Hamburg

Bereit für den ganz großen Wurf

Ein Jahr nach dem Gewinn der Europameisterschaft kämpft die Hamburger Judoka Martyna Trajdos an diesem Dienstag um eine Olympiamedaille

Hamburg.  Das Ausrufezeichen, das aus einer ambitionierten Athletin eine ernst zu nehmende Titelanwärterin macht, das hat Martyna Trajdos im Juni 2015 gesendet. Bei der Europameisterschaft in Aserbaidschans Hauptstadt Baku hatte die Judokämpferin vom Eimsbüttler TV aus Hamburg in der Klasse bis 63 Kilogramm ihren ersten großen internationalen Titel gewonnen.

Ein Blick auf die Weltrangliste verdeutlicht den Stellenwert dieses kontinentalen Triumphs. Nur zwei Sportlerinnen aus den Top Ten kommen nicht aus Europa, mit der Japanerin Miku Tashiro steht nur eine von ihnen vor Trajdos, die Vierte ist. Kein Wunder also, dass nicht wenige Experten die im polnischen Belchatow geborene und als Säugling nach Hamburg gezogene Athletin als aussichtsreichste deutsche Medaillenkandidatin ausgemacht haben, wenn sie an diesem Dienstag (15 Uhr MESZ) in ihren ersten olympischen Wettkampf startet. Wer sich in Europa durchsetzt in dieser Gewichtsklasse, so die einhellige Meinung, der kann es auch bei Olympischen Spielen schaffen.

Martyna Trajdos hat diese Worte wohl vernommen, verrückt gemacht hat sie sich deswegen aber nicht. „Mag sein, dass ich nach Baku anders wahrgenommen wurde. Aber für mich hat sich gar nichts verändert. Ich habe nach wie vor probiert, mich jeden Tag ein bisschen zu verbessern“, sagt sie, „und ich denke, ich habe dort Blut geleckt, um noch mehr zu erreichen.“

Dieses Mehr, das wäre eine olympische Medaille bei ihren ersten Sommerspielen. Und dass sie bereit ist für den ganz großen Wurf, daran glaubt Martyna Trajdos, auch wenn sie hanseatisches Understatement pflegt: „Für mich ist es die größte Belohnung, hier in Rio dabei sein zu dürfen. Ich bin sehr stolz auf mich, es bis hierhin geschafft zu haben, auch wenn der Weg sehr lang und bisweilen auch mal holprig war. Nun gibt es hoffentlich den ersehnten Bonus“, sagt sie.

Seit vorvergangenem Sonntag ist die 172 Zentimeter große Kämpferin, die in Köln Sport und Leistung studiert und in der rheinischen Metropole auch trainiert, in Brasilien. Sie teilt sich im Athletendorf ein Zimmer mit ihrer Teamkollegin Miryam Roper (Klasse bis 57 kg) und hat sich bereits prächtig eingelebt. Der Ärger um die hygienischen Zustände in der Olympiastadt, die Sorge vor Terror und Zika-Viren und die Diskussionen um staatlich gelenktes Doping in Russland – all diese Themen hat Trajdos ausgeklammert aus ihrer persönlichen Vorbereitung. „Natürlich denkt man kurz darüber nach, aber es belastet mich nicht. Letztlich sehe ich, dass alle sehr hilfsbereit und freundlich sind und ihr Bestes tun. Also kann ich mich nicht beschweren“, sagt sie.

Ihr Bestes tut Martyna Trajdos sehr verlässlich, seit 2012 steht sie im Weltbestenranking kontinuierlich in den Top Ten. Für die Vorbereitung auf Rio hat sie keinerlei Trainingsinhalte oder sonstige Gewohnheiten verändert – bis auf den Fakt, dass sie in Rio wegen der Einfuhrbestimmungen auf ihr selbst gebackenes Bananenbrot vor Wettkämpfen verzichten muss. „Ich habe versucht, kleine Feinheiten in meinem Judo-Gesamtbild zu verbessern“, sagt sie. An ihrem Kampfstil, der nur den bisweilen zerstörerischen Vorwärtsgang kennt, ist ja auch nichts auszusetzen.

Angeeignet hat sie ihn sich schon als Jugendliche, beim Raufen mit dem Vater, der sie im Alter von elf Jahren zum Judo schickte, weil er ihre Kraft spürte. Das war der Beginn einer Leidenschaft, die längst Berufung geworden ist. „Der Sport hat mir so viel gegeben, und dass ich nun die Chance bekomme, bei Olympischen Spielen mein Können nachzuweisen, ist natürlich ein Privileg“, sagt sie.

Auf ihren Freund, den französischen Judoka Loïc Korval, der in Baku Silber in der Klasse bis 66 Kilogramm gewann, muss Martyna Trajdos in Rio nicht verzichten. Obwohl er nicht selbst antreten kann, steht Korval seiner Partnerin unterstützend zur Seite. „Das hilft mir sehr“, sagt sie. Immerhin war es der Franzose, der ihr einst zum Leistungsschub verhalf. „Er fragte mich irgendwann, warum ich mich mit den Top 20 zufriedengebe und ob ich nicht mehr wolle. Da habe ich begriffen, dass es noch eine Stufe höher geht“, sagt sie.

Als Ranglistenvierte ist sie fürs Achtelfinale gesetzt

Dem Begreifen folgte das Beweisen, doch weil es mit sportlichen Erfolgen der Vergangenheit ein bisschen so ist wie mit der Zeitung von gestern, die auch kaum jemanden mehr interessiert, ist Martyna Trajdos bewusst, was in Rio auf dem Spiel steht. Es könnte die Krönung ihrer entbehrungsreichen Karriere werden, die sie nur dank der Aussicht auf Erlebnisse wie Olympische Spiele in der belastungsintensiven Form durchziehen konnte. Es könnte aber auch eine der größten Enttäuschungen ihrer Laufbahn werden.

Da sie als Ranglistenvierte für das Achtelfinale gesetzt ist, muss sie auf ihre Gegnerin, die in Runde eins ermittelt wird, etwas warten am Dienstag, bis der erste Kampf ansteht. Sie wird auf die Matte gehen mit dem Vorsatz, die Konkurrenz zu zerstören, wie sie es immer tut. Und dann wird man wissen, ob es Martyna Trajdos gelingen kann, das wichtigste Zeichen der Stärke, den Olympiasieg, zu setzen.