Maria Alm

„Der Fußball muss demütiger werden“

St.-Pauli-Präsident Oke Göttlich spricht über Fehlentwicklungen sowie die Rolle und Strategie seines Clubs im Profibetrieb

Maria Alm.  An diesem Donnerstag kehrt die Mannschaft des FC St. Pauli nach eineinhalb Wochen Trainingslager in Maria Alm nach Hamburg zurück. In den vergangenen Tagen hatte sich auch Vereinspräsident Oke Göttlich (40) vor Ort ein Bild gemacht und stand für ein Gespräch über Aktuelles und Grundsätzliches rund um den Kiezclub zur Verfügung. Im Einzelnen sagte er über ...

… die Bedingungen im Trainingslager in Maria Alm: „Es ist hier eine traumhafte Umgebung, und das Hüttendorf Maria Alm bietet den Spielern alles, was sie sich wünschen. Es ist fantastisch, wie unser Team hier auch mit den neuen Spielern zusammenwächst. Gerade hier ist eine besondere Inte­gration möglich, weil in großen Hütten übernachtet wird und gemeinsam im großen Innenhof gegessen wird. Bisher habe ich von keinem Spieler einen kritischen Ton gehört. Es steht auch schon fest, dass wir im nächsten Sommer wieder hierherkommen.“

... die Lehren aus der sportlichen Entwicklung der vergangenen eineinhalb Jahre: „Wir haben Darmstadt nicht vergessen. Ich denke dabei an das letzte Spiel der Saison 2014/15 bei Darmstadt 98, als wir fast in die Dritte Liga abgestiegen wären. Mir ist es ganz wichtig, dass alle Leute auch im Umfeld realisieren, dass wir die Erwartungen an die neue Saison nicht überfrachten dürfen, auch wenn jetzt alles auf einem guten Weg ist. Wir wissen auch jetzt noch, woher wir kommen. Und das war auf der Klippe knapp vor dem Absturz in die sportliche Drittklassigkeit. Andererseits ist die Tatsache, dass wir diese Situation damals als Team gemeistert haben, immer noch ein großer Energiequell für uns. Zum Glück sind noch eine ganze Menge Spieler bei uns, die das miterlebt haben und weitergeben können, welche Energie das freigesetzt hat.“

… die Erwartungshaltung des Umfeldes nach dem vierten Platz der vergangenen Saison: „Wir müssen uns klarmachen, dass wir in der neuen Saison zwei Mitbewerber haben, die im Vergleich zu uns das Doppelte an Personaletat haben (VfB Stuttgart und Hannover 96, die Red.). Es wäre vermessen, mit denen konkurrieren zu wollen. Es ist generell ein Punkt, den wir auch gern in der Debatte um die Fernsehgeldverteilung wieder aufnehmen. Es wird immer wahrscheinlicher, dass die Absteiger aus der Bundesliga ein Jahr später auch die Aufsteiger sind. Die Liga manifestiert sich immer mehr. Das ist für den Fußball eine problematische Situation.“

… die realistische Zielsetzung: „Wir nehmen natürlich eine gewisse Euphorie wahr, die wir auch einfangen und nutzen wollen. Schließlich haben wir ja auch eine sportliche Ambition. Wir müssen den Leuten aber klarmachen, dass der vierte Platz der vergangenen Saison nicht bedeutet, dass jetzt der dritte oder gar zweite Platz dabei herausspringen wird. Erfolg erreicht man nicht durch Ankündigungen, sondern dadurch, dass man jede einzelne Struktur professionalisiert und so den Erfolg umzingelt, wie ich es in meiner Antrittsrede vor gut eineinhalb Jahren gesagt habe.“

… die positiven Begleiterscheinungen des sportlichen Aufschwungs: „Dreieinhalb Wochen vor dem ersten Heimspiel haben wir nur noch zwei von 39 Logen zu verkaufen. Das ist ein sehr großer Vertrauensvorschuss, den wir von Séparée-Kunden erhalten haben. Wir haben zudem die niedrigste Kündigungsquote bei den Businessseats seit sechs Jahren, als wir zuletzt in die Bundesliga aufgestiegen sind. Zudem ist die Zahl unserer Mitglieder in den vergangenen eineinhalb Jahren von 20.000 auf 23.000 gestiegen. An diesen Werten erkennt man aber auch eine Erwartungshaltung, der wir bestmöglich entsprechen wollen. Das kann nur funktionieren, wenn alle gemeinsam für den Verein arbeiten.“

… seine Erwartung an die Art des vom eigenen Team gebotenen Fußballs: „Wir spielen Fußball für die Leute, für unsere 19 Millionen Sympathisanten und für unsere Fans im Stadion. Wenn wir diese mit unserem Spiel ein Stück weit glücklich machen, machen wir alles richtig – das kann mal eine Defensivschlacht sein und mal ein Offensivspektakel. Ich denke, dass wir auch mit dem aktuellen Team um die Mannschaft herum sehr gut aufgestellt sind.“


… die erste Zwischenbilanz ein halbes Jahr nach dem vollständigen Rückkauf der Merchandisingrechte:

„Es lässt sich schon jetzt feststellen, dass dies keine blöde Idee war. Schon jetzt haben wir zum Beispiel den Umsatzverlust, der durch den Wegfall der Rechte an den Fanartikeln des 1. FC Union Berlin entstanden ist, nahezu komplett ausgeglichen. Es war eine große Aufgabe, eine ganze Firma zu übernehmen und sie in den Verein zu integrieren.“


… die grundsätzliche Ausrichtung des FC St. Pauli im Profibetrieb Fußball: „Wir als FC St. Pauli sind immer noch ein Verein, der für Fußballkultur steht und auch künftig stehen will. Und das ist nicht die Fußballkultur, wie sie vielleicht in der Champions League präsentiert wird. Wir streben danach, bei aller Bescheidenheit und Bodenständigkeit einen Fußball zu repräsentieren, der so menschennah wie möglich funktioniert. Ich finde, dass auch die Europameisterschaft in Frankreich gezeigt hat, dass der Fußball wieder demütiger werden muss. Bei der EM hatte man den Eindruck, dass einige Spieler in der Champions League mehr Spaß und Leistungsbereitschaft zeigen als beim bisher zweitwichtigsten Turnier der Welt. Wir alle müssen aufpassen, dass der Bogen nicht überspannt wird. Wir versuchen uns – genau wie andere auch – für dieses Ziel einzubringen. “

Die Rolle des FC St. Pauli als Rebell: „Wir sind inzwischen glücklicherweise mit Andreas Rettig und Thomas Meggle im sportlichen wie auch im geschäftlichen Bereich so gut aufgestellt, dass wir uns auch den Blick über den Tellerrand hinaus erlauben können. Entsprechend versuchen wir auch, uns bei den für uns wichtigen Themen zu positionieren. Es reicht nicht, von außen als unbequem wahrgenommen zu werden, wenn wir dieses Image nicht auch mit Inhalten füllen können. Wir müssen dafür arbeiten, dass uns der Spaß an unserem Sport nicht verloren geht. Diese Gefahr wird immer größer, je weiter die Schere zwischen reichen und armen Clubs auseinandergeht und je mehr dadurch die Positionen der Vereine in den Ligen manifestiert und Überraschungen immer seltener werden.“