres Eigeninteresse daran entwickeln, dass die eigenen Sportler sauber sind.

Schauen Sie noch befreit zu, oder fangen Sie bei anderen Beachern an zu zweifeln?

Genau den Gedanken möchte ich nicht haben. Das wäre der Tod unseres Sports. In anderen Sportarten habe ich das schon, deshalb habe ich mir auch das 100-Meter-Finale nicht angesehen. Das ist für mich das Absurdeste, was es gibt. Da sind mehrere schon einmal des Dopings überführt worden, das muss man als Zirkussport betiteln. Ich würde mehrere Tausend Euro drauf verwetten, dass wir in ein paar Jahren Menschen identifizieren, die uns in diesem Rennen betrogen haben. Was das mit Sportarten macht, hat man beim Radfahren gesehen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, sauber so einen Erfolg zu haben und wie toll das ist. Das muss man mit allem schützen, was man hat. Das geht mir zu Herzen, deshalb werde ich auch so emotional. Wenn ich mir vorstelle, beim Schwimmwettbewerb in ein Becken mit einem des Dopings überführten Chinesen springen zu müssen, wo du selber gerade das Letzte aus dir rausquetschst, um dich irgendwie um ein Zehntel zu verbessern, ist das einfach widerlich.

Sie haben die Frage aufgeworfen: Wozu noch Olympia? Wie lautet Ihre Antwort?

Ich glaube, dass der Sport die Antwort geben kann, weil er eine unglaubliche Macht hat. Wir haben immer wieder tolle Entwicklungen und Bilder, die um die Welt gehen, wie das von Kira Walkenhorst und Doaa Elghobashy, wo eine durchtrainierte Athletin im Bikini gegen eine durchtrainierte Athletin in langer Kleidung und Hidschab antritt. Da geht es um Sport und nicht um Islam gegen Christentum. Das ist doch die Antwort auf die Probleme, die wir haben. Es geht um das Miteinander. Außerdem finde ich es genial, dass man innerhalb kürzester Zeit vom Rudern zum Turmspringen gehen kann, und dort Persönlichkeiten sieht, die sonst immer in Vergessenheit geraten und nur alle vier Jahre ihre große Bühne haben.

Genau wie Sie und Jonas Reckermann vor vier Jahren?

Ganz genau. Olympiasieger zu werden war für uns weit über das Ziel hinausgeschossen. Wir hatten in der Olympiasaison Probleme ohne Ende – und plötzlich haust du so ein Ding raus und bist plötzlich gefragt.